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Zeitfragen | Beitrag vom 24.09.2019

Kaum Alternativen fürs umstrittene FettKein Palmöl ist auch keine Lösung

Von Benjamin Müller

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Eine Hand schmiert mit einem Löffel Nuss-Nougat-Creme auf ein Brötchen. (dpa / Sebastian Kahnert)
Nougat-Creme, Kekse oder Fertigpizza: In etwa jedem zweiten Supermarkt-Produkt steckt Palmöl. (dpa / Sebastian Kahnert)

Die Palmölproduktion ist für die Abholzung der Regenwälder mitverantwortlich. Doch den umstrittenen Rohstoff zu ersetzen, ist schwierig. Verbraucher können aber trotzdem etwas für die Umwelt tun.

Diese Woche schon Palmöl gekauft? Vermutlich ja, und vermutlich, ohne es zu merken. Denn das tropische Öl steckt in allen möglichen Produkten, mal viel davon, mal weniger. "Palmöl ist in fast allem, was süß ist", sagt Ilka Petersen von der Umwelt-Organisation World Wildlife Fund (WWF). Ob Kekse, Chips oder in der Fertigpizza und selbst im Fleisch landet über die Futtermittel Palmöl. "Wir schätzen, dass in etwa jedem zweiten Produkt im Supermarkt das Öl enthalten ist – ob versteckt oder nicht", so Petersen.

Rund 1,2 Millionen Tonnen Palmöl hat Deutschland im Jahr 2017 eingeführt. Dazu kommen noch rund 700.000 Tonnen, die in Fertig- oder Zwischenprodukten stecken. 1,9 Millionen Tonnen Import also insgesamt, wovon ein Teil wieder exportiert wird und aus der deutschen Bilanz fällt. Bleiben in der Summe rund 1,2 Millionen Tonnen, die jährlich hierzulande verbraucht werden.

Großteil des Palmöls landet im Benzintank 

Der größte Batzen davon – mehr als die Hälfte des Palmöls, das Deutschland einführt – wird in Automotoren verbrannt. An einer Zapfsäule steht ein roter Golf Diesel, der Fahrer lässt gut 50 Liter in den Tank fließen. Ein Zehntel davon, fünf Liter also, besteht aus beigemischten Biotreibstoffen – so schreibt es die EU vor. Das könnte Rapsöl sein, ist aber häufig Palmöl, hat die Deutsche Umwelthilfe festgestellt, als sie im vergangenen Jahr an Dutzenden Tankstellen Proben ziehen und anschließend analysieren ließ. Sascha Müller-Kraenner ist Geschäftsführer der DUH. Er sagt, dass ein knappes Viertel des gesetzlich vorgeschriebenen Biotreibstoffanteils aus Palmöl stammt. "Der Rest wären dann heimische Öle wie Raps, oder auch andere Import-Öle wie Soja." Das Problem sei, dass der Anteil an Palmöl in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen ist.

Und: Palmöl im Tank sei schädlicher, als den normalen Diesel aus Erdöl zu nutzen, sagt Müller-Kraenner, denn die Verwendung im Biodiesel hat die weltweite Nachfrage stark anheizt und so den Druck auf den Regenwald erhöht. Aus Sicht der Umwelthilfe wäre es deshalb besser, auf die Beimischung zu verzichten und das Palmöl anders zu verwenden: "Wir haben sieben Milliarden Menschen auf der Welt, Tendenz steigend. Natürlich müssen die sich ernähren." Insofern sei Palmöl ein gutes Speiseöl, das seit Jahrhunderten von den Menschen genutzt werde. "Aber ein so wertvolles Nahrungsmittel sollte man nicht einfach im Tank verbrennen", so Müller-Kraenner. Den Einsatz im Tank hält er "in gewisser Weise für unmoralisch". 

Andere Öle keine wirkliche Alternative 

Das sieht mittlerweile auch die EU so. Im Frühjahr wurde der Ausstieg aus Palmöl im Tank beschlossen, 2030 soll es soweit sein, der Import wird dann deutlich sinken. Und: Schon heute muss das Öl, das in Europa für Biosprit verwendet wird, aus zertifiziertem Anbau stammen. Das soll sicherstellen, dass kein Regenwald dafür gerodet wird.

Aus solchen zertifizierten Quellen stammt auch der Großteil des Palmöls, das in Lebensmitteln verwendet wird. In diesem Bereich gehen rund 40 Prozent der deutschen Importe – und hier ist der Rohstoff nicht so leicht zu ersetzen. Palmöl ist günstig. Das ist aber nicht der einzige Grund dafür, dass die Nahrungsmittelindustrie darauf zurückgreift, sagt Eckhard Flöter, Professor Lebensmittel-Verfahrenstechnik an der Technischen Universität Berlin: "Für viele Anwendungen sind die anderen essbaren Öle keine wirkliche Alternative zum Palmöl, weil sie sich dadurch auszeichnen, dass sie eben Öle sind." Denn darum sind sie bei Zimmertemperatur flüssig.

Eine Luftaufnahme zeigt Palmöl-Plantagen in Indonesien. Palmöl steckt in Kosmetik, in Schokolade und - trotz seines Rufs als Klimakiller - in Biokraftstoffen. (dpa / EPA / Bagus Indahono)Palmöl-Plantagen so weit das Auge reicht: hier in Indonesien. (dpa / EPA / Bagus Indahono)

Palmöl könne man eigentlich als Fett bezeichnen, da es aufgrund seines hohen Gehalts an gesättigten Fettsäuren bei Zimmertemperatur Feststoffe beinhaltet. Und das sei für viele Anwendungen notwendig, so der Experte. "Ein Extremfall ist zum Beispiel ein Brühwürfel, der extremen Temperaturen standhalten muss, ohne wegzuschmelzen."

Ersatz nicht unbedingt umweltfreundlicher

Hinzu kommt: Palmöl lässt sich sehr gut in seine Bestandteile zerlegen. Die kann man dann wieder gezielt einsetzen, zum Beispiel um zu steuern, dass der Kakaoüberzug im Mund genau so schmilzt, dass der Konsument das als angenehm empfindet. Hochfunktionale Fette lautet der Fachgriff.

Und genau deshalb ist Palmöl in vielen Lebensmitteln nicht einfach auszutauschen. Die Frage ist allerdings auch, ob das aus Umweltgründen überhaupt sinnvoll wäre. Der WWF hat dazu vor vier Jahren eine Studie erarbeitet. Und die Antwort sei eindeutig, sagt Ilka Petersen von der Umwelt-Organisation: Ein Austausch bringt nichts, er schadet eher.

Denn die Ölpalme ist, was Produktivität angeht, nicht zu schlagen: Der Ertrag pro Hektar Land sei viel höher* als bei Raps oder Sonnenblumen. Die Ölpalme bringe im weltweiten Durchschnitt etwa drei Tonnen pro Hektar; Sonnenblumen oder Soja nur 0,7 Tonnen. "Da kann ich mir einfach ausrechnen, dass ich viel mehr Fläche brauche, und dadurch natürlich auch einen größeren ökologischen Fußabdruck habe", so Petersen. Und der entstehe in Gebieten, die ähnlich sensibel sind wie die, aus denen das Palmöl stammt. "Gerade bei Soja ist man in Lateinamerika, am Amazonas, in sehr artenreichen Regionen." Während Palmöl weltweit auf etwa 19 Millionen Hektar angebaut wird, ist die Fläche bei Soja rund 120 Millionen Hektar.

Und auch Raps oder Sonnenblumenöl aus konventioneller Landwirtschaft, wie sie in Europa üblich ist, wären ökologisch nicht besser. Noch dazu fehlt die Fläche dafür. Bleibt als Ausweg für den Verbraucher nur: Insgesamt weniger Süßes und Fettiges essen – ist für die Gesundheit ja eh nicht schlecht.


*Fälschlicherweise haben wir von einem geringeren Betrag gesprochen. Dies haben wir korrigiert.

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