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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 11.09.2007

Keine Spur von Panik in Big Apple

New York sechs Jahre nach den Terroranschlägen

Moderation: Jürgen König

Blick auf Ground Zero in New York, sechs Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September. (AP)
Blick auf Ground Zero in New York, sechs Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September. (AP)

Sechs Jahre nach dem Angriff auf das World Trade Center herrscht in New York normaler Alltag, berichtet die New York-Korrespondentin Martina Butler. Allerdings gibt es Streit um das Gedenken: Bürgermeister Michael Bloomberg verlegte die zentrale Gedenkfeier von Ground Zero in einen nahegelegenen Park, was den Angehörigen der Opfer nicht gefiel.

Jürgen König: 9/11: Heute vor sechs Jahren erlebte Amerika einen Angriff auf eigenem Boden, wie es ihn nie zuvor gegeben hatte. Die Bilder der Flugzeuge, die in die Türme des World Trade Center einschlagen, die Bilder von Menschen, die von den brennenden Türmen herab in die Tiefe springen, die Bilder der Staub- und Aschewolken, die die Straßen Manhattans erfüllen, Entsetzen und Chaos überall, diese Bilder gingen tagelang um die Welt, wurden immer wieder neu gezeigt und wer sie gesehen hat, wird sie nicht vergessen. Wie sieht es heute, sechs Jahre später, in New York aus, fragen wir die ARD-Korrespondentin Martina Butler. Guten Morgen.

Martina Butler: Guten Morgen.

König: Frau Butler, was man hier für gewöhnlich von New York hört, liest, sieht, das macht den Eindruck eines normalen Metropolenalltags. Selbst Ground Zero, wenn dann davon die Rede ist, wirkt in den Berichten schon wie eine Routinebaustelle. Stimmen diese Eindrücke?

Butler: Die Eindrücke stimmen zum Teil. Der Alltag hat New York natürlich schon lange wieder, morgens ist die U-Bahn um 8 Uhr wirklich vergleichbar mit einer Sardinenbüchse, man muss noch ein bisschen nachschieben, damit auch der Letzte noch reinpasst. Es ist also wirklich ein ganz normaler Alltag in den Straßen wieder, und man spürt sehr, sehr wenig, um nicht zu sagen, gar nichts von einer latenten Angst oder Panik, die da sein sollte in der Stadt.

Das geht allerdings auch gar nicht anders, denn wer in dieser Stadt wohnt und hier zur Arbeit fahren muss, zur Arbeit laufen muss, irgendwie sich in dieser Stadt bewegt, aber irgendwie die ganze Zeit im Hinterkopf hat, was könnte hier passieren, was könnte da passieren, kann eigentlich in New York gar nicht leben. Das schafft man gar nicht, das schafft man selbst persönlich und auch seelisch nicht, das zu verkraften, von daher ist so etwas wie Alltag natürlich da.

Aber gleichzeitig: Genau diese Bilder, die Sie eben angesprochen haben, sind natürlich bei den New Yorkern tiefer verankert als bei jedem anderen, das heißt, sobald etwas passiert in dieser Stadt - ich nehme mal das Beispiel Explosion einer Dampfleitung im Juli hier in Grand Central, also wirklich mitten in der Stadt - wird sofort die Frage wieder wach, ist da ein terroristischer Hintergrund, was ist da passiert? Und natürlich fällt sofort erst mal der Vergleich zum 11. September, es heißt also: Solch eine Dampfwolke, das sieht genau so aus, ist das vielleicht genau so etwas, wie wir es damals erlebt haben? Das heißt, im Unbewussten sind diese Bilder natürlich noch vorhanden und sie schwemmen immer wieder hoch, sobald etwas Ungewöhnliches, womöglich zuerst auch Unerklärliches in dieser Stadt passiert, und dann - natürlich - spürt man diese Angst, sehr, sehr deutlich, wenngleich sie im Alltag eben wirklich zur Seite geschoben wird.

König: Der 11. September 2001 war für die USA und besonders für New York ein absolutes Trauma. Was hat man getan, dieses Trauma zu lindern?

Butler: Da gibt es die unterschiedlichsten Wege, wie eben Angehörige oder auch Menschen, die einfach ganz normal das als New Yorker erlebt haben oder zum Helfen, als Polizisten, Feuerwehrleute, hingelaufen sind, die in den Türmen gearbeitet haben, damit umgehen. Es gibt sehr, sehr viele Selbsthilfegruppen, sehr, sehr viele Betroffene haben natürlich auch psychologische Hilfe in Anspruch genommen, oder Menschen, die auch ... Zum Beispiel Journalistenkollegen, die an Ground Zero eben, oder damals eben an den Trümmern des World Trade Center gestanden haben, von dort berichtet haben, die mit den Bildern selbst nicht klar gekommen sind, sind oftmals in psychologische Behandlung gegangen. Und man spürt es immer wieder, ich kenne Kollegen, die sagen, wenn ich in einen blauen Himmel gucke, sehe ich immer Menschen, die mir entgegenspringen, also, wo wirklich Jahre danach noch das Trauma vorhanden ist und wo man eben versucht, mit Selbsthilfegruppen damit umzugehen, natürlich auch mit öffentlichen Gedenkfeiern.

Also, am 11. September, das ist natürlich die bekannteste Gedenkfeier, die jedes Jahr auf Ground Zero, dieses Mal zum ersten Mal in einem Park um die Ecke von Ground Zero stattfindet, wo die Namen der 2.749 Opfer vom World Trade Center verlesen werden. Es ist also eine sehr große, monumentale Gedenkfeier, aber es gibt natürlich auch die kleineren Formen, dass manche Angehörige oder Menschen, die sich mit diesem Tag und diesem Ereignis so verbunden fühlen, zum Beispiel auf ihren Autos Aufkleber haben, wo man das World Trade Center sieht und daneben dann eben die Worte "We will never forget" - wir werden es niemals vergessen.

Das ist immer eine Frage, wie man persönlich damit auch umgehen will, denn es gibt durchaus zum Beispiel auch Angehörige, die sagen, ich möchte diese Bilder des World Trade Center, ob als Aufkleber oder im Fernsehen, wo ich sehe, dass die Flugzeuge auf die Türme zufliegen, gar nicht mehr sehen, weil ich immer wieder und immer wieder diesen Moment dadurch neu durchleben muss. Es ist also wirklich eine Frage, wie jeder Einzelne damit umgeht.

Ein Teil der Angehörigen oder Menschen, die im World Trade Center gearbeitet haben, zu Hilfe geeilt sind am 11. September, haben ihre Form des Umgangs zum Beispiel in einem Informationszentrum gefunden, direkt am Ground Zero, wo die Geschichte des World Trade Center - und vor allem natürlich des 11. September - erzählt wird, und wo vor allem die Leute, die halt die Führungen durch dieses Center und auch an Ground Zero machen, Menschen sind, die etwas mit diesem Tag verbindet, sei es nun, dass sie ihre Angehörigen verloren haben oder sie selbst dort gearbeitet haben und es gerade nur raus geschafft haben und dadurch natürlich den Geschichten, die sie von diesem Gebäude oder von diesen Gebäuden und diesem Tag erzählen, einen ganz persönlichen Touch geben und natürlich eine ganz eigene Perspektive. Es ist ihre Form, im Endeffekt, mit der Erinnerung zu leben.

König: Das ist auch so eine Art therapeutische Führung für sie selbst.

Butler: Das ist auch eine Art therapeutische Führung für sie selbst, durchaus. Ich habe mich zum Beispiel mit dem Vater eines Feuerwehrmannes unterhalten, der gesagt hat, für mich ist es etwas, so kann ich die Erinnerung an meinen Sohn aufrecht erhalten, von seinem Sohn wurde zum Beispiel der Feuerwehrhelm und auch die Jacke noch gefunden, die sind auch ausgestellt in diesem Informationszentrum. Er geht also tagtäglich daran vorbei und setzt sich damit auseinander, was passiert ist, möchte aber diese Geschichte auch weitertragen.

Allerdings ist ein ganz großes Anliegen dieses Informationszentrums, dass sie keine politische Botschaft haben, dass sie also nicht versuchen, irgendjemanden politisch zu beeinflussen oder zu sagen, da stehen wir, sondern einfach wirklich die Geschichte der Menschen zu erzählen, von Mensch zu Mensch. Und das ist etwas Therapeutisches für diejenigen, die es machen, aber auch für diejenigen sicherlich, die es besuchen. Lange Zeit, bis vor wenigen Monaten, haben Psychologen noch ehrenamtlich dort gearbeitet, die sind eigentlich rumgelaufen wie ganz normale Besucher, sind nicht weiter aufgefallen, sind in Zivil da rumgelaufen, aber haben Menschen angesprochen, die eben offensichtlich von den Bildern und Erinnerungen so überwältigt waren, dass sie einfach Hilfe brauchten. Sie haben sie angesprochen und haben gesagt, können wir irgendwie helfen, und das müssen nicht zwangsläufig nur New Yorker gewesen sein.

König: Sie haben eben, Martina Butler, gesagt, dass die heutige offizielle Gedächtnis- und Gedenkfeier in New York zum ersten Mal nicht mehr auf dem Gelände von Ground Zero stattfinden wird, sondern in einem benachbarten Park. Ist das Anzeichen von Normalität oder gewachsener Normalität, oder stehen dahinter ganz pragmatische Gründe, nämlich, dass auf Ground Zero gebaut wird?

Butler: Sowohl als auch. Der Bürgermeister der Stadt New York, Michael Bloomberg, hat zum einen gesagt, es ist natürlich ein Bauloch, und es sind vor allem viele Bauarbeiten dort, und es nicht sicher, dort eine Gedenkveranstaltung in der Größe zu machen, wie sie eben geplant ist und wie sie auch jedes Jahr stattgefunden hat in den vergangenen fünf Jahren. Und das wird ja von Jahr zu Jahr, je weiter der Bau dort auch fortschreitet, nicht sicherer, sondern eher unsicherer, auch für diejenigen, die dort hingehen, und er möchte natürlich vermeiden, dass es zu irgendwelchen Unfällen kommt.

Gleichzeitig sagt er aber auch, es ist Zeit, sich weiterzubewegen, sein Erinnern, sein Gedenken vielleicht ein bisschen zu ändern, deswegen fand er die Idee, in den Zuccotti Park, der also wirklich gegenüber von Ground Zero ist, zu gehen, gar nicht so schlimm. Allerdings, da hat er ein wenig die Reaktion mancher Angehörigen wahrscheinlich auch unterschätzt, die also gesagt haben, das geht nicht, wir müssen an diesen Ort, wir müssen direkt an Ground Zero unsere Gedenkveranstaltung machen. Sie haben auch versucht, mit einem Sonderantrag eben eine eigene Veranstaltung dort auf die Beine zu stellen, sind damit allerdings gescheitert, und deswegen wird es am 11. September eben die Erinnerung in dem Park geben, das erste Mal an einem anderen Ort, und es wird viele Leute geben, die damit durchaus auch Probleme haben.

König: In Deutschland hat es ja lange Debatten über die unterschiedlichen Möglichkeiten des Gedenkens gegeben, denken wir nur an die schier endlos scheinende Debatte zum Bau des Holocaust-Mahnmals. Solche Debatten hat es in New York zum Thema 9/11 auch gegeben. Welchen Stand haben diese Debatten mittlerweile erreicht? Welche Positionen stehen sich da jetzt gegenüber oder vielleicht auch nicht?

Butler: Immer wieder bei neuen Veranstaltungen oder bei neuen Anlässen gibt es eben neue Diskussionen, wie zum Beispiel bei der Diskussion um den Zuccotti Park, ob man dort die Gedenkveranstaltung machen sollte. Ein Teil der Angehörigen hat gesagt, das geht überhaupt nicht, und ist auf die Barrikaden gegangen, andere haben gesagt, das ist in Ordnung, da teilen sich zum Teil auch die Gruppen, von denen man eigentlich meint, sie sind in allem vereint. Es geht auch, zum Beispiel, darum, wie die Gedenkstätte aussehen soll an Ground Zero. Es gab wirklich jahrelang Diskussionen darum, wie man sie gestaltet, in welcher Reihenfolge die Namen genannt werden, ob es alphabetisch ist, ob man es nach Zugehörigkeit zu Firmen macht, wie überhaupt das alles dargestellt werden soll.

Und da teilen sich wirklich die einzelnen Gruppen dann untereinander, es gibt keine klare Linie, wo man sagen könnte, das ist die Gruppe eins, das ist die Gruppe zwei. Es hat jedes Mal mit den persönlichen Interessen zu tun und mit dem persönlichen Gedenken eben auch, wie man sich an seine Angehörigen erinnern will. Ich kenne Angehörige, die sagen, wir haben nach dem 11. September zwar am Ground Zero oder am damaligen World Trade Center noch unsere Angehörigen gesucht, aber sind dann nie wieder zurückgegangen, auch nicht zu den Gedenkveranstaltungen. Es ist etwas sehr Individuelles.

Was allerdings, denke ich mal, relativ unumstritten ist und jedes Jahr seit dem 11. September in New York zu sehen ist, sind die beiden großen blauen Lichtstrahlen, die bei der Dunkelheit in den Himmel ragen, die aussehen wie die zwei Türme des World Trade Centers und die eben die ganze Nacht bei der Dunkelheit zu sehen sind, dort, wo eigentlich vor sechs Jahren noch die beiden Türme gestanden haben. Da gab es, denke ich mal - zumindest nach dem, was ich so in den letzten Jahren verfolgen konnte - keine großen Auseinandersetzungen. Das ist eine Erinnerung, mit der sehr viele Menschen sehr gut leben können.

König: Wo früher das World Trade Center stand, an Ground Zero, da wird kräftig gebaut, am Freedom Tower des Peter Eisenman. Anfang 2008, war hier zu lesen, soll nun mit dem Bau von drei weiteren Wolkenkratzern begonnen werden. Es hat ja ein langes Hin und Her und ewigen auch verwirrenden Streit über diese Wiederbebauung gegeben. Welches ist der Stand der Dinge?

Butler: Es wird kräftig gebaut, es sind jeden Tag ein paar hundert Bauarbeiter wirklich am Werke, wenn man zu Ground Zero geht, sieht man eine riesengroße Baustelle mitten in Manhattan, und es soll eben jetzt im Juni und Juli des kommenden Jahres der Spatenstich für die drei folgenden Türme noch passieren. Der als Freedom Tower benannte Turm hat schon die ersten Stahlträger im Boden und bis 2011/2012 rechnet man damit, dass die Gebäude fertig sind. Das ist das Ziel, das sind die Planungen. Die Fundamente für viele der Gebäude, wie zum Beispiel auch für die Gedenkstätte, sind jetzt gelegt und man baut wirklich auf. Dort passiert etwas an Ground Zero und in wirklich wenigen Jahren, also, in vier, fünf Jahren, soll eben alles bezugsfertig sein, wenn es glatt läuft. Und dann sind knapp 16 Milliarden Dollar verbaut worden, und wenn es keine weiteren, großen Diskussionen gibt, die etwas hindern, sehen wir schon vielleicht zum zehnjährigen Jahrestag die ersten neubezogenen Gebäude.

König: Vielen Dank! New York, sechs Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September - ein Gespräch mit unserer New York-Korrespondentin Martina Butler.

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