Das Feature, vom 06.07.2021, 19:15 Uhr

Kein Abschiebeflug wie jeder andereSeehofers 69 - (1/4) Willkommen und Tschüss

Es war ein Abschiebeflug wie jeder andere, bis Horst Seehofer scherzte: „Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag...“ Drei Jahre später finden wir einige der 69 Afghanen wieder: Im Chaos von Kabul, gestrandet in Moria und zurück in der bayrischen Idylle.

Blick nach außen aus einer dunklen Flugzeugkabine (Don Espresso/Photocase)
(Don Espresso/Photocase)

Nawid zerschnitt sich die Arme, Abdul zeigte noch verzweifelt seine Zeugnisse, Basir entkam und tauchte unter. Am 04. Juli 2018, an Horst Seehofers 69. Geburtstag, wurden 69 Afghanen abgeschoben. Zurück in ein Land, in dem nach beinahe 20 Jahren NATO-Einsatz nach wie vor einer der tödlichsten Konflikte der Welt tobt.

Dabei hatten sie doch alles richtig gemacht: Deutsch gelernt, Berufsschulen absolviert und Ausbildungsverträge unterschrieben. Lange glaubten Basir, Nawid, Amir und Abdul nicht, dass sie einmal abgeschoben werden könnten. In Afghanistan herrscht Bürgerkrieg. Doch am Ende sitzen drei von ihnen in einem Flugzeug nach Kabul.

Wir reisen ihren Geschichten hinterher bis nach Kabul, nach Griechenland und in die bayerische Provinz. Denn tatsächlich konnten einige zurückkehren, als Fachkräfte, nach einem schier endlosen Kampf gegen bürokratische Windmühlen.

Es sind Geschichten von Freundschaften, die im "Wir schaffen das"-Sommer 2015 entstanden und in denen sich die große Frage unserer Zeit widerspiegelt: Wer hat das Recht in Wohlstand und Frieden zu leben?

Bildergalerie zur Feature-ReiheNach der Abschiebung flieht Abdul mit seiner Familie erneut und landet im Flüchtlingslager Moria. Die 6 Monate alte Kissana leidet wie tausende andere im Lager an Krätze. Duschen oder warmes Wasser gibt es monatelang nicht.Abdul lebte vor der Abschiebung im bayrischen Altenstadt, war ehrenamtlich in der Jugendhilfe aktiv, machte seinen Berufsschulabschluss und unterschrieb kurz vor seiner Abschiebung einen Ausbildungsvertrag als Altenpflegehelfer.Das eigentlich provisorische Flüchtlingslager Kara Tepe auf der griechischen Insel Lesbos im September 2020. Die BewohnerInnen dürfen nur einmal pro Woche aus dem Lager. Rund 10.000 Menschen wohnen dort nach den Brand von Moria. Auch Abdul Sultani.Am 3. Juli 2018 kurz vor Mitternacht hebt das gecharterte Flugzeug vom Flughafen München Richtung Kabul ab. Mit 69 jungen Männern an Bord ist es bis heute die größte Sammelabschiebung nach Afghanistan. Bundesinnenminister Horst Seehofer lenkte mit einem vermeintlichen Scherz alle Aufmerksamkeit auf den Abschiebeflug und die Schicksale der 69 Abgeschobenen.  Amir Jafari hat eine Ausbildung als Elektrotechniker in Aussicht, als er abgeschoben wird. In Afghanistan lädt er sich ein deutsches Elektrotechnik-Lehrbuch herunter. Zwei Jahre später ist er zurück in Bamberg und beginnt seine Ausbildung.Josephine Steiger arbeitete fast ihr ganzes Leben lang für die IHK Augsburg. Heute hilft sie abgelehnten Asylbewerbern dabei, legal in Deutschland eine Ausbildung beginnen zu dürfen. Basir und Nawid sind beste Freunde. Sie sollten zusammen abgeschoben werden, doch Basir versteckt sich. Und während Nawid in Kabul landet, taucht Basir unter. Heute machen beide eine Ausbildung zum Hotelfachmann - im gleichen Hotel.

Seehofers 69 (1/4) - Willkommen und Tschüss
Feature-Serie von Armin Ghassim und Annette Kammerer

Regie: Dörte Fiedler
Es sprachen: Bettina Hoppe, Toni Jessen, Urs Winiger, Armin Ghassim und Annette Kammerer
Musik: Chico Mello
Dank an: Emran Feroz und Massih Hoseini 
Ton: Jean Szymczak
Redaktion: Wolfgang Schiller
Produktion: Deutschlandfunk/NDR 2021

Armin Ghassim (31) und Annette Kammerer (28) sind Autoren bei Panorama im Ersten. Sie haben beide beim NDR volontiert und mit Stipendien in London und Belfast studiert. Kammerer war Marion-Dönhoff-Stipendiatin der IJP, Ghassim ist Träger des Helmut-Schmidt-Journalistenpreises. 

Feature-Reihe "Seehofers 69"

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