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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.12.2006

"Katjas neue komische Familie"

Hedwig Pringsheim: "Meine Manns. Briefe an Maximilian Harden", Aufbau-Verlag, Berlin 2006, 381 Seiten

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Sie war nach den Worten des Enkels Klaus Mann "die schönste und geistvollste femme du monde der bayrischen Kapitale": Hedwig Pringsheim. Geboren 1855 in Berlin als Tochter der erfolgreichen Schriftstellerin und ersten Frauenrechtlerin Hedwig Dohm, heiratete sie mit 23 Jahren den wohlhabenden Mathematik-Professor Alfred Pringsheim. Ein prachtvolles Domizil in der Münchener Arcisstraße wurde zum Zentrum des gesellschaftlichen Lebens, hier verkehrten berühmte Schriftsteller, Musiker, Politiker.

Und vom teuren Glanz und Geist jener Sphäre war auch ein junger, aufstrebender Romancier namens Thomas Mann schwer beeindruckt, an seinen Bruder Heinrich schrieb er: "Pringsheims sind ein Erlebnis, das mich ausfüllt. Tiergarten mit echter Kultur. Der Vater Universitätsprofessor mit goldener Cigaretten-dose, die Mutter eine Lenbach-Schönheit, der jüngste Sohn Musiker, seine Zwillingsschwester Katja ein Wunder, etwas unbeschreiblich Seltenes". 1905 gab Katja nach langem Zögern Thomas Mann ihr Ja-Wort, und ein eigenes, spektakuläres Kapitel deutscher Literatur-, Kultur- und Familiengeschichte begann, an dem auch die Schwiegermama mitschrieb, wie jetzt zu bewundern ist.

Die 141 erhaltenen Briefe Hedwig Pringsheims an den Berliner Publizisten und Freund Maximilian Harden gewähren Einblick in Klima und Mentalität der Epoche zwischen 1900 und 1922. Hedwig Pringsheim war beleibe nicht nur Grande Dame und Mutter, sondern eine politisch wache, rundum belesene Frau, die selbstständig in Zeitungen publizierte und mit ihren kritisch-liberalen Meinungen nicht hinterm Berg hielt. In Maximilian Harden fand sie einen adäquaten Gesprächspartner. Zu jener Zeit war er einer der prominentesten deutschen Publizisten, glänzender Stilist und entschiedener Gegner der Politik Wilhelms II., was ihm Verleumdungen, Gerichtsklagen und sogar Gefängnishaft eintrug.

Dementsprechend bieten die Themen dieser Briefe ein breites öffentliches Spektrum, und die persönlichen Wendungen der familiären Details über "Katjas neue komische Familie" bilden im Grunde nur heiteren Zierat. Der "olle Schwieger-Tommy" ist damals zwar bereits berühmt, aber noch weit entfernt vom späteren Weltruhm, und skeptisch-belustigt notiert Hedwig Pringsheim das beständige Auf und Ab im Mann’schen Familienleben, um dann wieder über wichtigere, ernsthafte Dinge zu schreiben.

Insofern ist der Titel "Meine Manns" eine verkaufsträchtige Mogelpackung, die auf das anhaltend große Interesse an der Jahrhundertfamilie spekuliert. Doch ohne deren Ruhm hätten diese Briefe vermutlich nie den Weg in die Öffentlichkeit gefunden. Zu Inge und Walter Jens‘ jüngsten, großartigen biographischen Büchern über Hedwig Pringsheim bilden ihre Briefe an Maximilian Harden eine wunderbare Ergänzung. Die hervorragende philologische Kommentierung von Helga und Manfred Neumann macht den Band zu einer echten, lehrreichen Geschichtsstunde ohne Zeigefinger. Eine vergnüglich-gehaltvolle Lektüre – sie zeigt erneut den Reichtum einer Kultur, die 1933 zerstört wurde. abbrach. Die Nazis enteigneten die Pringsheims, in letzter Sekunde entkamen sie in die Schweiz. Dort starb Hedwig Pringsheim 1941 im Alter von 86 Jahren.

Rezensiert von Joachim Scholl


Hedwig Pringsheim: Meine Manns. Briefe an Maximilian Harden
Herausgegeben von Helga und Manfred Neumann.
Aufbau-Verlag, Berlin 2006, 381 Seiten, 26,90 Euro

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