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Lesart | Beitrag vom 05.04.2019

Katharina Greves Comic "Die dicke Prinzessin Petronia"Die griesgrämige Cousine des "Kleinen Prinzen"

Katharina Greve im Gespräch mit Andrea Gerk

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Buchcover zu Katharina Greves Comic "Die dicke Prinzessin Petronia", im Hintergrund eine Zeichnung von Antoine de Saint Exupérys kleinem Prinzen (Avant-Verlag / Karl Rauch Verlag / Picture alliance)
Man sieht nur mit der Lupe gut: Die dicke Prinzessin Petronia ist immer schlecht gelaunt, mag Naturwissenschaften und hasst ihren berühmten Cousin. (Avant-Verlag / Karl Rauch Verlag / Picture alliance)

"Der kleine Prinz ist schon extrem abgedroschen", sagt die Comiczeichnerin Katharina Greve. Sie hat ihre Hassliebe zu der arg strapazierten Figur verarbeitet, indem sie ihm eine übellaunige Cousine gezeichnet hat.

Andrea Gerk: Der kleine Prinz aus Antoine de Saint-Exupérys Erzählung hat sich seit seinem Erscheinen 1943 tatsächlich eine ganz eigene Galaxie geschaffen – zu dem gehört eine riesige Merchandising-Maschinerie von der Bettwäsche bis zur Zahnbürste. Alle lieben den kleinen Prinzen, der alles mit dem Herzen sieht. Und bevor die an sich poetische Figur vollends im Kitsch versinkt, ist es doch mal eine schöne Überraschung, dass er jetzt eine griesgrämige Cousine bekommen hat: die dicke Prinzessin Petronia. Erfunden hat sie die Comic-Künstlerin Katharina Greve, die jetzt bei mir im Studio ist. Hallo, Frau Greve!

Katharina Greve: Guten Morgen!

Gerk: Petronia, das ist so eine griesgrämige Cousine – ich hab's schon gesagt – vom kleinen Prinzen. Was ist sie für ein Typ, wie würden Sie sie charakterisieren, wenn Sie sie mir jetzt vorstellen müssten?

Greve: Sie ist das Gegenteil vom kleinen Prinzen. Sie ist schlecht gelaunt, sie ist rational, sie ist wissenschaftlich interessiert, sie ist ein bisschen moppelig, entspricht nicht so den normalen Schönheitsnormen, und sie hasst ihren Cousin.

Gerk: Warum ist sie denn eigentlich so schlecht gelaunt? Ich finde das ja toll, ich fand es sehr, sehr lustig, Ihren Comic, aber warum hat sie eigentlich so schlechte Laune?

Greve: Na ja, also man muss das mal nachfühlen: Sie ist eigentlich die Thronfolgerin, also ihre Mutter ist die Königin des Universums, sie ist die Thronfolgerin, aber kein Mensch beachtet sie. Alle lieben nur ihren kleinen, blonden Cousin, und sie hat auch noch den kleineren, schlechteren Planeten abgekriegt. Also, schon der kleine Prinz lebt auf einem sehr, sehr, sehr kleinen Asteroiden, und ihrer ist noch viel kleiner, nur so groß wie ein Hüpfball. Und da muss man einfach schlechte Laune kriegen.

"Ich finde, Petronia ist schlauer als ihr Cousin"

Gerk: Das stimmt. Jetzt hat der kleine Prinz ja quasi so eine Art Zitatenschatz für jedermann produziert, gute Lebensweisheiten wie, dass man eben nur mit dem Herzen gut sieht – was lernen wir denn von Prinzessin Petronia?

Greve: Ich finde, dass Petronia schlauer ist als ihr Cousin, und sie denkt sich so Sachen, dass Staub zum Beispiel, Staub die Zinsen des Daseins, und ich finde, sie ist so ein bisschen plietscher.

Gerk: Sie sagt ja auch, merke, mit der Lupe sieht man besser – ist sie auch so ein bisschen ein Loblied auf Verstand und Ratio?

Greve: Ja, also, sie ist auf jeden Fall sehr rational und sehr logisch, und sie mag Zahlen, sie mag Mathe und sie mag Naturwissenschaften und untersucht also auch ihren Planeten und ihre Umwelt naturwissenschaftlich.

Gerk: Das heißt, sie ist ja eigentlich alles, was man normalerweise über Mädchen nicht sagt. Eigentlich sind das ja so Eigenschaften, die man so diesen Genderklischees nach eher Jungen zuschreibt. Ist das auch ein bisschen eine feministische Figur?

Greve: Ja, Petronia ist schon so ein bisschen so angelegt, aber es kommt eigentlich eher daher, weil ich mag auch Mathe und ich mag Naturwissenschaften, und das hat sie von mir mitgekriegt. Aber es ist natürlich irgendwie in unserer heutigen Zeit und in dieser Debatte schon eine feministische Anlage der Figur.

Die Comiczeichnerin Katharina Greve (Marcus Müller / Avant-Verlag)Die Comiczeichnerin Katharina Greve (Marcus Müller / Avant-Verlag)

Gerk: Was haben Sie persönlich denn für ein Verhältnis zum kleinen Prinzen?

Greve: Ich fand den als Kind natürlich toll, als Buch und als Weihnachtsmärchen, aber in dem Augenblick, wo ich angefangen habe, selbstständig zu denken, ab da hab ich dann doch gedacht, ach Gott, der ist ja schon sehr kitschig.

Gerk: Und wie kam es dann dazu, dass Sie gedacht haben, so, jetzt setze ich dem mal was entgegen, wie entsteht so eine Idee?

Greve: Ich hab mich lustigerweise schon in Cartoons am kleinen Prinzen abgearbeitet vorher, durch Zufall, und dann hat mich irgendwann die Zeitschrift "Das Magazin" gefragt, ob ich für die einen Comicstrip entwickeln möchte. Und irgendwie kam diese Hassliebe zum kleinen Prinzen – zufällig kochte die hoch, und dann dachte ich, ach, Mensch, die Familie ist ja groß, und da gibt es ja noch jemanden, der diese Abneigung teilt, und deren Geschichte möchte ich gerne erzählen.

"Das war harte Arbeit, das Buch noch mal zu lesen"

Gerk: Und wie entwickeln Sie dann konkret so eine Figur? Da müssen Sie ja auch noch mal ins Original richtig einsteigen, ne?

Greve: Ja, das war hart, das war harte Arbeit, das Buch noch mal zu lesen.

Gerk: Es gibt ja auch schon Filme, und was weiß ich was alles, das ist tatsächlich ein ganzes Universum.

Greve: Die Figur des kleinen Prinzen ist insgesamt schon extrem abgedroschen, das ist schon, wow, die ist wirklich abgearbeitet in allen möglichen Bereichen. Und ich muss eigentlich immer zur Weihnachtszeit so ein bisschen lachen, weil mindestens in zwei Theatern wird das als Weihnachtsmärchen aufgeführt, und das heißt, diese Figur begegnet einem auch ständig im Straßenraum durch die Plakate.

Gerk: Und wenn Sie dann die Idee haben, ich mache eine dicke Prinzessin, die die Cousine ist, entwerfen Sie dann so eine Art Psychogramm für die Figur, oder entsteht das beim Zeichnen – wie entsteht so eine Comicfigur bei Ihnen?

Greve: Also, die Grundanlage des Charakters, die habe ich mir schon wirklich auf dem Papier überlegt. Sie ist eben rational, sie ist schlecht gelaunt und sie fühlt sich verraten und verkauft vom Universum und von ihrer Mutter vernachlässigt und so. Aber beim Zeichnen oder beim Entwickeln dieser einzelnen kleinen Geschichten – das ist ja jetzt auch schon ein Zeitraum von fast vier Jahren irgendwie, die ich die zeichne –, entwickelt die sich weiter. Das ist wie bei jeder anderen fiktiven Figur, die entwickelt ein Eigenleben, und die bekommt mehr Nuancen und mehr Details mit der Zeit.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

"Katharina Greve: Die dicke Prinzession Petronia"
Avant-Verlag, Berlin 2019
104 Seiten, 20 Euro

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