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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 20.06.2012

Kein Kinderkram

Wie Erziehung und Bildung gering geschätzt werden

Von Stephan Hebel

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Warum sind uns Gehälter von Erzieherinnen nur halb so viel Wert wie die von Ingenieuren? (AP)
Warum sind uns Gehälter von Erzieherinnen nur halb so viel Wert wie die von Ingenieuren? (AP)

Berlin hat kein Erdöl, schrieb jüngst ein kluger Zeitgenosse, und dieser Mangel trifft, wie bekannt, auf die meisten Regionen Deutschlands zu. Wir haben kein Erdöl - das ist der Grund, aus dem Politiker uns jeden Sonntag erzählen, Deutschlands wichtigste Ressource sei das Wissen und Können der Menschen. Und der Bohrturm, mit dem wir diese Ressource fördern, heißt bekanntlich: Bildung.

Es hat sich diesem Bekenntnis in den letzten Jahres ein zweites hinzugesellt: Bildung fängt nicht in der Schule an. Bildung beginnt im Kleinkind-Alter. Und hier geht es um das, was man mit einem schönen alten Begriff "Charakterbildung" nennt.

Es geht um soziales Verhalten. Um gutes Sprechen. Um Spaß am Lernen. Um alles, was Kinder mit großem Vergnügen spielend entwickeln, wenn man ihnen dabei ein bisschen hilft. Es geht nicht darum, unter ökonomischen Zwängen möglichst reibungslos zu funktionieren. Sondern es geht um die Fähigkeit, sich später in der Gesellschaft zurechtzufinden und sie vielleicht sogar zum Guten zu verändern.

Wie gesagt: Jeder Politiker wird das Gleiche erzählen. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Wären die Emirate am Golf mit ihrem Öl so umgegangen wie wir mit unseren menschlichen Ressourcen - es würde wegen Benzinmangels längst kein Auto mehr fahren. Deutschland fördert seinen Reichtum nicht, sondern schätzt ihn chronisch gering. Bildung und Erziehung sind zwar in aller Munde. Aber, um noch einmal im Bild zu bleiben: In Wirklichkeit sind wir auf dem Stand texanischer Ölpumpen aus der Zeit der Industrialisierung.

40 Jahre sind vergangen seit den erbittert geführten Kämpfen um Bildungsreform und Gesamtschule. 40 Jahre hat es gedauert, bis sich die Idee des gemeinsamen Lernens auch mit der CDU wenigstens im Ansatz durchsetzen ließ. Wenn es um den Ausbau der Kleinkind-Betreuung geht, war und ist der ideologische Kampf noch heftiger. Noch heute tun ja manche Leute so, als wolle der Staat den Eltern die Kinder wegnehmen, nur weil er für 30 oder 40 Prozent einer Altersgruppe Krippenplätze baut - und selbst das nicht fristgerecht hinbekommt.

Vor allem die CSU redet den Leuten ein, dass Eltern, die zu Hause bleiben, nur durch das Betreuungsgeld gewürdigt werden könnten. Als wäre denen nicht besser geholfen durch die konsequente Anerkennung von Erziehungszeiten bei der Rente oder durch anständige Rückkehrmöglichkeiten in den Beruf nach einer Babypause. Und wo es Krippen gibt, werden Erzieherinnen und Erzieher mit einem Einstiegsgehalt von gut 2000 Euro abgespeist. Haben wir gutsituierten Mittelschichtler schon mal überlegt, warum die Menschen, denen wir unsere Kinder anvertrauen, nur halb so viel wert sein sollen wie der Ingenieur, der unser nächstes Smartphone baut?

Statt daran etwas zu ändern, versuchen Politikerinnen wie Ursula von der Leyen uns einzureden, man könne den Erziehermangel mal schnell mit Hartz-IV-Empfängern oder arbeitslos gewordenen Schlecker-Frauen lösen. Ja, Frau von der Leyen, das wäre theoretisch möglich. Aber wenn es keine Show-Veranstaltung wäre, dann bräuchten die Verkäuferinnen mindestens drei Jahre Zeit für eine angemessene Ausbildung. Und dann sollte die Regierung das Geld für die Weiterbildung von Arbeitslosen nicht um ein Drittel kürzen, wie in diesem Jahr geschehen.

Na sicher, der Staat hat kein Geld, heißt es landauf, landab. Das sagen dieselben Leute, die die ganze Welt wie ein Unternehmen betrachten. Für sie ein kleiner Hinweis: Den Gutverdienern und Vermögenden dieses Landes verkaufen wir die Daseinsvorsorge zum Dumpingpreis, statt diesen Preis - beim Staat nennt man ihn bekanntlich Steuern - für die, die können, ein bisschen zu erhöhen. Nicht aus Spaß oder Neid - sondern um eine wirklich wichtige Ressource zu erschließen.

Mit anderen, wiederum systemgerechten Worten: Wer nicht investiert, sollte auf Ertrag nicht hoffen. Ob es um Bildung geht oder nur um Öl.


Stephan Hebel, freier Autor (Frankfurter Rundschau)Stephan Hebel, freier Autor (Frankfurter Rundschau)Stephan Hebel, Journalist, geboren 1956 in Frankfurt am Main, studierte Germanistik und Romanistik, bevor er 1986 Redakteur der "Frankfurter Rundschau" wurde. Er arbeitete im Nachrichtenressort, als Korrespondent in Berlin, im Ressort Politik und als Mitglied der Chefredaktion. Seit 2011 ist er als politischer Autor tätig.




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