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Lesart | Beitrag vom 26.06.2019

Katerina Poladjan: "Hier sind Löwen"Der Sog der traumatischen Geschichte von Armenien

Katerina Poladjan im Gespräch mit Andrea Gerk

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Autorenfoto von Katerina Poladjan (S. Fischer Verlag)
Katerina Poladjan glaubt nicht an Festlegungen durch ethnische Wurzeln. Für ihr Buch "Hier sind Löwen" spürte sie dennoch ihrer Familiengeschichte in Armenien nach. (S. Fischer Verlag)

In "Hier sind Löwen" schreibt die russisch-armenischstämmige Autorin Katerina Poladjan auch über ihre familiären Wurzeln. Auf einer Recherchereise durch Armenien erfuhr sie, wie prägend und gegenwärtig die Erinnerungen an den Genozid sind.

Die Hauptfigur in Katerina Poladjans Roman "Hier sind Löwen" ist ein bisschen wie die Autorin selbst: In Russland geboren, später nach Deutschland gekommen, der Großvater ein Überlebender des Völkermords an den Armeniern im Osmanischen Reich.

Lange war die Vergangenheit des eigenen Großvaters für die - nach eigenen Angaben sowjetisch sozialisierte - Autorin kein Thema, trotz ihres armenischen Familiennamens. "Er hat das ganze Leben lang geschwiegen, wie so viele Überlebende", sagte Poladjan im Interview mit Deutschlandfunk Kultur. Erst als sie zu recherchieren begann, stieß sie auf Leerstellen in der Familiengeschichte. "Für mich gab es dann irgendwann eine unaufgeregte Dringlichkeit, darüber zu schreiben."

"Du musst über unser Leid schreiben"

Ihre Romanfigur Helen kommt als Buchrestauratorin in die armenische Hauptstadt Eriwan. Im Gepäck hat sie ein altes Foto, mit dem sie für die Mutter nach Verwandten von früher suchen soll.

Helen findet in einer Familienbibel eine rätselhafte Randnotiz über ein vor Deportationen geflohenes Geschwisterpaar und gerät schließlich selbst in den Strudel der Geschichte.

Eigentlich neigt die Romanfigur wie auch Poladjan selbst nicht zu identitären Zuschreibungen. "Ich bin kein Baum", sagt Helen einmal auf die Frage nach ihren Wurzeln. Doch dann ist sie plötzlich mitten in jenem Land, wo noch immer ständig über das historische Trauma gesprochen wird.

"In Armenien ist das Thema allgegenwärtig", sagt Poladjan. Für sie als Rechercheurin sei das manchmal schwierig gewesen, "weil es immer hieß: Du bist Armenierin und du hast Verantwortung, du musst über unser Leid schreiben. Und du musst darüber richtig schreiben. Und ich hab mich natürlich immer gefragt: Was heißt 'richtig darüber schreiben'?"

Der Großvater wurde als Sechsjähriger gerettet

Ihr Großvater sei damals als Sechsjähriger von seiner großen Schwester gerettet worden, sagt Poladjan über den wahren Kern ihres Buchs.

Im Handschriftenarchiv in Eriwan hatte die Autorin ein altes Buch in der Hand. Eine alte Bibel, mit Nachschrift, in der Kopist und Besitzer verzeichnet sind, "mit Fürbitten, Genesungswünschen und auch ganz, ganz persönlichen Notizen". "Dieses Buch hatte eine unglaubliche Kraft", sagt sie. Sie machte anschließend sogar ein Praktikum in der Restaurationswerkstatt des Archivs.

(fmay)

Katerina Poladjan: "Hier sind Löwen"
S. Fischer Verlag, Frankfurt / Main
288 Seiten, 22 Euro

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