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Buchkritik | Beitrag vom 11.05.2018

Katrin Hartmann: "Die grüne Lüge"Wo grün draufsteht, aber nicht drin ist

Von Johannes Kaiser

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Cover des Buches "Die grüne Lüge" von Katrin Hartmann, in Hintergrund: Grashalme in einem Weizenfeld (Blessing / imago / Science Photo Libary)
Cover des Buches "Die grüne Lüge" von Katrin Hartmann (Blessing / imago / Science Photo Libary)

Die Konsumgüter- und Lebensmittelindustrie verspricht, jeder könne helfen, die Welt zu retten. Man müsse nur Produkte kaufen, die nachhaltig, sozial fair und umweltfreundlich hergestellt werden. Das stimmt aber nicht, sagt die Journalistin Kathrin Hartmann. 

Als etwa die Ölplattform "Deep Water Horizon" im Golf von Mexiko in Brand geriet und Millionen Liter Erdöl ins Meer strömten, sprühte BP zehntausende Tonnen Dispersionsmittel aus, um das Öl zu binden. Nachdem das Bohrloch verschlossen und der Ölteppich aufgelöst war, erklärte das Unternehmen, das Ökosystem sei wieder in Ordnung. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus, wie Kathrin Hartmann vor Ort feststellte. An den Stränden Louisianas werden weiterhin zahlreiche Ölklumpen angeschwemmt, überzogen mit dem giftigen Dispersionsmittel, der Garnellen- und Fischfang ist eingebrochen, der Meeresboden ist tot. Also anderes als von BP behauptet – und für die Autorin ein typisches Beispiel von "greenwashing", dem "Grünwaschen" von Umweltschäden und schmutzigen Umweltaktivitäten. BP - "British Petroleum" - hat sich zudem in "Beyond Petroleum" umbenannt und wirbt jetzt vor allem mit seinen Aktivitäten in Solar- und Windenergie, obwohl es nur 4,2 Prozent seiner Investitionen dafür ausgibt.

Modebranche wirbt mit Faser aus recyceltem Plastik

Ob Palmölindustrie oder Textilbranche, Sojaanbau oder Mineralienabbau, Erdöl- oder Kohleförderung: Der Verbraucher wird mit vermeintlich grüner Produktion in die Irre geführt. Jüngstes Beispiel: die Modebranche. Bekanntlich treiben Millionen Tonnen Kunststoffmüll in den Weltmeeren. Unternehmen werben jetzt damit, dass sie Meeresplastik recyceln und daraus mit Baumwolle beschichtetes Kunststoffgarn machen. Klingt gut, sei aber Schwachsinn, so Hartmann. Beim Waschen einer Ozeanplastikjeans werden zahlreiche Mikroplastikfasern wieder ins Meer gespült. Zudem werde nur ein winziger Bruchteil des Meeresplastiks überhaupt recycelt. Ein Feigenblatt für eine Branche, die vom schnellen Wechsel der Moden und damit einem immer größeren Verbrauch von Kunststofffasern lebe.

Bissig und angriffslustig geschrieben

Kathrin Hartmann macht aus ihrer Empörung über die zahlreichen Tricksereien keinen Hehl, sie schreibt bissig und angriffslustig, ist ironisch und sarkastisch. Man kann das nicht immer nachvollziehen, versteht aber, warum sie zahlreiche Nachhaltigkeitserklärungen attackiert. Die sind meistens freiwillig. Niemand kann sie überprüfen. Keiner weiß, wer wann was kontrolliert. Der Verbraucher ist ratlos. Kathrin Hartmann plädiert deshalb auch an ihre Leserinnen und Leser sich in Umwelt- und Bürgerinitiativen zu engagieren, statt im Supermarkt nach Umweltsiegeln zu suchen. Nur so könne man etwas ändern und das Grünwaschen umwelt- und sozialfeindlicher Produktionsmethoden verhindern. Ein kämpferisches Buch, kein Zweifel - und eine überfällige Aufklärung.

Katrin Hartmann: Die grüne Lüge. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell
Blessing Verlag, München 2018
300 Seiten, 15 Euro

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