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Lesart | Beitrag vom 25.04.2019

Kate Manne: "Down Girl"Die Krise des Patriarchats und die Folgen

Von Jens Balzer

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Cover "Down Girl - Die Logik der Misogynie" von Kate Manne, im Hintergrund zwei junge Frauen und ein junger Mann am Laptop (Suhrkamp Verlag / Imago)
Frauenfeindlichkeit verstärkt sich, wenn diese auf ein Terrain vordringen, das Männer für sich beanspruchen, meint Kate Manne in "Down Girl". (Suhrkamp Verlag / Imago)

Warum ist nach jahrzehntelanger Emanzipation die Diskriminierung von Frauen noch immer so allgegenwärtig? Gerade weil Frauen erfolgreich sind, wächst der Druck auf sie, erklärt die australische Philosophin Kate Manne in ihrem Buch "Down Girl".

Warum müssen wir immer noch über Misogynie reden? Wieso ist auch nach einer jahrzehntelangen Geschichte der feministischen und sexuellen Emanzipation die Diskriminierung und Verachtung von Frauen allgegenwärtig? Warum kann einem Politiker wie Donald Trump sein Frauenhass und die Neigung zur sexuellen Gewalt nichts anhaben, sondern befördert seine Popularität offenbar noch?

Das sind die Fragen, die sich die australische, in den USA lehrende Philosophin Kate Manne stellt. In ihrem Buch "Down Girl" möchte sie - so der Untertitel - die "Logik der Misogynie" in systematischer Weise beschreiben, aber auch erkunden, warum der Frauenhass gerade in einer Zeit wieder wächst, in der Frauen immer stärkeren Anteil am gesellschaftlichen und kulturellen Leben besitzen.

Er wächst gerade deswegen, so lässt sich Mannes Antwort zusammenfassen. Misogynie entsteht und verstärkt sich, wenn Frauen auf ein Terrain vordringen, das Männer für sich alleine beanspruchen - und wenn Frauen sich nicht mehr so verhalten, wie es von ihnen erwartet wird. In der patriarchalen Gesellschaft sind sie als fürsorgende, empathische, "gebende" Wesen bestimmt, gleich ob es in der Rolle der Mutter, der Sexualpartnerin, der Mitarbeiterin oder der Konkurrentin auf dem Arbeitsmarkt ist.

Wenn Männer sich als Opfer sehen

Wenn sie sich diesen Erwartungen verweigern, wenn sie also selber nach Souveränität streben oder von Männern das fordern, was in deren Vorstellung bloß die Frauen zu geben haben, dann fühlen sich die Männer als Opfer, denen etwas genommen wird, was ihnen zusteht. Aus diesem Selbstbild erwächst ein Hass, der sich in verächtlicher Sprache oder sexueller Gewalt bis hin zum Mord manifestieren kann.

Das ist eine einleuchtende, allerdings nicht sonderlich grundstürzende Definition von Misogynie. Sie könnte als Ausgangspunkt für eine Analyse der kulturellen und politischen Gegenwart dienen. Leider mangelt es Manne dazu wesentlich an argumentativer Stringenz und Systematik.

Gerichtsprotokolle, Zeitungsartikel, Internet-Tweets

In wahllos wirkender Weise illustriert sie die zu Beginn des Buchs aufgestellte Definition mit Gerichtsprotokollen, Zeitungsartikeln, Internet-Tweets, Wahlkampfreden, Romanen aus unterschiedlichen Epochen, fiktionalen und nicht-fiktionalen Texten, ohne die unterschiedliche Aussagekraft solcher Quellen in Betracht zu ziehen. Zudem springt sie unreflektiert zwischen einer überzeitlichen und einer tagesaktuellen Perspektive hin und her.

Denn auch wenn sie Misogynie als Ergebnis der Krise des Patriarchats betrachtet, so ist sie andererseits doch der Ansicht, dass Männer die Frauen schon immer verachtet haben. Wie diese "ganz normale" Verachtung sich nun zu jener in Krisenzeiten verhält, davon hat Manne wiederum keinen Begriff.

Zu viele entlegene Fachbegriffe

Besonderen Wert legt sie hingegen auf den Umstand, dass sie ihren Gegenstand in "ameliorativer" Weise betrachtet – ohne dass sie dieses Wort an irgendeiner Stelle erläutert. Auch ansonsten leidet die Studie an einem Hang zu entlegenen Termini und stellenweise unlesbaren Substantivhäufungen. Kate Manne hat keinerlei Interesse daran, ihre Thesen an ein Publikum zu vermitteln, das nicht im allerneuesten Slang der US-amerikanischen Elite-Universitäten geübt ist.

Einen relevanten Teil auch nur der gebildeten Öffentlichkeit erreicht man mit solchem Kauderwelsch nicht. Es handelt sich um einen rhetorischen Gestus, den frühere Generationen feministischer Theoretikerinnen stets zu Recht als "phallisch" kritisiert haben.

Kate Manne: Down Girl - Die Logik der Misogynie
Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff.
Suhrkamp, Berlin 2019.
499 S., 32 Euro

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