Seit 15:05 Uhr Interpretationen

Sonntag, 18.11.2018
 
Seit 15:05 Uhr Interpretationen

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.06.2010

Keine Idylle in Kapstadt

Caryl Férey: "Zulu", Piper, München 2010, 476 Seiten

Podcast abonnieren
Der Protagonist sucht unter anderem den Tafelberg auf. (dpa / picture alliance / Jon Hrusa)
Der Protagonist sucht unter anderem den Tafelberg auf. (dpa / picture alliance / Jon Hrusa)

Wahrscheinlich kann in diesen Wochen die im Grunde sinnlose Frage nicht ausbleiben: Ist der Thriller "Zulu" des 1967 geborenen französischen Schriftstellers Caryl Férey nun der Roman zur WM, quasi das literarische Gruselprogramm zwischen den Spielen?

Nun ist das Buch allerdings bereits 2008 in Frankreich erschienen, wo es zahlreiche Preise erhalten hat. Außerdem bietet die packende Story trotz des Handlungsortes Kapstadt keinerlei Eskapismus. Auch die Unsitte, einen Kommissar zwecks Wohlfühl-Lektüre mit "allzu menschlichen" Schwächen zu verhübschen, wird nicht geboten: Chefermittler Ali Neumann alias "Zulu" wurde zu Apartheid-Zeiten von der mit dem ANC konkurrierenden Inkatha-Partei beinahe zu Tode gefoltert; seitdem ist er impotent und wird am Ende seinen dennoch ungebrochenen Aufklärungselan mit dem Leben bezahlen.

Er hatte sich zuvor nämlich in jenes Minenfeld aus ethnischem Zwist und finanziellen Interessen begeben, das auch in der sogenannten "Regenbogen-Nation" noch immer hoch explosiv ist. Ein beunruhigend vernetzter weißer Rassist versucht schwarzen Township-Kindern mittels Drogen das Aids-Virus weiterzugeben, Pharmakonzerne spielen ihr eigenes Spiel, und die übliche Alltagskriminalität (über 60 Morde pro Tag) tut ein Übriges, um jegliche Harmonie-Stereotype zerplatzen zu lassen.

Gleichwohl ist Caryl Férey – Autor von bislang zwölf in Frankreich sehr erfolgreichen Büchern in der Tradition des roman noir – alles andere als ein Zyniker und Gewalt-Ästhet. Bei aller Ambivalenz und Komplexität der Geschichte bleibt der ethische Kompass klar ausgerichtet, degenerieren die Schock-Elemente nie zum Selbstzweck.

Und auch stilistisch ist "Zulu" im Grunde eine veritable Respektbezeugung vor dem neuen Südafrika, das ohne das humane Genie Nelson Mandelas und unzähliger Namenloser längst völlig in Anarchie und Gewalt versunken wäre. Im Unterschied zu manch angelsächsischem Thriller-Routinier belässt es Férey eben nicht dabei, seine Figuren lediglich über touristisch wieder erkennbare Örtlichkeiten wie den Tafelberg, Robben Island oder die Church Street marschieren zu lassen, sondern schickt sie ebenso in die verborgenen Villen der Weißen und neureichen Schwarzen wie in die hoch ausdifferenzierte Welt der Townships. Ein Roman, dessen unbedingte Ehrlichkeit sich als literarische Brillanz buchstabiert.

Besprochen von Marko Martin

Caryl Férey: Zulu
Thriller
Deutsch von Jörn Pinnow
Piper, München 2010
476 Seiten, 19,95 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur