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Tonart | Beitrag vom 12.11.2014

KeimzeitZufälliger Wendehit

Wie "Irrenhaus" zu einem Soundtrack der Umbruchzeit wurde

Von Jutta Petermann

Die Band "Keimzeit" in der Kulturbrauerei Berlin. (picture alliance / dpa / XAMAX)
Die Band "Keimzeit" in der Kulturbrauerei Berlin. (picture alliance / dpa / XAMAX)

Bereits 1988 hatte die brandenburgische Band Keimzeit das Album "Irrenhaus" aufgenommen. Da aber der staatliche Musikvertrieb Amiga das Album in der DDR nicht veröffentlichen wollte, musste die Band bis zu Mauerfall warten. Dann ging alles ganz schnell.

Norbert Leisegang: "Als wir 1988 das Album 'Irrenhaus' aufnahmen, das war ja noch in den Studios des DDR Rundfunks/Radio DDR. Dann gingen wir mit diesem Album, als es aufgenommen war, zur Schallplattenfirma Amiga und dort sagte uns der Agent, dass diese Musik, die wir da aufgenommen haben, nichts tauge und solche Songs wie 'Frau aus Gold' für ihn Unsinn sind und dass wir, wenn wir eigentlich, wenn wir überhaupt mit der Plattenfirma zustande kommen wollten, dann müssten wir noch neue Songs aufnehmen, ja, und dann sind wir da rückwärts aus der Tür wieder raus."

Konzentration auf Live-Auftritte

Eine Enttäuschung, die sich in der Karriere von Keimzeit schneller als gedacht als vorteilhaft erweisen sollte. Verbiegen wollen sich Norbert Leisegang und seine Bandkollegen 1988 für einen Plattenvertrag nicht. Sie konzentrieren sich wieder auf ihr Kerngeschäft, die Liveauftritte in ihrer Heimat Brandenburg.

Konzertreisen ins Ausland genehmigt ihnen das Kulturamt in Belzig nicht, das "Kinderlied", in dem Leisegang das Spiel mit Waffen thematisiert, wird auf den Index gesetzt und darf nicht öffentlich aufgeführt werden. Obwohl sie nur Lokalhelden fernab des DDR-Musikestablishments sind, erleben Keimzeit die künstlerische Enge ihres Landes am eigenen Leib.

Aber dann geht ab dem 9. November 1989 alles ganz schnell.

"Mit der Grenzöffnung hat ja einiges damals ganz schnell stattgefunden, weil man wusste, hier kann man Geld verdienen."

Den ersten Vertrag zu ergattern, ist auf einmal vollkommen unkompliziert, schon die zweite Plattenfirma, die Hansa aus West-Berlin, greift zu. Die arbeitet u.a. damals mit Rio Reiser, den Leisegang sehr verehrt. Das Risiko für die Hansa ist minimal, die Songs sind ja schon aufgenommen, die Bänder bekommt sie für einen sehr guten Preis. Das Stück "Die Frau aus Gold" schafft es zwar auch diesmal nicht aufs Album, aber dafür der Song, der Keimzeit 1990 zu der vielleicht ersten gesamtdeutschen Band macht.

"Irrenhaus" als gesamtdeutscher Song

Die Worte des Songs "Irrenhaus" spiegeln scheinbar kongenial die aktuelle Situation nach dem Mauerfall wieder, aber es war alles ganz anders, erzählt Norbert Leisegang.

"Irre ins Irrenhaus ist kompletter Zufall gewesen, ich hatte vorher noch einen anderen Song, der kam aus der NDW-Ecke, irgendwie war der zu spröde, weiß gar nicht mehr, worüber der ging, und dann habe ich die nächste Stufe eines Songs weiterentwickelt und da kam dieses Irrenhaus dabei heraus."

Unter dem Einfluss der gesellschaftlichen Veränderungen 1989 ist keiner der 13 Songs auf "Irrenhaus" geschrieben worden, sagt Leisegang. Die Atmosphäre von Auflösung und Umbruch verströmt das Album unbewusst und trifft damit den Nerv eines deutsch-deutschen Publikums. Nicht nur der DDR-Jugendfunk DT64 spielt das Stück rauf und runter.

Die jahrelange Keimzeit der Band ist vorbei, die musikalische Saat geht auf, das Album verkauft sich auch nach den Erwartungen einer westdeutschen Plattenfirma gut und zu den Konzerten, die früher eher familiären Charakter hatten, kommen nun um die 1000 Leute. Norbert Leisegang und die Band genießen die Popularität und wie etliche ihrer Landsleute die neue Freiheit.

"Ich hab Tickets gekauft nach Amsterdam, Dublin und New York und hab mir Europa und die Welt angeschaut."

Die Reibung fehlt

Eine gesellschaftliche Utopie scheitert, die wirkliche Welt macht sich breit im Osten und im Leben von Keimzeit. Leisegang sieht das definitiv positiv, aber auch recht nüchtern, denn die Reibung mit den Oberen erlebt der Haupttexter, Komponist und Sänger der Band rückblickend als kreativ sehr inspirierend.

"Also für mich war die Marktwirtschaft doch sehr progressiv für mein Leben, vielleicht nicht für meine Songs. Denn einige meiner engen Freunde meinen: Nach der Wende hast Du nix Vernünftiges mehr geschrieben. Vielleicht kann man das nicht so komplett sagen, aber ich erkenne schon, wenn man großen Repressalien ausgeliefert ist, den Hals richtig voll hat, ist man geneigt, nicht unbedingt politisch, aber emotional tiefgreifende, coole Songs zu schreiben. Ich muss nicht Propaganda schreiben, nur 'ne Liebesgeschichte, aber die wird dann echt groovy."

Mehr zum Thema:

"Wir wollten einfach gute Partys haben"
(Deutschlandfunk, Corso, 05.05.2012)

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