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Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.02.2015

Kempowski-Hörspiel "Der Krieg geht zu Ende" Neun Stunden, die unter die Haut gehen

Von Wolfgang Schneider

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Der Schriftsteller Walter Kempowski im Jahr 2004 (dpa / picture alliance / Wüstneck)
Der Schriftsteller Walter Kempowski im Jahr 2004 (dpa / picture alliance / Wüstneck)

Über 5000 Familiennachlässe hat Walter Kempowski zum Zweiten Weltkrieg gesichtet und archiviert. "Der Krieg geht zu Ende" heißt das Hörspiel nach seinem Mammutwerk "Das Echolot", für das er Tagebücher, Erinnerungen und Briefe ausgewertet hatte. Mehr als 200 Schauspieler haben bei der Produktion mitgewirkt.

"Ich versuchte inzwischen eine Frauenleiche aus dem Weg zu räumen, damit nicht jeder darüber stürze. Allein war es zu schwer. Ich bat deshalb den ersten kräftigen Mann, den ich sah, er möge helfen. Dieser aber entschuldigte sich, er habe keine Zeit, er müsse seine Schwester suchen. In meiner Erregtheit sagte ich ihm ein hartes Wort, beleuchtete mit meiner Taschenlampe die Frau, um eine blutfreie Stelle zu finden und allein zuzugreifen. Da stürzte er plötzlich herbei und rief: 'Das ist ja meine Schwester!'"

"Tod und Elend, wohin man blickt und hört."

Dies ist das Leitmotiv. Deutschland ist ein Totenhaus. Die Städte liegen unter Bombenteppichen, auf Todes­märschen sterben noch Tausende von KZ-Häftlingen. Die desorgani­sierten Kolonnen der Wehrmacht und die endlosen Flücht­lings­trecks werden von Tieffliegern zusammengeschossen. In der Ostsee laufen überfüllte Flüchtlingsschiffe auf Minen. Eine Überlebende berichtet, wie sie im eisigen Wasser ihre fünf Kinder verliert:

"Lothar hielt sich an meiner Schulter, und Wolfgang und Edelgard hatte ich in den Armen … Lothar sagte: 'Mutti, ich kann nicht mehr.' So glitt auch sein Arm meinen Rücken entlang, und er versank im Wasser. Eis ging über. Dann verlor ich Wolfgang. Er ging unter. Die Matrosen riefen immer: 'Passt auf, dass euch das Eis nicht zerdrückt.' Ich wurde auch eingeklemmt. Da kam Edelgard noch einmal hoch, und ich fasste zu. Da hatte ich nur noch den Kopf und die Arme in meinem Arm. Die Kleine war mitten durchgeschnitten."

Im Buch fällt an solchen Texten womöglich die etwas unbeholfene Sprache auf. Beim Zuhören aber ist solche Distanzierung unmöglich: Auch der Hörer wird hier buchstäblich kalt erwischt, wird von Grauen und Mitleid ergriffen. Direkt auf diese Passage folgt jedoch ein wütendes Pamphlet von Ilja Ehrenburg, das ganz andere Gefühle vermittelt. Es nimmt das Motiv der toten Kinder auf, schwört aber Rache:

"Ein englischer Politiker hat gesagt: Die Deutschen seien unsere Brüder. Nein, es ist eine Blasphemie, wenn man diese Kindermörder zu der großen Völkerfamilie rechnet. Nicht nur Divisionen und Armeen marschieren auf Berlin. Die Leichen all der Unschuldigen aus den Massengräbern, die Stiefel und Schuhe der in Majdanek erschossenen und vergasten Männer, Frauen und Kinder – sie alle marschieren nach Berlin."

Stimmengewebe findet im Hörspiel zur eigentlichen Form

Walter Kempowskis "Echolot" bietet das babylonische Gemurmel der Epoche – und zugleich ein kunstvoll geknüpftes Stimmengewebe, das im Hörspiel zu seiner eigentlichen Form findet. Zwar verzichtet der Autor auf Wertungen in Form einer mitlaufenden didaktischen Tonspur, aus der kontrapunktischen Montage der Stimmen und Dokumente ergeben sich jedoch Aufschlüsse und Einsichten.

Während für die Deutschen im Westen der Krieg vorbei ist, kommt er im Osten erst ins monströse Endstadium. Großen Teilen der Bevölkerung liegt eine regimekritische Haltung aber weiterhin fern. Ein "Stimmungsbericht aus der Arbeiterschaft" vermerkt Mitte März 1945:

"Mehr und mehr werde die Forderung laut, dass der Führer mit den Verrätern und Saboteuren, die offenbar in Führungsstellen bis ganz oben säßen, aufräume. 'Stalin hat es schon richtig gemacht, als er die ganze Intelligenz der alten Schule ausrottete.'"

Das "Ausrotten" hatte immer noch Hochkonjunktur. Der SS-Terror kam in der Schlussphase des "Dritten Reichs" auf einen Höhepunkt, bei der Verfolgung von Deserteuren und "Defätisten", und insbesondere bei der Auflösung der KZs:

"Es lässt sich nur schwer vorstellen, was innerhalb des Lagers los war. Tausende waren getötet, erschossen worden, der Weg innerhalb des Lagers, den man zur Evakuierung gehen musste, war von Leichen bedeckt, auf einer Entfernung von etwa anderthalb Kilometern."

Geschichtsschreibung erzählt auch das Grässliche im geordneten Rückblick. In diesem grandiosen Hörspiel dagegen ist das "gurgelnde Chaos" des Jahres 1945 nachzuempfinden: Geschichte als Mahlwerk der Individuen, Alltag und Horror dicht nebeneinander, neun Stunden, die unter die Haut gehen.

Walter Kempowski: Der Krieg geht zu Ende
Hörspiel von Walter Adler
Hörverlag, Hamburg 2015
7 CDs, 9 Stunden, 29,99 Euro

Mehr zum Thema:

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