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Deutschlandrundfahrt | Beitrag vom 03.02.2019

Kaufbeuren-NeugablonzWie die sudetendeutsche Schmuckindustrie nach Bayern kam

Von Florian Felix Weyh

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Historische Stadtansicht von Gablonz an der Neiße: Stadthäuser säumen eine Straße mit Kopfsteinpflaster, über die eine Straßenbahn fährt. (imago / Arkivi)
Gablonz, heute Jablonec, an der Neiße war bis 1945 ein Zentrum der Glas- und Schmuckindustrie: Neugablonz gäbe es nicht ohne die Gablonzer Indu­strie. (imago / Arkivi)

Viele Sudetendeutsche aus Gablonz an der Neiße siedelten sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Kaufbeuren an – dabei waren solche Ballungen damals ungewöhnlich. In einem neugebauten Stadtteil lebte ihre berühmte Glas- und Schmuckindustrie wieder auf.

Was für ein Schneedrama, das uns da seit Tagen in weiten Teilen Bayerns im Griff hat! Schnee, Schnee, und nochmals Schnee. Viele Schüler durften sich deswegen über eine zusätzliche Ferienwoche freuen.

Nur die in Kaufbeuren nicht in dieser zweiten Januarwoche des Jahres 2019, in der ich die alte Freie Reichsstadt in Bayrisch-Schwaben besuche. Im Gegensatz zu den umliegenden Gemeinden des Ostallgäus müssen die Kaufbeurer Kinder als einzige noch zur Schule gehen. Oder besser: sich einen Weg bahnen. Denn normale Witterung sieht anders aus.

Blick auf das verschneite Stadtzentrum von Neugablonz, im Vordergrund Bäume, dahinter eine Straße mit schmuckloser 50er-Jahre-Architektur. (Deutschlandradio / Florian Felix Weyh)Und so sieht Neugablonz heute aus, ein Stadtteil Kaufbeurens mit schmuckloser 50er-Jahre-Architektur. (Deutschlandradio / Florian Felix Weyh)

Kaum der Regionalbahn aus Augsburg entstiegen, muss ich schon in einem Schuh­geschäft nach Spikes für meine allzu glatten Sohlen fragen. Gibt's natürlich nicht, Einheimische sind wetterfest besohlt, und meine durchaus gefütterten Winterschuhe – belehrt man mich im strengen Tone – seien gar keine Winterschu­he, sondern bloß modische Großstadt-Stie­feletten. Das gebie­tet für die nächsten Tage, die weißen Flocken besser nur in geschlossenen Räu­men zu begutachten – zum Beispiel im Inneren einer Schneekugel:

Sie werden mir jetzt nicht verraten, was da als Flüssigkeit drin ist, sage ich. Mein Verdacht als Kind war immer: Da ist irgendwas ganz Komisches drin, jedenfalls kein Was­ser! "Ich weiß es selber nicht", sagt der Gablonzer Thomas Nölle. "Die Firma, der Hersteller, macht da durchaus ein kleines Mysterium draus. Und auch wir brauchen gelegentlich Flüssigkeit zum Auffüllen der Schneekugeln, und wir holen uns dann immer beim Hersteller 'Original Schneekugelwasser'. Was tatsächlich drin ist, wissen wir auch nicht. Aber die Fans dürfen auch Leitungswasser nehmen."

Thomas Nölle ist Geschäftsführer des "Bundesverbands der Gablonzer Industrie", und die stellt, nun ja, auch Schneekugeln her, wobei sich das sanfte Rieseln im geschlossenen Halbrund in meditativer Stille vollzieht. Charakteristisch für die Produkte in der "Erlebnisausstellung" in Kaufbeurens Stadtteil Neugablonz, durch die mich Nölle führt, ist dagegen eher ein Geräusch. Den meisten Menschen dürfte es eine Gänsehaut bereiten.

Der Grund für die Verpflanzung: die Gablonzer Industrie

Mir jedoch schenkt dieser Glasschneidevorgang wegen seines erstaunlichen Klang­­umfangs einen der faszinierendsten Laute, die ich je in meinem Radioleben eingefangen habe.

Und am liebsten würde ich ihn in einer Schneekugel aufbewahren.    

"Ich hab hier zwei gegenläufige Stahlmesser. Funktionieren in etwa so wie ein Dosenöffner. Und dann mit diesen Stahlmessern fahre ich am Rand des Knopfes entlang und spreng das überschüssige Glas weg", erklärt Peter Seibt, Inhaber der 1929 gegründeten Firma "Friedrich Seibt Glaswarenfabrikation", ursprünglich ansässig in Gränzendorf bei Gablonz an der Neiße. Also in Tschechien, damals wie heute. Nur, Seibts Vorfahren waren noch Untertanen der öster­reichisch-ungarischen Monarchie.

"Das ist Ihr Urgroßvater hier?"

"Diese Zeichnung ist mein Urgroßvater. Links das Bild ist mein Großvater, hier mein Vater, in etwa in dem Alter, wie ich jetzt bin."

"Ja, man sieht Ähnlichkeiten."

Und die frappierende physiognomische Verwandtschaft vom Urgroßvater bis zum Urenkel findet ihre Entsprechung in deren Berufswahl: Alle arbeiteten sie in der Glasschmuck- und Glasknopfmacherbranche, der sogenannten "Gablonzer Industrie". Deren Existenz ist dafür verantwortlich, dass es im Ostallgäu einen Ort gibt, der einen anderen Ort 600 Kilometer weiter östlich gewissermaßen spiegelt.

"Ich sage immer: Neugablonz gäbe es nicht, wenn es nicht zuvor die Gablonzer Indu­strie schon gegeben hätte. Das war der eigentliche Grund, warum Neugablonz aufgebaut wurde, und warum Neugablonz in dieser Form bis heute eigentlich existiert", sagt der Historiker Manfred Heerdegen. Ein profunder Kenner der Gablonzer wie der Neugablonzer Geschichte mit ihrer seit Ende des 19. Jahrhunderts einzigartigen Konzentration auf die Herstellung eines Luxusguts bar edler Materialien:

"Man sagt auch Bijouterie- oder Strass-Industrie dazu. Das heißt, es geht zum Teil um die Imitation von Echtschmuck, aber dann eben mit Glas! Wenn das gut gemacht wird, sieht das natürlich toll aus. Ein gutes Beispiel dafür ist die Firma Swarovski, die ur­sprüng­lich ja auch aus Gablonz kommt, aber schon um 1890 von Gablonz nach Wat­tens gegangen ist in Tirol, deshalb auch von den Zeitläuften – Vertreibung und so weiter – nicht so betroffen war."

Vergleichsweise billiges Glas funkelt wie Juwelen

"Weil ja doch im Isergebirge, das nicht so groß ist, einer auf dem anderen saß, wollte er nicht, dass ihm einer das abschaut. Und hat gesehen, dass er da bei Wattens eben ziemlich gute Voraussetzungen hatte, um dieses wieder zu machen. Und da hockt er jetzt!"

Wenn die pensionierte Neugablonzer Schulrektorin Gertrud Hofmann über die lange zurückliegenden Abkehr des Kristallglas­herstellers Swarovski vom rechten We­ge spricht, schwingt noch immer ein Gran Missbilligung mit. Über dessen Egoismus!

Da war er der Einzige oder was?

"Da war er der Einzige! Der hatte das erfunden und hat sich dann gleich abgesetzt, damit er der Einzige blieb!"

Was natürlich nur für den speziellen Swarovski-Schliff galt, der vergleichsweise bil­liges Glas juwelengleich funkeln lässt. Wichtig aber ist: Kein anderer Gablonzer Betrieb versteifte sich in irgendeinem Bereich auf isolierte Autonomie. Die Stärke des Standorts resultierte nämlich daraus, eine "Netzwerk"- oder "Verbundindustrie" zu sein, wie Thomas Nölle erläutert:

"Wenn Sie sich so ein Schmuckstück anschauen, dann besteht es aus ganz vielen, sehr unterschiedlichen Einzelteilen. Die werden jetzt nicht im kunsthandwerklichen Sinne in dem Unternehmen hergestellt, wo auch der fertige Schmuck entsteht, sondern diese Ein­zelteile kommen aus den unterschiedlichsten, ebenfalls zur Gablonzer Industrie ge­hörenden Unternehmen, die auf bestimmte Komponenten oder bestimmte Dienst­lei­stungen spezialisiert sind."

Eine Reihe blauer Glasstangen, aus denen in Neugablonz Schmuckstücke gefetigt werden. (Deutschlandradio / Florian Felix Weyh)Wie Zuckerstangen, aber aus Glas: das Rohmaterial der Neugablonzer Schmuckindustrie. (Deutschlandradio / Florian Felix Weyh)

Und in dieser Zusammenarbeit gedieh im Isergebirge eine Luxusgüterfabrikation auf Imitatbasis prächtig, indem sie ihre eigene Pracht entfaltete.

"Ich weiß, dass Modeschmuck aus Alt-Gablonz vor der Vertreibung oder auch aus den 50er-, 60er-Jahren inzwischen mit vier- bis fünfstelligen Summen gehandelt wird sogar, in Sammlerkreisen", sagt der Historiker Manfred Heerdegen.

"Ein absoluter Sonderfall in Deutschland"

"Modeschmuck aus Alt-Gablonz" ist allerdings eine tückische Formulierung, folgt man einem Erlebnis von Gertrud Hofmann. Als Mitgründerin des Neugablonzer Iser­gebirgs­mu­seums macht sie seit Jahrzehnten Führungen. Eines Tages beging sie dabei den sprachlichen Lapsus, auf den "Stadtplan von Alt-Gablonz" hinzuweisen.

"Und ein alter Herr sagte: 'Alt-Gablonz gibt es nicht! Es gibt nur Gablonz!'"

Streng genommen gibt es das aber auch nicht mehr, denn der Ort, der einmal so hieß, trägt – völlig korrekt – heute den tschechischen Namen Jablonec. Womit wir beim eigentlichen Charakteristikum von Kaufbeurens historisch jüngstem Stadtteil wären.

"Neugablonz ist ein absoluter Sonderfall in Deutschland", betont Historiker Heerdegen. Dessen weitgehend unbekannte Geschichte wir im Verlauf dieser Sendung ergründen werden.

"Da ist es nämlich so gewesen, dass an einem Ort Vertriebene sich aus einer ganz bestimmten, eng definierten Region angesiedelt haben und dort praktisch versucht haben, eins zu eins ihre vertrauten Strukturen, ihre Industrie, ihre sozialen Strukturen, Vereine, Verbände, wieder aufzubauen, exakt so wie in der alten Heimat. Und in dieser Reinform hat es das nur in Neugablonz gegeben, nirgendwo sonst."

Vertreibung ist das gewaltsame Zerschneiden von Mensch und Heimat. Und das ist nach wie vor ein schwieriges Thema. Denn nein – auch 74 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs sind längst nicht alle Wunden geheilt. Oder um es weniger schonend zu sagen: Auch nicht alle Positionen von Recht-haben-wollen und Schuld­zuweisungen sind geräumt. Weil aber das Reden über etwas – die Folgen der Vertreibung – oft auch Schweigen über anderes nach sich zieht – nämlich die Vorgeschichte –, soll wenigstens Zeit für eine Minute stillen Innehaltens sein – in Erinnerung daran, dass Unrecht auf Unrecht folgte.

Eine typische Reißbrett-Siedlung

Hinab geht es, in den Keller. Nicht der Geschichte, sondern Peter Seibts:

"Wir sind jetzt hier in einem von unseren Glaslagern. Sie sehen, hier haben wir einmal opakere Farben, ein­mal zweifärbige Gläser. Im Nachbarraum sehen Sie dann transparente Gläser. Hier hab ich letztens erst noch eines unserer ältesten Gläser, Produktion 1946… Diese Stangen sind von 1946, das ist die Produktionsnummer. Da unten die Bezeichnung 'neurot' als Farbe, und das ist von Glashütte Schwäbisch Gmünd."

Eine Schatzkammer für alle, die noch Schatzkammergefühle kennen: Links und rechts in Regalen und an der Wand lehnend farbige Glasstangen unterschiedlicher Länge und Dicke, manche rund, manche oval. Manche monochrom, manche appetitlich bunt.

Bin ich im Museum? Nein, ich bin im Keller eines kombinierten Wohn- und Fabrikationsgebäudes aus den 50er-Jahren, typisch für die Reißbrett-Siedlung Neugablonz. Und Peter Seibt ist dasselbe wie seine Vorfahren: ein Glasdrücker.

"Der hat so einen kleinen Drückerofen", weiß Historiker Manfred Heer­degen.

"Dann macht er seine Ofentür auf und hängt eine Glasstange, die er weiterverarbeiten will, in das Feuer hinein. Dann ist diese Glasstange oder der Stengel, wie auch immer, insoweit bearbeitbar, dass sie weich wird. Dann nimmt er sie heraus, und drückt in der Regel mit einer so genannten 'Drückerzange' diese zähe, weiche Glasmasse ab."

Handarbeit hat ihren Preis

Unzählige halbmeterlange Drückerzangen mit unterschiedlichsten Glasperlenformen und Knopfmotiven hängen in einem ehemaligen Wohnraum an den Wänden. Wobei eine "Perle" nicht rund zu sein braucht, sondern bloß ein Loch zum Durchfädeln haben muss. Sehr beliebt ist etwa ein Fisch-Anhänger, den Peter Seibt in schier unendlicher Farbvarianz aus heißer Glasmasse presst, Einzelstück um Einzelstück. Bei Knöpfen sind es pro Arbeitsgang ein paar mehr.

"Wir haben jetzt hier vier Stück hintereinander gepresst. Vorhin, bei der Perle, hab ich jeweils bloß ein Stück abpressen können. Das liegt an der Größe des Teiles. Und die vier aneinanderhängenden Teile muss man jetzt trennen."

Allerdings wieder in Handarbeit! Und die hat ihren Preis.

"Wenn Sie eine Bluse für 20 Euro kaufen, können nicht Knöpfe für sagen wir mal fünf, sechs Euro auf der Bluse sein", sagt Peter Seibt. "Also, es ist dann wirklich… die Haute Couture der Damenoberbekleidung sind unsere Kunden."

Männer schmücken sich schon deutlich weniger mit Produkten aus Peter Seibts Werkstatt. Wie war das noch mal mit diesen Dingern an teuren Hemdsärmeln?

"Manschettenknöpfe, da haben wir hier einen! Wenn Sie sich das anschauen, sind zwei gekreuzte Golfschläger, die dann früher eben mal für Golfer als Manschettenknopf ver­wendet wurden. Es sind aber jetzt Sachen, die schon länger nicht produziert worden sind, weil Manschettenknöpfe momentan nicht so ganz in sind. Es wissen schon auch viele Herren nicht mehr, wie man Manschettenknöpfe verwendet, und dann gibt’s auch relativ wenig Hemden, die noch Löcher für Manschettenknöpfe haben."

Das alte Gablonz wurde durch Exporte reich

Keine Frage, dieser Zweig der "Gablonzer Industrie" kämpft nicht nur seit Jahrzehn­ten mit fernöstlicher Billigkonkurrenz, sondern auch mit verändertem Konsumverhalten. Wie war das nur paradiesisch zu Beginn der Glasdrücktechnik, die Gablonz und die Gegend rundherum Ende des 19. Jahrhunderts wohlhabend, ja, reich gemacht hat: Man lebte von enormen Exporten.

"Schon mein Urgroßvater Joseph Seibt hat hauptsächlich Glasarmreifen hergestellt, sogenannte 'Bangles'", sagt Peter Seibt. "Diese Bangles waren für den indischen Markt bestimmt."

Gertrud Hofmann ergänzt: "Die Bangles, das waren Opfergaben der Inderinnen an ihre Götter, und sie warfen sie – für uns zum Glück – in den Ganges."

"Ein Wunsch geht in Erfüllung, und schon ist der nächste Wunsch da! War also da ein sehr lukratives Geschäft von 1897 hauptsächlich bis zum Ersten Weltkrieg", meint Seibt.

Obwohl es danach für die Modeschmuckindustrie wirtschaftlich wechselhaft weiterging, war Gablonz mit seinen rund 30.000 Einwohnern zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine hochmoderne Stadt: durchgängig elektrifiziert, eigenes Opern­­­haus, Straßenbahn. Das viel ältere Kaufbeuren hatte nichts Derartiges zu bieten. Und als die Gablonzer 1945 nach Bayern kamen, fühlten sich die durchaus zerlumpten Deutsch-Böhmen in Wahrheit als die viel kultivierteren Leute.

"Vertriebene, die dann nach Lageraufenthalt hier auf die Dörfer in der Umgebung von Kaufbeuren umverteilt wurden, dann mitunter auf einem Bauernhof landeten, mit dem Plumpsklo vor der Tür, die dachten, sie sind irgendwo in der Pampa oder im letzten Armenhaus angekommen!", so Manfred Heerdegen. "Ist auch klar, wenn man in Gablonz gelebt hatte und allen städtischen Komfort der damaligen Zeit schon hatte, war natürlich ein Dorf im Ostallgäu 1945 nicht unbedingt ein Fort­schritt."

Eine Stadt wie ein Freilichtmuseum der fünziger Jahre

"Also, ich hab natürlich Kollegen, die in den 60er-Jahren dann hier schon an der Schule tätig waren, die haben in den 50er, 60er-Jahren Neugablonz als absolut schick empfunden, im Vergleich zu Kaufbeuren!", erzählt Christiane Förster, die als Lehrerin an der Berufsfachschule für Glas und Schmuck in Neugablonz unterrichtet. Vom Neubau-Schick der unmittelbaren Nachkriegszeit ist immer noch etwas erkennbar – wenn man dafür ein Auge hat. Der Historiker Manfred Heerdegen erinnert sich:

"Also ich hatte einen Redakteur mal von der ARD da, als die diese große Dokumenta­tion Anfang der 2000er-Jahre gedreht haben. Der war hier total begeistert und meinte: 'Das ist ja ein reines Museum der 50er, 60er-Jahre hier in Neugablonz!'"

Es ist allerdings auch nachvollziehbar, wenn Schüler der Berufsfachschule, die aus dem ganzen Bundesgebiet zusammenströmen, mit dem seltsamen, kaum mehr als 70 Jahre alten Stadtteil Kaufbeurens fremdeln. So die Potsdamerin Marla Regensburger:

"Vor allen halt so kulturelles Angebot fehlt mir hier halt total! Das ist schon schade! Also wir haben halt uns, und wir haben die Schule und verbringen auch einfach die ganze Zeit, die wir hier sind, entweder in der Schule. Oder halt kochen miteinander und verbringen halt abends Zeit zusammen. Aber ansonsten ist da leider nicht viel Angebot."

Die Berufsfachschule ist allerdings ein Universum für sich – man könnte auch sagen: ein abgeschlossenes Paradies für all jene, die Gold- oder Silberschmiedin werden, das vielseitige Graveurhandwerk erlernen oder sich die Glas- und Porzellanmalerei aneignen wollen. Mit opulenten Werkstätten ausgestattet, bietet es den engagierten Schülerinnen und Schülern alle Möglichkeiten, ihr Leben außerhalb des Schulgebäudes zu vernachlässigen – und da draußen ist ja auch nicht so viel. Ursprünglich für den Nachwuchs der Gablonzer Industrie gegründet, steht man heute als kunsthandwerkliche Institution auf ganz eigenen Füßen. Zahllose Absolventen-Preise bekräftigen den bundesweiten Rang der Berufsfachschule, und es ist daher kaum ein Wunder, dass etliche Lehrkräfte selbst schon in Neugablonz gelernt haben, um dann nach Wanderjahren wieder zurückzukehren. So auch Christiane Förster, die in den 80ern ihre Ausbildung als Graveurin begann und damals auf eine viel fremdartigere Stadtgesellschaft stieß:

"Dann bin ich – das war ein Samstag, auf jeden Fall war ein Tag, wo Markt war – auf dem Neuen Markt in Neugablonz, und bin hierhergekommen und war plötzlich in einer ganz anderen Welt, was die Sprache anbetrifft! Also ich war ganz verwundert, dass eben dort noch mit dem sudetendeutschen Dialekt gesprochen worden ist, dass ich mich da so auf so einer Insel befunden hab."

Integrationswunder Neugablonz?

Ingrid Zasche, in Neugablonz aufgewachsen, dann viel herumgekommen, lebt seit einigen Jahren wieder im Ostallgäu. Ihre Wohnung gleicht einer Mischung aus Wun­derkammer und Bibliothek.

"Ich muss hier einen Haufen Bücher haben, auch wenn sie verstauben." Ihre Eltern waren einflussreiche und umtriebige Miterbauer der Stadt, und einiges von dieser Um­triebigkeit hat die quirlige Rentnerin geerbt. Sie leitet den Mundartkreis des "Paurischen", gibt Computerkurse und schreibt für den lokalen "Kreisboten" Berichte über unerhörte Begebenheiten in der Region. Wozu natürlich auch der Besuch eines Radiomannes aus Berlin zählt. Sprich: Ich werde von Ingrid Zasche gegenporträ­tiert.

Porträtaufnahme von Ingrid Zasche. Eine ältere Dame mit kurzen, dunklen Haaren, randloser Brille. Sie trägt einen blauen Pullover, eine blaue Perlenkette und darüber ein grau-braunes Jackett. (Deutschlandradio / Florian Felix Weyh)Leitet den Mundartkreis des "Paurischen" in Neu-Gablonz: Ingrid Zasche. (Deutschlandradio / Florian Felix Weyh)

Wen interessiert eigentlich heute noch dieses "Paurische", will ich von ihr wissen. Gibt es junge Menschen, die sich damit beschäftigen, oder sind Sie da in Ihrer Altergruppe allein?

"Leider Gottes nicht so sehr viele. Aber ich erleb's auch in der Familie immer mal wieder amol, dass die fragen kom­men. Dass die sagen: "Du, meine Klassenkameraden haben gesagt, bei dem 'Nej sowas', was alle 14 Tage in der Allgäuer Zeitung erscheint, was heißt denn der und der Ausdruck?"

Also, es gibt eine Kolumne?

"Es gibt eine Kolumne, da machen sieben Leute aus dem Gablonzer Mundartkreis mit, dann ist es für jeden Einzelnen nicht so ne sehr große Belastung, und alle 14 Tage erscheint es."

Diese Kolumne existiert seit Jahrzehnten, als Angebot, über Sprache Identität zu bewahren. Wobei man zugleich allerdings Fremd­heit beibehält, eine Fremdheit, die zu Beginn des "Integrationswunders Neugablonz" – von dem in der zeithistorischen Literatur immer wieder die Rede ist –, durchaus als Bedrohung angesehen wurde. Fremde sind eben Fremde.

Durch Umsiedlung die Glas- und Schmuckindustrie retten

"Die einheimische Bevölkerung konnte mit den Gablonzern und diesen ganzen Plänen und Ideen zunächst ja gar nichts anfangen! Wirklich nichts!", erklärt Historiker Manfred Heerdegen "'Was sind denn das für Leute? Wo kommen die her? Was sprechen die überhaupt für einen komischen Dialekt? Warum sind die überhaupt gegangen?' Es gab dann diese bösen Schimpfwörter, die 'Huraflüchtling', die 'Sudetengauner', 'alles Nazis', 'selber schuld, dass die Tschechen euch rausgeschmissen haben'. So haben viele Einheimische damals tatsächlich hier gedacht."

Die "Pläne und Ideen", von denen Manfred Heerdegen spricht, waren allerdings außergewöhnlich in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Sie gehen auf die Initiative eines einzigen Gablonzers zurück, Erich Huschka. Als er, bei Kriegsende in Bayern gestrandet, von den Vertreibungen hörte, stellte er sich eine Frage:

"Was wäre denn, wenn es gelänge, die Gablonzer Glas- und Schmuckwarenindustrie praktisch über diesen Bruch der Vertreibung zu retten?" Dafür müsste man aber ein Gebiet finden, wo man sie möglichst geschlossen wieder ansiedeln könnte", so Heerdegen. "Also dach­te er: Jetzt schau ich mal: Gibt es vielleicht eine Möglichkeit? Und das war eine reine Privatinitiative zunächst. War überhaupt nicht vorgesehen, von niemandem, das war einfach sein Spleen, könnte man sagen."

Der weitreichende Folgen zeitigte und eine spätere Politik-Berühmtheit ausmanövrierte: Ludwig Erhard, "Vater der Wirtschaftswunders" und Adenauers Nachfolger im Kanzleramt, damals allerdings noch bayerischer Wirtschaftsminister.

"Nun war Erhard aber natürlich ein schlauer Kopf, und hat auch dann in Besprechungen mit seinen Untergebenen im Ministerium natürlich gemerkt: 'Was sind die Gablonzer? Was machen sie? Ja … produktiv! Könnte man vielleicht auch zur Ent­wicklung Bayerns verwenden!'", sagt Historiker Heerdegen. "Aber Erhard hat in der Beziehung dann vor allem natür­lich an seine ei­ge­ne Heimatregion gedacht, nämlich an Franken! Und hat dann massiv ver­sucht, die Gablonzer im Raum Bayreuth, Fichtelgebirge anzusiedeln und die Ansied­lung in Kaufbeuren wenn nicht abzuwürgen, dann zumindest auf kleiner Flam­me zu halten."

Der "Vater des deutschen Wirtschaftswunders" in einer undatierten Aufnahme mit der obligatorischen Zigarrre. (picture-alliance / Wachsmann)Wirtschaftsminister Ludwig Erhard hätte die Gablonzer gern im Fichtelgebirge angesiedelt, aber Kaufbeuren machte das Rennen. (picture-alliance / Wachsmann)

Erich Huschka, der gar nicht aus der Schmuckindustrie kam, sondern Funktechnik-In­ge­nieur gewesen war, kämpfte also mit seinem Plan der Gablonzer Stadtverpflanzung gegen die bayerische Nachkriegs-Administra­tion. Vielmehr: Er unterlief sie, zusammen mit dem Kaufbeurer Bürgermeister und dem Landrat, die beide erkannt hatten, welchen Vorteil die gut ausgebildeten Neuankömmlinge dem strukturschwachen Ostallgäu bringen würden. Da sie so oder so gezwungen worden wären, Vertriebene aufzunehmen, schien Huschkas Plan die beste Lösung. Doch wieso fiel dessen Wahl auf Kaufbeuren? – Im Museum zieht Gertrud Hofmann einen Kartenschrank auf:

"Es war so, der Herr Huschka hat natürlich erkannt, dass dieses Gelände von die­ser Munitionsfabrik ganz gut wäre, um sich hier neu anzusiedeln. Denn es war ja die­ser ganze Grundstock schon da. Es gab Strom, es gab Wasser, es gab diese Straßen. Natürlich hatten die Amerikaner alles ziemlich gesprengt, und es war ziemlich kaputt, aber das hat man halt dann nach und nach repariert. Und in dem mehr oder weniger guten Bunker sind dann auch die ersten eingezogen, das sehen wir dann dahinten noch mal."

Ingrid Zasche erinnert sich:

"Wir haben ja nicht mehr im Barackenlager gewohnt. Ich hab sie also nur von außen ge­sehen. Im Isergebirgsmuseum ist eine so ne Barackenstube nachgebaut, da können Sie sich’s angucken. Da hängt übrigens auch noch ein von meiner Mutter gehäkeltes Kinderkleidl aus Putzdochten. So zehn Zentimeter lange Putzdochte, hat sie gesam­melt, zum Gewehrputzen, das sie gekriegt, Wolle gab’s keine. Na, hat sie halt die Din­ger angestückelt und ein Kleidl für mich gehäkelt."

Man kann kaum sagen, dass die ehemalige Munitionsfabrik inmitten eines abgezäunten Waldgeländes, mit bewachten Zufahrten und nur einem intakten Steingebäude – der Werksfeuerwehr – ein besonders einladender Ort gewesen wäre. Aber er bot Platz! Viel Platz, um den Plan eines kollektiven Neuanfangs ein Stück weit realistisch erscheinen zu lassen. Die Vertriebenenpolitik der Siegermächte – der westlichen wie der Sowjetunion – sah allerdings ganz anders aus.

"Es lief dann so ab, dass die eine Familie an der Ostsee in Rostock-Warnemünde lan­de­te, und die andere in Baden-Württemberg in der Region Aalen / Schwäbisch Gmünd zum Beispiel, oder in Karlsruhe. Oder auch in Bayrisch-Schwaben", sagt Heerdegen. "Und das war gezielt gewollt, weil die Vertriebenen sollten sich nach der amerikanischen Melting­pot-Ideo­lo­gie, sag ich jetzt mal, so integrieren… 'integrieren' ist eigentlich der falsche Begriff, sie sollten eingeschmolzen werden in die einheimische Bevölkerung! Der passende Begriff wäre eigentlich eher 'assimiliert'. Und so etwas wie Neugablonz sollte es eigentlich gar nicht geben."

Lange Tradition der Aufnahme von Flüchtlingen

"Also, es gab zum Teil diese etwas derben Sprüche natürlich, Frotzeleien mit mehr oder weniger ernstem Hintergrund. Und eine davon betraf das Autokennzeichen KF für Kauf­­beuren, das ist ja bis heute das Autokennzeichen, und die Einheimischen haben das dann interpretiert mit: "Koine Flichtling!" Also keine Flüchtlinge!"

SPD-Stadträtin Helga Ilgenfritz betont die historisch verwurzelte Hilfsbereitschaft ihrer Heimat.

"In Kaufbeuren waren ja schon 1732 … kam ja schon der erste Zug von den Salzburgern an."

Das waren die Religionsflüchtlinge.

"Das waren die Religionsflüchtlinge aus dem Salzburger Land. Wenn Sie von Salzburg hierher wollen, dann kommen Sie ja durch das Wittelsbacher Land, die ja hundertprozent katholisch waren. Und Kauf­beu­ren war so die erste Freie Reichsstadt, die evangelisch geprägt war. Da kamen die an, 800 Menschen standen auf einmal vor der Tür – also vorm Stadttor – sangen 'Ein feste Burg ist unser Gott'. Dann hat man aufgemacht und hat diese vielen Menschen gesehen, hat sie untergebracht. Sie sind dann weitergezogen, nach ein, zwei Tagen und insgesamt sind fünf Züge durch Kaufbeuren durch! Und wenn man sich vorstellt, Kaufbeuren hatte zu dieser Zeit ungefähr 2.500 Einwohner - und haben 800 Salzburger versorgt!"

Heute wohnen rund 44.000 Menschen in Kaufbeuren, etwas mehr als ein Viertel davon in Neugablonz. 1945 besaß die ehemalige Freie Reichsstadt mit knapp 14.000 Einwohnern allerdings eine beschauliche Größe. Durch den massiven Zuzug der Sudetendeutschen erlebte die Gegend einen Wirtschaftsboom, bereits Ende 1947 zählte man mehr als ein halbes Tausend Betriebe der "Gablonzer Industrie", und die politischen Gewichte verschoben sich.

"Noch ist Neugablonz ein Stadtteil von Kaufbeuren", stellte 1955 ein Radiofeature fest. "Doch der Tag, da die Heimatvertriebenen in Kaufbeuren nicht mehr nur 45 Prozent, sondern 50 Prozent ausmachen werden, lässt sich bei der gegenwärtigen, ständigen Bevölkerungszunahme von etwa 2.000 im Jahr nahezu mathematisch vorausberechnen."

Das kommt einem bekannt vor. Überfremdungs-Projektionen folgen stets demselben Muster: Man errechnet einfach, wann Fremde – heute meist Muslime – die Mehrheit der Bevölkerung darstellen werden. Schon hat man ein scheinbar präzises Bedrohungsszenario etabliert. Zu der vom RIAS-Autor 1955 insinuierten feindliche Übernahme des bayerischen Kaufbeuren durch sudetendeutsche Vertriebene kam es indes nicht.

Extrem schlecht bezahlte Heimarbeiter

"Den Gedanken, dass Neugablonz sich vielleicht selbständig machen könnte, den gab es", sagt der Historiker Manfred Heerdegen.

Aber auch er blieb ein Papiertiger. Denn die Zugewanderten gewannen sehr schnell im Kauf­beurer Stadtrat Einfluss und Stimme, wie Stadt­rätin Ilgenfritz berichtet:

"Kaufbeuren hat dann auch den zweiten Bürgermeister an einen Neugablonzer ver­ge­ben, an den Bürgermeister Wondrak. Und die Neugablonzer hatten ja mit der Schmuck­warenindustrie, hatten die viele Heimarbeiter! Und die wurden wirklich ganz extrem schlecht bezahlt. Und dieser Bürgermeister hat dann auch verhindert, dass größere Betriebe ansiedeln konnten, wie Siemens oder ich weiß nicht, welche noch alle im Gespräch waren. Jedenfalls waren etliche Nachfragen da, von größeren Fir­men. Und das hat er verhindert, weil er wollte, dass der Billiglohn erhalten bleibt."

Gleich zwei Leute erzählen mir diese Geschichte, und deren Plausibilität wird zumindest davon gestützt, dass Gablonzer Betriebe, die an andere Orte migrierten – etwa in die Region Karlsruhe – wirtschaftlich schnell scheiterten, weil ihnen dort die Arbeiter in bes­ser bezahlte Großindustriejobs davonliefen. Wer wollte schon sein Leben als schlecht bezahlter "Schwarzarbeiter" verbringen? Achtung, Sprachfalle!

"Es gab Zeitungsanzeigen, in denen "Schwarzarbeiter" gesucht wurden", sagt Heerdegen.

Der "Schwarzarbeiter" verlötet nämlich nur die metallischen Schmuckteile, die dabei gerne mal dunkel anlaufen.

"Dann wurde hier in Kaufbeuren das zuständige Finanzamt natürlich sehr hellhörig und meinte, hier ging es um Steuerhinterziehung im großen Ausmaß. Bis dann eben klargestellt war, dass die Schwarzarbeit eben ein besonderer, spezieller Vorgang bei der Herstellung von Schmuck ist, und nichts mit Steuerhinterziehung zu tun hat!"

"Mädchen zum Fertigmachen" gesucht

Noch ein Missverständnis gehört zum Anekdotenreservoire des Historikers Man­fred Heerdegen:

"Ein weiterer Punkt wäre – der angeblich für Erheiterung gesorgt hat – wenn in einer Annonce 'Mädchen zum Fertigmachen' gesucht wurden. Auch da kratzten sich in Kaufbeuren die Alteingesessenen am Kopf und fragten sich: Na, was passiert denn da bei diesen komischen Gablonzern mit ihren Betrieben wieder?"

Wenig mehr als die Verpackung von Schmuck, der für den Export einfach nur "fertiggemacht" werden musste! Natürlich sind derartige Missverständnisse keine echten Assimilierungshindernisse, doch die ökonomische Erfolgsgeschichte der Sudetendeutschen beruht wohl eher auf der Bewahrung von Ge­schlossenheit denn auf Verschmelzung mit den Allgäuern. Und das übertrug sich auch aufs Private, hie wie da, erinnert sich Gertrud Hofmann:

"Das war am Anfang auch total verpönt, also ein Kaufbeurer und eine Neugablonzerin oder umgekehrt, dass die geheiratet hätten oder zusammen waren! Das war besonders bei den Kaufbeurern total verpönt, und die ersten Mischehen, die da waren, die waren also hart erkämpft."

Wobei die "Mischehen" nicht mal einen konfessionellen Konflikt heraufbeschworen hätten. Denn von einer evangelischen Mehrheit in der ehemals Freien Reichsstadt Kaufbeuren konnte schon im 19. Jahrhundert nicht mehr die Rede sein, nachdem die Stadt unter bayerische Regentschaft gekommen war. Heute ist Kaufbeuren so katholisch, dass im Crescenciakloster mitten in der Stadt noch ein aktiver Frauenorden wirkt, der sogar Novizinnen gewinnt. Und dass die Sudentendeutschen ihren katholischen Glauben nach dem Krieg hochhielten, sieht jeder, der nach Neuga­blonz hineinfährt.

"Also, die Herz-Jesu-Kirche in Neugablonz ist zwischen 1955 und 1957 gebaut worden, in einer Zeit, als die Gablonzer Industrie hier wirklich wieder in voller Blüte stand", erklärt Historiker Heerdegen. "Und man merkt diesem Kirchenbau auch an, dass man Geld hatte wieder, dass man groß geplant hat. Witzigerweise in Parallele zur alten katholischen Pfarrkirche in Gablonz an der Neiße, die auch 'Herz Jesu' heißt, vom Patrozinium her, und auch im damals neusten Stil der Modernen Sachlichkeit gebaut wurde, Anfang der 30er-Jahre, und auch eine sehr große, weitläufige Kirchenanlage dar­stellt."

Wuchtig – und als Hinweis darauf, was architektonisch noch kommen könnte – em­pfängt einen der überdimensionierte Kirchenbau. Er lässt erwarten, dass ein paar hundert Meter weiter ein ähnlich markanter Ortskern folgt. Doch der bleibt aus, Fremde können den Mittelpunkt der gewissermaßen transplantierten Stadt – mit ihren Straßennamen wie in Original-Gablonz – kaum ausmachen.

"Ich glaube, sie haben’s versucht, den Neuen Markt halt neu zu gestalten, das ist ja eigentlich relativ neu gemacht, der vordere Platz zumindest an der Kreuzung. Aber es ist doch recht kühl insgesamt", meint Anna-Maria Argmann, Schülerin der Berufsfachschule, die wie viele Altersgenossen nicht so recht warm wird mit dem architektonisch unterkühlten Neugablonz. Bei meinem Besuch im Januar kann ich das schwer beurteilen, weil die dicke Schneedecke den Ort ästhetisch wärmer erscheinen lässt. Zum rea­len Aufwärmen käme mir allerdings ein Unterschlupf recht …

"Aber es ist schwierig, hier auch mal ein nettes Café oder ne Kneipe zu finden, wo man sich mal außerhalb von Wohnungen treffen kann. Das ist tatsächlich schwierig!"

Nicht "Plastik", sondern Kunststoff

"Welches Wort darf man bei uns nicht sagen? In Bezug auf unsere Bauteile? Das mit P … Plastik!"

Thomas Hübner steht in einer großen Industriehalle und überprüft eine zentrale Sprachregelung seiner Firma.

"Das Wort 'Plastik' ist bei uns verpönt, weil unsere Teile aus Kunststoff, die sind sehr hochwertig, haben eine lange Lebensdauer. Und im Deutschen ist leider das Wort 'Plastik' immer mit schlechter Qualität behaftet, und das ist bei unseren Teilen beim besten Willen nicht gegeben."

Ehrlich gesagt, habe ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht, aus welchem Material die silbern glänzende Handbrause und der Duschkopf sind, denen im Hotel oder zuhause das Wasser entströmt. Metall? Dafür ist die Brause zu leicht. Plas –, nein Kunststoff? Dafür fühlt sie sich zu metallisch an.

"Also, ich hab den gleichen, sogenannten Cool-Touch-Effekt, dass es sich kühl anfühlt, dass es eine wertige Oberfläche ist, die über lange Zeit hier einsatzfähig ist und sich nicht verkratzt."

Aber woraus ist sie jetzt, die Duscharmatur?

"Also, das nehmen wir oft im Alltag einfach gar nicht wahr, dass es sich bei den schein­baren Metallteilen gar nicht um echte Metallteile handelt, sondern um Kunststoffe, die metallisiert wurden über ein galvanisches Verfahren."

Auch Kunststoff lässt sich galvanisieren

Jetzt heißt es Schulwissen aktivieren: Galvanisieren bedeutet doch, Metall mit einer hauchdünnen Schicht eines anderen Metalls zu veredeln. Und zwar mittels elektrischem Strom. Doch Kunststoff leitet nicht.

"Firma Hübner ist einer der ersten Kunststoffgalvaniseure in Deutschland gewesen. Und die haben diese Technik eben weiterentwickelt und beherrschen das wirklich auch sehr gut." Voller Lob ist Thomas Nölle vom "Bundesverband der Gablonzer Industrie" für den technologischen Musterknaben seiner Vereinigung. Denn selbstverständlich leitet Kunststoff, kennt man das richtige Verfahren.

"Es waren ganz sicherlich meine Eltern Pioniere, die das Galvanisieren von Kunst­stoffen hier etabliert haben. Und das hat dann eine entscheidende Wendung einfach auch in unsere Firmenentwicklung gebracht."

Wie alle Gablonzer kommt die Firma C. Hübner vom Modeschmuck her, doch berühren heute Millionen Menschen deren Produkte, ohne zu wissen, was sie da überhaupt anfassen. Nicht nur beim Duschen, sondern auch beim Autofahren, wo edel schimmernde Bedienknöpfe von Klimaanlage, elektronischer Handbremse oder anderem aus galvanisiertem Kunststoff bestehen.

Hier sehen wir noch mal diese neun Tasten fürs Automobil. Und mich ergreift unvermittelt die Ehrfurcht vor dem Einzelstück. Unsere Wegwerfgesellschaft macht sich zu selten klar, wie viel Arbeit und Knowhow in wenig beachteten Kleinteilen steckt. Allein ein Glasknopf von Peter Seibt ist ein Produktionswunder, wie zugleich die Geschichte der "Gablonzer Industrie" wundersam erscheint. Da gibt es zum einen fast museale Manufakturen, in denen altes Wissen tradiert wird, zum anderen die Übertragung eigener Traditionen auf völlig neue Gebiete. Die Eltern von Thomas Hübner galvanisierten zunächst Modeschmuck aus Kunststoff, bevor sie erkannten, dass ihre Kompetenz nicht länger im Bijouteriegeschäft, sondern bei der Oberflächenveredelung lag.

Unter welchen Voraussetzungen Migration gelingen kann

Unerwartet – und vielleicht lehrreich – ist auch die zentrale Erkenntnis der "Stadtverpflanzung" von Gablonz nach Kaufbeuren, dass Migration nämlich – ob erzwungen oder erwählt – nur bei eigener, schon vorher erworbener Könnerschaft Erfolg verspricht. Wandernde Handwerksburschen haben das immer schon gewusst. Und eine Erfolgsgeschichte ist es doch, das Kaufbeu­ren-Neugablonz-Projekt? Manfred Heerdegen, der Historiker, wägt ab:

"Es hätte auch anders laufen können. Es hätte auch in einer gegenseitigen Abgren­zung, Polarisierung enden können. Es hätte auch in einer langwierigen Flücht­lings­la­gergeschichte enden können, wenn der Wirtschaftsaufschwung nicht gekommen wäre."

Ist es denn ein Integrationswunder, aus Ihrer Sicht?, frage ich Ingrid Zasche. 

"Also die Sudeten­deutschen sind auf jeden Fall gut integriert", sagt sie, um dann von der Vergangenheit in die Gegenwart zu wechseln:

"Man kann’s mit heutigen Flüchtlingen nicht vergleichen! Erstens waren’s lauter deutsch­sprachige Westeuropäer, die da gekommen sind. Also die zwar bislang eine andere Mundart hatten. Und nichts hatten! Also, das ist die einzige Gemeinsamkeit, die haben also kein Dach überm Kopf, die haben nur’s Nötigste, was sie am Leib tragen, und das isses. Aber die haben arbeiten dürfen! Ein Asylbewerber darf ja nicht arbeiten, der kriegt ja keine Arbeitsduldung!"

Gertrud Hofmann sieht die gegenwärtige Lage so:

"Die Ansprüche, die die, die jetzt kommen, stellen, sind natürlich groß. 'Wir wollen das, wir wollen das!' Und die kriegen’s natürlich auch! Man kann es nicht vergleichen. Wir wollten nicht, wir wollten überhaupt nicht! Wir sind einfach rausgeschmissen worden. Gut, es war Krieg, wir sind aber rausgeschmissen worden. Wir wären gerne daheim geblieben. Dass die nicht im Krieg bleiben wollen, sehe ich auch ein. Aber dass die dann sagen: 'Wir gehen wohin, wo’s uns besser geht. Und dort stellen wir aber auch Ansprüche, und wir wollen dieses und dieses und dieses!' Das kann man nicht ver­gleichen. Und drum gibt’s da schon auch Reibereien."

Wollen Sie zu zweit jetzt was sagen?

"Ne, weil Sie Anna-Maria ja gefragt ha­ben, ob wir so außerschulisch hier auch irgendwas machen. Wir haben uns nämlich, im Sommer war das, zusammengefunden in einem kleinen Kollektiv, und haben ne Demo organisiert. Es gab so’n sehr krassen Rechtsruck mit vielen Schmierereien in Neu­ga­blonz. Und dann dachten wir uns "Ja okay, das lassen wir nicht auf uns sitzen!" Haben mit Musik und so ne kleine Demo organisiert mit 300 Leuten. Wir haben auch nicht gedacht, dass so viele kommen, aber das war echt schön."

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