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Tonart | Beitrag vom 02.11.2020

Keith Jarrett: "Budapest Concert"Keine Konzerte mehr, dafür ein Live-Album

Matthias Wegner im Gespräch mit Mathias Mauersberger

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Ein Musiker sitz an einem Klavier und spielt voller Leidenschaft. (Daniela Yohannes / ECM Records)
Das meditative, aber auch das dramatische, sich verdichtende Spiel zeichnet den Pianisten Keith Jarrett aus. (Daniela Yohannes / ECM Records)

Der US-Pianist Keith Jarrett hat vor Kurzem bekannt gegeben, dass er seine Konzertkarriere aus Gesundheitsgründen beendet. Mit "Budapest Concert" ist zumindest ein weiteres Live-Album erschienen. Das letzte werde es nicht sein, so unser Jazzredakteur.

Vor knapp zwei Wochen gab es Pianist Keith Jarrett bekannt: Er könne keine Konzerte mehr spielen. Nach zwei Schlaganfällen ist er nicht mehr in der Lage, seinen linken Arm richtig zu bewegen. Somit findet eine große Musikerkarriere leider ein trauriges Ende. Aber immerhin wurde mit dem "Budapest Concert" von 2016 vor wenigen Tagen ein neues Live-Album von ihm veröffentlicht.

Das komplette Konzert, das in der Béla Bartok Concert Hall stattgefunden hatte, wurde am Freitag auf einem neuen Doppelalbum erstmals veröffentlicht. Im vergangenen Jahr gab es bereits ein Live-Album von Keith Jarrett, das zwei Wochen vor diesem Budapest-Konzert 2016 in München aufgenommen worden war. Unser Kollege Ulrich Habersetzer lobte es damals sehr. Er sagte, "darauf sei ein Keith Jarrett in absoluter Höchstform zu erleben".

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"Auch in Budapest war er offenbar ziemlich gut drauf", urteilt Jazzredakteur Matthias Wegner. "Das intensive Spiel, das stets auf Improvisationen aufbaut, das meditative, das entspannte, aber eben auch das dramatische, das sich verdichtende Spiel" – Jarrett habe sich all dessen bedient, was ihn auszeichnet und wofür er bekannt geworden ist.

Fokussiert, klar, gradlinig

Das Budapest-Konzert sei vergleichsweise kleinteilig – anders, als es sonst oft bei Jarrett sei, "der auch oft ein Set in einem durchgespielt hat, wodurch sehr lange Stücke entstanden sind". In Budapest gab es zwölf Teile plus zwei Zugaben. "Es fehlen dadurch die großen Bögen, für die er – auch - berühmt geworden ist; das trancehafte Spiel, das einen an einen anderen Ort bringt."

Das bedeute aber nicht, dass Jarrett weniger intensiv spiele, sagt Wegner. Der Musiker spiele vielmehr anders intensiv. "Er spielt fokussierter, klarer, gradliniger und zum großen Teil auch weniger komplex."

Die beiden kurz hintereinander aufgenommenen Konzerte in München und Budapest seien relativ ähnlich, auch vom Aufbau her. Lediglich das Ende unterscheidet sich etwas. "Das Spiel von Keith Jarrett in dieser Zeit war formidabel, das Energielevel hoch, die Form eine ähnliche."

Live-Aufnahmen ohne Beschimpfungen des Publikums

Dass Jarrett seine aktive Karriere als Live-Musiker aus gesundheitlichen Gründen beenden muss, hinterlasse eine große Lücke, so Wegner. "Konzerte von ihm waren stets ein Ereignis." Aber dazu gehöre auch, so der Jazzredakteur, dass Jarrett berüchtigt gewesen sei für seine Dünnhäutigkeit dem Publikum gegenüber. Zum Teil habe er das wüst beschimpft und etwa gedroht, nicht weiterzuspielen, wenn noch jemand hustet oder ein Schirm umfällt. "Das hat – ehrlich gesagt – ganz schön genervt und hat einem ein wenig den Spaß am Konzert genommen", sagt Wegner, der einen solchen Ausbruch selbst erlebte.

Das Gute bei den Live-Aufnahmen sei, dass man diese Dünnhäutigkeit nicht so mitbekomme und es somit "ein ganz anderes Hörerlebnis" sei. Es werde mit Sicherheit nicht das letzte Live-Album sein, das Jarrett veröffentlicht.

(abr)

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