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Kommentar / Archiv | Beitrag vom 05.07.2005

Keine Trauer um die Mauerkreuze der Frau Hildebrandt

Von Günter Hellmich

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Bauarbeiter reißen die Kreuze an der privaten Mauer-Gedenkstätte in Berlin am früheren Checkpoint Charlie ab (AP)
Bauarbeiter reißen die Kreuze an der privaten Mauer-Gedenkstätte in Berlin am früheren Checkpoint Charlie ab (AP)

Es lohnt nicht, den Mauerkreuzen am Checkpoint Charlie auch nur eine Träne nachzuweinen. Doch das Drama um das Kitschdenkmal zeigt die Unfähigkeit der Berliner und ihrer Landesregierung mit der eigenen Geschichte umzugehen.

Auf den Tag 15 Jahre ist es her, dass der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin Walter Momper und Rainer Eppelmann - in jenen Tagen Abrüstungs- und Verteidigungsminister der DDR- vereinbarten, bis Jahresende die innerstädtische Mauer vollständig abzureißen. Anders als manch andere Pläne der Wendezeit wurde diese Vereinbarung konsequent umgesetzt.

Es war die Zeit, in der man vor allem die Mauer in den ost- und westdeutschen Köpfen bekämpfen wollte, die realexistierende Sperranlage sollte da nicht materiell im Wege stehen. Fürs Gedenken sollte ein Stückchen Mauerstrecke in der Bernauer Straße übrig bleiben - samt einzurichtender Gedenkstätte - natürlich auch noch die East-Side-Gallery wegen der Mauerbilder - zum Beispiel das vom Bruderkuss.

Die offizielle Doktrin aber lautete: Wenn zusammenwachsen soll, was zusammengehört, dann muss verschwinden, was an die Trennung erinnert. Übersehen wurde, dass die Bernauer Straße zwar historisch ein sehr wichtiger Ort fürs Mauergedenken ist – nur leider weit ab von allem öffentlichen Leben. Das Brandenburger Tor – bisher zumindest in vielen Köpfen immer noch ein Symbol für die deutsche Teilung – verliert diesen Charakter immer mehr. Das hängt mit der Vollendung der Rekonstruktion des Pariser Platzes zusammen, aber auch mit dem Nachwachsen einer Generation, der nicht mehr die Bilder des Brandenburger Tores mit Mauer und Stacheldraht vorm inneren Auge erscheinen.

Dass angesichts dessen niemand in der Berliner Landesregierung auffiel, dass hier in der Berliner Mitte, wo die Mauer das Herz der Stadt zerschnitt, eine Gedenkstätte fehlt, kann man nur als offensichtliche Fehlleistung deuten. Das mag jetzt mit der politischen Konstellation zu tun haben: Für den zuständigen PDS-Kultursenator, übrigens das einzige Regierungsmitglied aus der ehemaligen DDR, hat das Mauergedenken sicher nicht die erste Priorität. Aber auch unter CDU-Führung hatte der Senat das Mauergedenken im Zentrum dem privaten Mauermuseum am Checkpoint Charlie überlassen. Dort, wo heute die verkitschte Mauer-&-Kreuze-Installation abgeräumt wurde, sollten übrigens nach alter Planung längst Geschäftshäuser stehen, die nur wegen der Immobilienkrise bisher nicht zu realisieren waren.

Spät aber noch nicht zu spät hat der Bundestag die Initiative in die Hand genommen und beschlossen, was die Berliner Landespolitik nicht vermochte: Am Brandenburger Tor soll eine Gedenkstätte entstehen. Dort wo sie hingehört. Deshalb gab es überhaupt keinen Grund eine spekulative Installation wie das Mauerkreuzensemble stehen zu lassen – und Frau Hildebrandt ein weiteres Mal zuzugestehen – dass für sie Gerichtsurteile eigentlich keine Bedeutung haben.

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"Der Checkpoint Charlie ist und bleibt ein Symbol"

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