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Zeitfragen | Beitrag vom 09.10.2018

Keine Lehrstelle trotz Azubi-Mangel"Viele Jugendliche fühlen sich nicht mehr gesehen"

Von Philip Banse

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Ein junger Mann sitzt am Dienstag vor dem Eingang zur Agentur für Arbeit in Leipzig. (dpa/ lsn)
Nur mit Hauptschulabschluss kann es schwierig werden, eine Lehrstelle zu finden. (dpa/ lsn)

Etwa 50.000 Lehrstellen sind unbesetzt. Gleichzeitig suchen Tausende Jugendliche händeringend eine Ausbildung. Haben sowohl die potenziellen Berufseinsteiger als auch die Betriebe zu hohe Ansprüche?

"Ich bin ja...komme aus Köpenick, bin jetzt seit fast einem Jahr beim Jobcenter und bin halt ausbildungssuchend."

Jan Klieschat ist jetzt 21 Jahre alt und im Auto seiner Eltern unterwegs, um seine Tochter von der Kita anzuholen. Jan Klieschat wirkt sehr aufgeräumt, ist freundlich, interessiert. Er hat nur einen Hauptschulabschluss, findet keine Ausbildung und lebt von Hartz IV.

"Das fühlt sich an sich ein bisschen blöd an, weil das ist vorne und hinten nichts. Wer ist denn schon gern abhängig vom Staat und möchte sich nicht selber mal etwas aufbauen und was erreichen?"

Es muss halt viel zusammenpassen

Aber nur mit einem Hauptschulabschluss kann das – allen Berichten über drohenden Fachkräftemangel zum Trotz – schwierig sein: "Wir haben erhebliche Unwuchten auf dem Ausbildungsmarkt", sagt Matthias Anbuhl vom Deutschen Gewerkschaftsbund, DGB.

"Einerseits steigt die Zahl der betrieblichen Ausbildungsplätze, die wir nicht besetzen können. Andererseits gibt es noch eine viel höhere Zahl von Jugendlichen, die den Sprung von der Schule in eine Ausbildung einfach nicht schaffen."

Rund 50.000 Lehrstellen sind unbesetzt, obwohl es mehr als genug Bewerber gibt. Das sei wie auf dem Heiratsmarkt, so der Tenor des Bundesinstituts für Berufsbildung: Es muss halt viel zusammenpassen zwischen Arbeitgeber und Azubi. Ort, Interessen, Chemie.

Hinzukommt, dass viele Arbeitgeber sehr anspruchsvoll seien oder wenig Lohn zahlten. Und so haben sich über die Jahre viele Menschen angesammelt, die drohen, ins Abseits zu rutschen.

Ein Leben in Langzeitarbeitslosigkeit

Nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbunds gibt es in Deutschland über zwei Millionen Menschen zwischen 20 und 34, die keine Ausbildung haben, keinen Ausbildungsplatz, keinen Studienplatz und auch keinen Platz in einem Freiwilligendienst.

"Und diesen Menschen droht ein Leben in Langzeitarbeitslosigkeit oder prekärer Beschäftigung. Sie werden langfristig kaum ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen können und das ist gesellschaftlich ein großes Problem."

Bis zur zehnten Klasse lief soweit alles gut bei Jan Klieschat. Er ging auf die Anna-Seghers-Oberschule in Berlin Adlershof, hatte gute Noten, sagt er. Dann nahte die Prüfung für den Mittleren Schulabschluss – und kurz vor der Prüfung starb ein enges Familienmitglied.

Er fiel durch die Prüfung und wechselte die Schule

Jan warf das völlig aus der Spur, er konnte nicht mehr lernen und fiel durch die Prüfung. Er wechselte an eine andere Schule, wiederholte die zehnte Klasse.

"Und da habe ich immer super Noten gehabt, aber war eben halt krank, Krankschreibung zu spät abgegeben und dadurch nicht zur Prüfung zugelassen worden."

Er habe die Krankschreibung einen Tag zu spät abgegeben, sagt er. Deswegen sei er ein zweites Mal durch die MSA-Prüfung gefallen und stand nun mit einem Hauptschulabschluss da.

Wo und wie sollte er nun eine Ausbildung als Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung machen? Ein Thema, dass ihn seit Jahren interessiere? Jan Klieschat blieb nur eine Privatschule.

Die Schule schlägt Praktika vor

Während dieser Privat-Ausbildung wurde er dann Vater. Er unterbrach die Ausbildung, was für die Schule kein Problem war. Allerdings wollte die Schule, dass er ein abschließendes bezahltes Praktikum macht, um die Kosten zu senken. Und das wird zum Problem. Die Schule schlägt ihm Praktika vor, die er aber nicht akzeptiert – zu schlecht seien die gewesen, sagt er. Er besorgt sich selber ein Praktikum, was die Schule aber nicht akzeptiert.

Jan Klieschat wird es zu bunt. Er bricht die Ausbildung ab. Er habe viel gelernt, sagt er, aber nun keinen Abschluss. 12.400 Euro für die Privatschule – bezahlt von seinen Eltern, seinem Kindergeld und seinen Ersparnissen. 12.400 Euro sind verloren. Das war genau vor einem Jahr.

Zu diesem Zeitpunkt erfüllt Jan Klieschat fast alle Bedingungen, die nach Erkenntnissen des Bundesinstituts für Berufsbildung "erfahrungsgemäß eine Vermittlung in Ausbildung eher erschweren": Jan Klieschat ist älter als 20 Jahre und er hat einen Hauptschulabschluss.

Die gucken "nur auf die Schulnoten"

Vor einem Jahr also meldet sich Jan Klieschat beim Jobcenter und bekommt Harz IV. Bei zehn Betrieben hat Jan sich bisher beworben. Aber mit Hauptschulabschluss und abgebrochener Ausbildung...
 
"Es ist leider so, dass viel gar nicht reagieren. Entweder kriegen sie Emails nicht oder sie ignorieren sie einfach."

Die Politik müsse sich mehr um Menschen kümmern wie Jan Klieschat: Menschen, denen der Übergang zwischen Schule und Ausbildung einfach schwerfällt, sagt Matthias Anbuhl vom Deutschen Gewerkschafttsbund.

"Viele Jugendliche fühlen sich einfach nicht mehr gesehen und gehört, wenn man sagt, es gibt einen Azubi-Mangel, sie aber keinen Ausbildungsplatz finden. Das löst Spannungen aus und ist nicht gut für die Demokratie."
 
Ein Software-Betrieb hatte sich auf Jan Klieschats Bewerbung gemeldet. Das Gefühl sei gut, sagt Klieschat. Er wünscht sich nichts mehr, als mal eine Chance zu kriegen, dass sich Unternehmen vom Zeugnis lösen und er mal zeigen kann, was er drauf hat.
 
"Du kommst aus der Schule raus oder hast wie ich so ein bisschen Hickhack und willst dann eine ganz normale Ausbildung so machen und meistens klappt es halt nicht, weil die Leute ganz altmodisch auf die Schulnoten gucken und sagen: Nein, das passt uns nicht. Sie stufen viele Menschen einfach als dumm ein. Nur weil sie den Schulabschluss nicht haben. Das heißt doch nicht, dass ein Mensch dumm ist."

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