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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.09.2011

Kein heller Schein

Elfriede Jelineks "Kein Licht" in Köln uraufgeführt

Von Ulrich Fischer

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Die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek bekam 2004 den Literaturnobelpreis. (AP)
Die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek bekam 2004 den Literaturnobelpreis. (AP)

Kölns Intendantin Karin Beier hat ein Stück von Elfriede Jelinek zur Atomkatastrophe in Fukushima uraufgeführt. Sie stellte "Kein Licht" eine eigene Textcollage mit dem Titel "Demokratie in Abendstunden" voran.

Elfriede Jelinek ist eine Ausnahmeschriftstellerin. Die österreichische Nobelpreisträgerin ist außerordentlich vielseitig – ein Besuch ihrer Website lohnt. Kommentare zu brennenden Problemen der Zeit finden sich, Schriften zur Musik, zum Theater, zur Kunst, Romane – vor allem aber Dramen.

Im letzten Jahr schrieb Elfriede Jelinek auf Bitten des Kölner Schauspiels ein Stück über den Einsturz des Stadtarchivs, Titel: "Ein Sturz". Wohlgemerkt: geschrieben nicht in einem, sondern ganz bewusst in zwei Worten: "Ein Sturz". Zusammen mit zwei anderen Jelinek-Stücken inszenierte Kölns Schauspielchefin Karin Beier die Uraufführung von "Ein Sturz". Die Anerkennung war überwältigend. Das Publikum stürmte die Theaterkasse und bei einer Umfrage am Ende der Spielzeit wählten Kritiker Elfriede Jelineks "Ein Sturz" zum Stück des Jahres, die Uraufführung zur Inszenierung des Jahres und Kölns Schauspiel zum Theater des Jahres.

Kein Wunder, dass Karin Beier sich entschloss, zur Eröffnung der Spielzeit abermals ein neues Stück Elfriede Jelineks vorzustellen, Titel: "Kein Licht". Die Uraufführung bildet den zweiten Teil des Abends, der mit "Abenddämmerung der Demokratie" beginnt. "Demokratie in Abendstunden" ist, wie schon der Titel andeutet, ein Stück über die Demokratie in der Krise. Karin Beier, Kölns Intendantin und die Regisseurin des Abends, hat zusammen mit ihren Dramaturginnen eine Collage aus Texten von Joseph Beuys, John Cage und Rainald Goetz zusammengefügt, der Untertitel lautet: eine Kakofonie.

Das Stück beginnt mit einer Orchesterprobe. Der Dirigent ist ein schwieriger Mann, Typ sensibler Künstler. Die Musiker sind Individualisten, keiner fühlt sich recht gewürdigt. Kein Wunder, der Dirigent macht sie zur Schnecke, wenn sie nicht spielen, wie er sich das vorstellt. Die Atmosphäre ist gespannt. Von außen dringt Donner in den Probenraum und langsam überschreitet die Handlung die Grenze des Realen hin zum Surrealen.

Einige Musiker wollen sich von der Tyrannei des Dirigenten befreien – aber sie sind sich nicht einig. Der Konzertmeister, ein Gewerkschafter, will Reformen. Reicht nicht, meint eine Kollegin, es muss eine Revolution her. Der Dirigent wartet ruhig ab, wie sich die Streithähne gegenseitig ermüden, ergreift am Ende wieder seinen Stab und bringt sein Orchester dazu, halbwegs hörbar die Probe zu Ende zu bringen.

Karin Beier und ihr Ensemble arbeiten heraus, dass diese Lösung passabel sein mag, gut ist sie nicht. Der Dirigent ist wahrhaftig kein Künstler, der andere neben sich fördern könnte. Übertragen auf die politische Sphäre: für den Alltag vielleicht tauglich, aber in Krisen?

Das leitet über zum zweiten Teil des Abends. Es wird im gleichen Bühnenbild (Johannes Schütz) gespielt. Karin Beier nimmt den Titel von Elfriede Jelineks "Kein Licht" wörtlich. Die Bühne ist anfangs stockdunkel. Die Zuschauer hören Stimmen. Man kann sie in der Finsternis keinen Sprechern zuordnen. Dann kommt ein lautes Rauschen, der Tsunami – im Mittelpunkt des kurzen, nur einstündigen Stücks steht die Katastrophe von Fukushima. Als das Licht angeht, stehen einige Schauspieler in einem Glaskasten. Sie spielen Instrumente, aber es ist nichts zu hören. Die Kommunikation ist gestört.

Später treten Schauspielerinnen mit Clownsnasen auf. Eine spricht von einer Naturkatastrophe. Die andere bagatellisiert die Katastrophe. Alles nicht so schlimm. Elfriede Jelinek prangert die Unfähigkeit zu lernen an.

Der Zusammenhang zwischen dem ersten und dem zweiten Teil des Abends ist offensichtlich: Die Demokratie ist im jetzigen Zustand nicht in der Lage, wirklich mit großen Herausforderungen fertig zu werden. Katastrophen können sich wiederholen. Wir bleiben hinter unseren Möglichkeiten zurück. Es ist ein Abend der Mahnungen. Das Theater gibt sich nicht als Lehrmeister, meint nicht, alles besser zu wissen. Aber es legt doch den Finger in die Wunde – es ist nicht gut so, wie es ist.

"Ein Sturz" im letzten Jahr war dringlicher, radikaler und auch theatralischer, ein herausragender Theaterabend. "Demokratie in Abendstunden" und "Kein Licht" ist Durchschnitt, kein wirklich heller Schein.

Homepage Kölner Schauspiel

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