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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 08.04.2015

KeniaEin Kinderheim macht Hoffnung auf die Zukunft

Von Bettina Rühl

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Kinder stehen auf einem Müllberg im Slum Kibera in Nairobi. (picture alliance / dpa / Carola Frentzen)
Viele Kinder in Kenia, so wie in dem Slum Kibera in Nairobi, leiden unter Armut und den Folgen sozialer Spannungen. (picture alliance / dpa / Carola Frentzen)

Die Schwäbin Gudrun Dürr hat vor 15 Jahren in Kenia das Kinderheim "Schöne Aussicht" gegründet. Die Bewohner wurden zuvor misshandelt, sollten zwangsverheiratet werden oder lebten auf der Straße. Ein Besuch bei "Mama Gudrun" und den 44 Kindern.

Mit geübten Händen stellen einige Jungen und Mädchen Teller auf die Tische, legen Messer und Gabeln daneben. Die fünf haben heute Küchendienst in einem Kinderheim namens "Nice View" an der kenianischen Küste. Der Speisesaal ist groß und luftig, weil es an zwei Seiten keine Mauern gibt. So bringt ein leichter Wind etwas Kühlung. In der Hitze am Indischen Ozean ist das wichtig. Die Schwäbin Gudrun Dürr hat das Heim vor 15 Jahren gegründet.

"Immer wieder kann ich es gar nicht fassen. Was da alles entstanden ist und ich bin eigentlich schon dankbar, dass es so geklappt hat."

Dass Gudrun Dürr mal ein Kinderheim in Kenia leiten würde, war vor 20 Jahren noch nicht abzusehen.

"Ich habe ja einen kaufmännischen Beruf erlernt und wollte eigentlich immer Kindergärtnerinnen werden, und das hat nicht geklappt, und ich habe immer gesagt: Wenn ich 40 bin, mache ich etwas Soziales. Was auch immer, ich habe mir eigentlich immer vorgestellt, dass ich etwas für Not leidende Kinder mache."

Inzwischen ist das Essen verteilt. Es gibt Krautspätzle, ein Rezept aus Gudrun Dürrs schwäbischer Heimat. Die 55-Jährige hat die Spätzle zusammen mit einer Kochgruppe der Heimbewohner selbst gemacht. Jetzt sitzen alle 44 Kinder an den langen Tischen vor ihren Tellern, sie schweigen zufrieden und sind mit dem Essen beschäftigt.

"Viele haben auf der Straße gelebt, bevor sie hier Zuflucht fanden. Etwas zu essen zu finden, war jeden Tag ein schwieriger Kampf. Das gilt auch für die 14-jährige Dorothee. Mit ihrem wachen Blick und ihren afrikanischen Zöpfchen wirkt sie keck und selbstbewusst. Aber unter Jeans und T-Shirt ist ihr Körper voller Narben."

Mein Bruder und ich liefen immer wieder für einige Wochen von zu Hause weg, weil wir mit dem Stock geschlagen wurden. Ich fühlte mich zu Hause nicht wohl, deshalb sind wir schließlich ganz abgehauen.

"Mein Traum ist es, Präsidentin zu sein"

Das war vor sechs Jahren, und mit etwas Glück kam Dorothee schließlich nach "Nice View". Oder Regina. Im Alter von zehn Jahren sollte sie verheiratet werden, an einen "sehr alten Mann", wie sie selbst sich erinnert. Sie wollte aber unbedingt weiter lernen und schrieb dem Direktor ihrer Schule einen Brief. Der informierte das Jugendamt, und so kam Regina vor drei Jahren zu Gudrun Dürr.

"Ich bin glücklich, weil mich die Leute hier mögen, auch Mama Gudrun. Wir Kinder lieben einander, als wären wir Geschwister."

Das Kinderheim steht auf einem großen Grundstück, neben einem Mangobaum gibt es einige Spielgeräte. Diejenigen, die ihre Aufgaben im Haushalt erledigt haben, sitzen inzwischen im Gras – weil Ferien sind, muss niemand in die Schule. Die Mädchen flechten sich gegenseitig Zöpfchen. Seit sie einen stabilen Alltag haben, denken sie auch gerne an die Zukunft. Dorothee ist in der Schule sehr gut, seit sie regelmäßig lernt und nicht ständig wieder abhaut.

"Ich möchte gerne Buchhalterin werden. Mein Traum ist es, Präsidentin zu sein, aber Mama Gudrun hat gesagt, dass sogar ein Präsident eine Ausbildung braucht. Wäre ich Präsidentin, würde ich als erstes die Korruption beenden, weil sie Kenia ruiniert. Mein Vorbild sind Länder wie Deutschland. Als zweites würde ich dafür sorgen, dass Waisen und Frauen mehr Gerechtigkeit widerfährt."

Regina ist ein Jahr jünger als Dorothee, hat aber auch schon ein Ziel für die Zukunft.

"Ich möchte Gouverneurin werden, um den Menschen helfen zu können. In unserem Dorf Msembweni gibt es beispielsweise noch nicht einmal Licht. Oft auch kein Wasser, und noch nicht einmal zu essen haben die Menschen genug."

Das alles will Regina einmal ändern. Ihr ist klar, dass sie dafür schon in der Schule einiges leisten muss, aber das Lernen macht ihr sowieso Spaß.
Trotzdem ist sie froh dass sie heute mal frei hat, und von Dorothee neue Zöpfchen gemacht kriegt.

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