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Lesart / Archiv | Beitrag vom 08.04.2020

Katharina Herrmann über "Dichterinnen & Denkerinnen"Weibliches Schreiben und männliche Arroganz

Katharina Herrmann im Gespräch mit Britta Bürger

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Gemälde von Maximiliane von La Roche mit ihren Eltern Sophie von La Roche geb.Gutermann (l.) und Georg Michael A.F.M. von La Roche (r.). (picture-alliance / akg-images)
Inspiration für Goethes Werther: die Autorin Sophie von La Roche, hier mit Tochter und Ehemann, schrieb den Roman "Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim". (picture-alliance / akg-images)

Autorinnen stoßen im männlich dominierten Literaturbetrieb auf viele Widerstände. Katharina Herrmann widmet "Frauen, die trotzdem geschrieben haben", einen Band mit 20 Porträts. Darin verrät sie auch, wer das Genre des "Frauenromans" erfand.

Ob Frauen sich dem Schreiben widmen konnten, darüber haben im Lauf der Geschichte lange Zeit Männer entschieden, sagt Katharina Herrmann. Auch der Zugang zu Bildung sei den meisten Frauen, entgegen allen aufklärerischen Idealen der europäischen Kultur, bis vor nicht allzu langer Zeit versperrt gewesen.

Sophie von La Roche: Autorin der Empfindsamkeit

Erst recht galt das zu Lebzeiten der Schriftstellerin Sophie von La Roche vor etwa 250 Jahren. Ihr widmete Hermann eines der interessantesten Kapitel in ihrem Porträtband "Dichterinnen & Denkerinnen". Es trägt die Überschrift "Die Erfindung des Frauenromans". Denn am Beispiel von La Roches 1771 verfasstem Roman "Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim" lasse sich eine folgenschwere Unterscheidung historisch verorten, die den Literaturbetrieb bis heute präge, so Katharina Herrmann.

La Roches Roman gilt heute als einflussreiches Werk aus der Epoche der Empfindsamkeit. Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werther" sei ohne diesen Vorläufer kaum vorstellbar, sagt Herrmann. Damals habe Sophie von La Roche ihr Buch jedoch wie die meisten Autorinnen nur anonym veröffentlichen können. Der Herausgeber Christoph Martin Wieland habe dem Roman im Vorwort eine zweifelhafte Empfehlung vorangestellt: Es handle sich zwar um keine große Kunst, aber um ein moralisch nützliches Buch für junge Leserinnen, denn die Hauptfigur sei ein geeignetes Vorbild für sie.

Kunst oder Unterhaltung? Eine fatale Weichenstellung

"Damit wurde eine Weichenstellung vorgenommen, die wir bis heute in der Literatur haben", sagt Katharina Herrmann. Denn mit seiner Vorbemerkung treffe Wieland eine Unterscheidung "zwischen Literatur als Kunst, die kommt von Männern, und nützlicher Unterhaltung für andere Frauen, die kommt von Frauen." Und diese Trennlinie finde sich bis heute wieder "im Literaturmarkt und Literaturbetrieb".

Für ihr Buch traf Katharina Herrmann, die in ihrem Literaturblog Kulturgeschwätz seit langem für vergessene Autorinnen wirbt, eine Auswahl von 20 Schriftstellerinnen aus drei Jahrhunderten, darunter bekannte wie Annette von Droste-Hülshoff, Else Lasker-Schüler oder Mascha Kaléko, aber auch solche, die heute kaum jemandem mehr etwas sagen.

Die Illustratorin Tanja Kischel habe jede von ihnen auf eigene Weise in Szene gesetzt, um daran zu erinnern, wie fortschrittlich, stark und vernehmlich jede von ihnen am literarischen Leben ihrer Zeit teilgenommen habe, allen Widerständen zum Trotz.

(fka)

Katharina Herrmann: Dichterinnen & Denkerinnen. Frauen, die trotzdem geschrieben haben
Mit Illustrationen von Tanja Kischel
Reclam, Stuttgart 2020
237 Seiten, 20 Euro

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