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Interview / Archiv | Beitrag vom 17.09.2011

Katholischer Theologe hält Papstauftritt für reines Medienspektakel

Berger: "Die Kirche verträgt keine radikale Ehrlichkeit"

David Berger im Gespräch mit Nana Brink

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David Berger, Autor des Buches "Der heilige Schein: Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche" (privat)
David Berger, Autor des Buches "Der heilige Schein: Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche" (privat)

Der homosexuell lebende ehemalige Religionslehrer David Berger erwartet vom päpstlichen Wort zum Sonntag vor allem eine gute Inszenierung. "Das wird nicht so sein, dass der Papst da seine harten Thesen vortragen wird", so Berger. Vielmehr werde er von Versäumnissen der Kirche ablenken.

Nana Brink: Es ist ein Event, wie man so schön sagt: Der Besuch Papst Benedikt XVI. nächste Woche in Deutschland bringt Hunderttausende auf die Beine. Die Messe im Berliner Olympiastadion wird auch eine geschickt inszenierte PR-Veranstaltung für die katholische Kirche sein, und eingestimmt werden die Gläubigen schon mal heute Abend, wenn der Papst das Wort zum Sonntag im deutschen Fernsehen spricht. Friede, Freude, schöner Schein, oder was haben wir da zu erwarten? Einer, der dem Heiligenschein nicht mehr traut, ist der Theologe David Berger. Er hat ein Buch gleichen Titels geschrieben und war bis vor Kurzem noch Dozent der päpstlichen Akademie des Heiligen Thomas von Aquin und Religionslehrer, bis ihm der Kölner Erzbischof Kardinal Joachim Meisner die Lehrerlaubnis entzog. Sein Lebenswandel stehe nicht im Einklang mit den katholischen Glaubensregeln. Der Untertitel seines Buches: "Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche". Einen schönen guten Morgen, Herr Berger!

David Berger: Guten Morgen!

Brink: Erst mal: Was erwarten Sie denn vom päpstlichen Wort zum Sonntag heute?

Berger: Na ja, das wird nicht so sein, dass der Papst da seine besonders harten Thesen vortragen wird. Man darf natürlich nicht übersehen, dass der Vatikan, die katholische Kirche eine 2.000-jährige Erfahrung hat im Inszenieren ihrer eigenen Institution. Ich erinnere zum Beispiel daran, dass schon Goethe von Rom aus geschrieben hat: Auf jeden Fall ist der Papst der beste Schauspieler der Welt, den ich hier beobachten konnte. Ich denke, daran hat sich im Grunde genommen nichts geändert. Die Inszenierung wird perfekt sein, es werden die Bilder sein, die die Menschen beeindrucken. Und das ist auch ganz gezielt so gewählt, das heißt, diese Bilder sollen Land wieder gut machen, was durch inhaltliche Dinge der katholischen Kirche in den letzten Jahren gerade in Deutschland ganz entschieden verloren gegangen ist. Und da wird sicher dieses Wort zum Sonntag ein Teil, ein ganz entscheidender Teil dieser Vernebelungsaktion sein.

Brink: Was beschäftigt denn die Menschen Ihrer Meinung nach?

Berger: Ich glaube, ganz entschieden beschäftigen die Menschen die praktischen Fragen, das heißt, wie ist mein Leben zu gestalten? Warum verbietet der Vatikan Dinge, die in unserer Gesellschaft selbstverständlich auch als Werte akzeptiert werden, das heißt, die Toleranz als ganz großer Wert, die Möglichkeit, seine Freiheit zu gebrauchen bei der Gestaltung seines moralischen und sittlichen Lebens, das Hören auf das eigene Gewissen – aber gerade das Gegenteil ist der Fall, in den letzen Jahren hat sich da deutlich Rom, hat sich der Vatikan unter diesem Papst verhärtet.

Brink: Sie haben ja ein kritisches Buch geschrieben, "Der heilige Schein", wie sieht es denn dann hinter diesem Schein aus? Da haben Sie ja eine Menge Erfahrungen gemacht.

Berger: Ja, dass man zum Beispiel bei der großen Zahl der homosexuellen Priester, die man hat, das Wissen um deren Homosexualität einsetzt, um sie gefügig und sie loyal zu halten, sie unter Druck zu setzen – das führt hin bis zu der Tatsache, dass diese Priester dann häufig am Ende stark unter psychischen Erkrankungen leiden, bis hin zu Fällen von Selbstmord, was aber in Kauf genommen wird, weil es ein wichtiger Machterhaltungsfaktor der Hierarchie in der katholischen Kirche ist, solange ich die Menschen unter Kontrolle habe, ihnen immer wieder sagen kann, ich weiß was über dich, habe ich auch ein Druckmittel.

Ganz wichtig ist die großflächige Vertuschung von Untaten, die die Priester begangen haben. Das hat zum Beispiel der Untersuchungsbericht für die Erzdiözese München gezeigt, dass dort systematisch Akten unterschlagen worden sind, vernichtet worden sind, bevor die Untersuchungsanwältin gekommen ist, besonders die Akten aus der Zeit Joseph Ratzinger, als er dort Bischof war, da gibt es nur noch eine einzige Akte, die hat sie vorgefunden, die Ratzinger zudem entlastet hat. Also, die Vertuschung geht selbst jetzt, wo man gesagt hat, wir wollen reinen Tisch machen und wollen endlich ehrlich sein, im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen weiter.

Brink: Sie waren Religionslehrer. Was haben Sie denn für Erfahrungen gemacht?

Berger: Ich habe eigentlich die Erfahrung gemacht, dass ich zum einen viele Jahre unter Druck gesetzt worden bin, um mich loyal zu halten. Das heißt, sobald ich irgendetwas gemacht habe, was dem neuen, konservativen Kurs der Kirchenoberen nicht entsprochen hat, man mir immer wieder angedeutet hat, pass auf, wir wissen was über dich, jetzt sei aber auch mal wieder loyal, aber mir mein Privatleben eingestanden hat, solange es geheim geblieben ist. Zu dem Zeitpunkt, wo ich ganz offen und ehrlich einfach über mein Homosexuellsein gesprochen habe, musste ich mit den heftigsten disziplinarischen Maßnahmen rechnen, die dann auch verhängt worden sind, innerhalb sehr kurzer Zeit.

Brink: Interessant ist ja, dass sich doch sehr viele Homosexuelle diesem Milieu der katholischen Kirche verhaftet fühlen, obwohl sie doch so massiv abgelehnt werden. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Berger: Na ja, auch das hat eine lange Tradition, könnte man sagen. Das heißt, das Überleben der römisch-katholischen Kirche über viele Jahrhunderte verdankt sie geradezu Homosexuellen. Das hängt mit einem unausgesprochenen Pakt zusammen, könnte man sagen. Mit dem katholischen Priestertum hat die katholische Kirche mehr oder weniger bewusst ein Berufsprofil geschaffen, das für Schwule in der damaligen Zeit, als das noch unter Strafe stand, als das gesellschaftlich verpönt war, geradezu passend war, sowie man heutzutage das bei Flugbegleitern oder der Beauty-Branche sagen konnte, so war das damals die katholische Kirche.

Also, die katholische Kirche war nicht das Problem damals für Homosexuelle, sondern war geradezu die Lösung, denn sie konnten dort unverheiratet als Single leben in einer reinen Männergesellschaft im Kloster, sozusagen fast in einer Schwulen-WG leben, ohne dass da natürlich homosexuell drauf stand. Daher kommt, dass die katholische Kirche mit der homosexuellen Veranlagung selber keine Probleme hat, aber mit der homosexuellen Lebensweise, die dann zum Konkurrenzprogramm der typisch katholischen Lösung für Homosexuellsein geworden ist, nämlich dem Zölibat der Priester.

Brink: Nun haben Sie ja das Tabu gebrochen, Sie haben sich geoutet, dann haben Sie auch mit Konsequenzen rechnen müssen. Apropos Sanktionen: Bei pädophilen Priestern, wir wissen es ja, hat das zum Teil ewig gedauert, bis man sie entfernt hat. Bei Ihnen ging der Rausschmiss eigentlich ziemlich schnell. Wie erklären Sie sich das?

Berger: Ja, das haben bei mir auch viele gesagt: Das ist erstaunlich, dass pädophile Priester nur versetzt worden sind an andere Stellen, damit es nicht bekannt wird und bei dir so radikal gehandelt worden ist. Aber die Lösung ist im Grunde genommen einfach. Diese pädophilen Priester sind eben nicht in die Öffentlichkeit gegangen. Die katholische Kirche hat versucht, das möglichst lange hinter der heiligen Kulisse zu verstecken, und so lange sind auch diese Priester geschützt worden. Auch aufgrund eines klerikalen Selbstverständnisses, das den Priester in der Öffentlichkeit als heiligen Mann retten will. Bei mir war es so, dass ich mit einer radikalen Ehrlichkeit an die Öffentlichkeit gegangen bin, und das ist eigentlich das, was die katholische Kirche in dem Zusammenhang am allerwenigsten verträgt, und deswegen so schnell und so radikal gehandelt hat.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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