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Interview / Archiv | Beitrag vom 23.10.2014

Katastrophenvorsorge"Nachhaltiger Hochwasserschutz steht noch aus"

BUND-Experte hofft auf bessere Koordinierung der Länder

Ernst Paul Dörfler im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Die Übersicht zeigt am 15.06.2013 die überflutete Ortschaft Fischbeck (Sachsen-Anhalt). Mit einer außergewöhnlichen Sprengaktion soll ein Loch in einem Elbdeich in Sachsen-Anhalt gestopft werden. (picture alliance / dpa / Foto: Bundeswehr)
Versunken in der Elbe: Die Ortschaft Fischbeck (Sachsen-Anhalt) (picture alliance / dpa / Foto: Bundeswehr)

Ernst Paul Dörfler vom Umweltverband BUND hofft darauf, dass sich die Umweltminister der Länder bei ihrem Treffen auf ein nationales Hochwasserschutzprogramm einigen werden. Nur so könne organisiert werden, das die Flüsse wieder mehr Raum erhielten.

Liane von Billerbeck: Das Wasser hat ja eben schon gerauscht und geschwappt – manchmal allerdings gibt es viel zu viel davon. Bei den sogenannten Jahrhunderthochwässern, die allerdings die dumme Angewohnheit haben, öfter als einmal im Jahrhundert zu erscheinen: 1997 das Oder-Hochwasser, 2013 an Elbe, Saale, Donau – immer, wenn wieder Land unter gewesen ist, dann heißt es, es müsse sich was ändern. Doch oft bleiben solche Vorhaben in einer Art Kleinstaaterei stecken.

In Heidelberg am Neckar, da treffen sich heute die Länderumweltminister, um ein nationales Hochwasserschutzprogramm zu erarbeiten. Und es geht da um überregionale Schutzmaßnahmen, also auch um viel Geld.

Ernst Paul Dörfler ist Hochwasserschutzexperte beim BUND, er war auch Mitbegründer der Grünen Partei der DDR, saß als Abgeordneter in der ersten freien Volkskammer und im Bundestag. Guten Morgen, Herr Dörfler!

Ernst Paul Dörfler: Guten Morgen!

von Billerbeck: 2013, nach dem Hochwasser, da wollten die Länder den Hochwasserschutz besser koordinieren. Was ist denn bisher passiert?

Dörfler: Ja, es ist natürlich bitter nötig, diese Hochwasserschutzmaßnahmen zu koordinieren, weil wenn das in den Händen allein der Länder liegt, dann passiert eben das Verkehrte, nämlich der einseitige technische Hochwasserschutz hat ja dazu geführt, dass 2013 diese Hochwasserkatastrophe erst herbeigebaut wurde. Es hätte ja gar nicht so kommen müssen, wenn man nach dem ersten Jahrhunderthochwasser an der Elbe 2002 die richtigen Maßnahmen ergriffen hätte, nämlich dem Fluss mehr natürliche Überschwemmungsfläche freiwillig und gezielt zur Verfügung gestellt hätte, zum Beispiel durch Deichrückverlegung.

Das ist aber kaum passiert, sondern man hat an denen aufgerüstet, die Deiche höher gebaut, verbreitert, statt dem Fluss mehr Auslauf zu gewähren. Das Wasser muss ja irgendwo hin, und dann sucht es sich irgendwo die Schwachstelle, und irgendwo findet der Fluss auch die Schwachstelle. Was bisher passiert ist, war einseitiger Hochwasserschutz, und der nachhaltige Hochwasserschutz, der steht noch aus.

von Billerbeck: Warum ist denn die Koordinierung zwischen den Ländern gerade beim Hochwasserschutz so wichtig?

Maßnahmen der Oberlieger wirken sich auf Unterlieger aus

Dörfler: Es ist so: Wenn der Oberlieger – das ist das Bundesland, das am höchsten liegt – Eingriffe in den Fluss vornimmt, dann hat das in aller Regel auch Folgen auf die Unterlieger, die Nachbarn, den Landesnachbarn. Und diese Folgen können durchaus auch negativ sein, dass die Fluten gesteigert werden, weil das Wasser eben keine Möglichkeit hat, die ehemaligen Auen zu betreten, sich also auszubreiten, in die Breite zu fließen und damit den Fluss zu entschleunigen, die Hochwasserstände zu senken. Diese Möglichkeiten werden dem Fluss nicht gewährt, und deshalb gibt es dann die Katastrophen der Nachbarn weiter unten.

von Billerbeck: Sie kennen sich ja besonders gut an der Elbe aus. Nehmen wir mal das Beispiel Elbe – was muss denn da besser oder anders werden?

Dörfler: Die Elbe ist ja ein großer Strom, dem man im Laufe der letzten 100, 200 Jahre über 80 Prozent der ehemaligen natürlichen Überschwemmungsfläche weggenommen hat, geraubt hat. Und das, was übrig geblieben ist, sind nicht mal 20 Prozent, das ist einfach zu wenig für die neuen Situationen, die wir jetzt auch durch den Klimawandel haben, durch die Zunahme der Extreme. Was übrig bleibt an Fläche, reicht eben nicht mehr aus, um die Wassermengen gefahrlos aufzunehmen.

Und die logische Schlussfolgerung muss jetzt Wiedergutmachung sein: dem Fluss wieder wenigstens einen Teil der Flächen zurückzugeben, die ihm einst gehörten.

Und die Flächen sind da. Wir müssen nicht Menschen entsiedeln und keine Siedlungen aufgeben, sondern zwischen den Siedlungen haben wir ausreichend Flächen, die dem Fluss wieder zurückgegeben werden müssen. Es muss lediglich die Bereitschaft da sein, und es müssen die Bedingungen geschaffen werden, Ackerflächen wieder zu Grünland umzuwandeln, um Flächen zu finden, sogenannte Retentionsflächen, die Wasser aufnehmen und damit die Gefahr entschärfen. Und da liegt eigentlich das Problem.

von Billerbeck: Wenn ich Sie höre, dann frage ich mich immer: Das sind ja alles "Banalitäten" – man weiß es ja, dass die Flüsse zu wenig Raum haben. Trotzdem hat man die Deiche höher gebaut. Wie lässt sich denn beim Hochwasserschutz diese Haltung ändern, dass jedes Land sagt, gerne, nicht bei mir. Man baut lieber die Deiche hoch, damit es woanders dann überläuft.

"Die Kompetenz darf nicht allein bei den Ländern liegen"

Dörfler: Ja. Deswegen ist jetzt der Bund gefragt. Und deswegen begrüßen wir eigentlich auch, dass es ein nationales Hochwasserschutzprogramm gibt, denn die Kompetenz darf nicht allein bei den Ländern liegen. Es müssen unter Anleitung des Bundes attraktive Angebote geschaffen werden für die Flächennutzer ehemaliger Auen, also sogenannter Altauen, die zur Bereitschaft führen, diese Flächen für den Hochwasserschutz und letztlich für den Schutz der Menschen, der Siedlungen zur Verfügung zu stellen.

Und solange es diese attraktiven Angebote nicht gibt, gibt es weiterhin Widerstand seitens der Flächennutzer und der Flächenbesitzer. Das heißt, man muss auch Geld in die Hand nehmen. Ohne Geld kriegen wir keine Flächen. Ohne Flächen haben wir keinen ökologischen, nachhaltigen Hochwasserschutz.

von Billerbeck: Und das können nicht die Länder machen, das muss vor allem der Bund machen, damit es eine übergreifende Lösung gibt?

Dörfler: Genau. Es muss koordiniert werden, es muss Geld zur Verfügung gestellt werden, und dann muss geschaut werden, wo wird das Geld am sinnvollsten und effizientesten eingesetzt.

von Billerbeck: Und wo müsste das Ihrer Meinung nach sein?

"Das muss koordiniert werden durch den Bund"

Dörfler: Na, je weiter oben man anfängt, umso günstiger, aber man muss es eigentlich entlang des gesamten Elbelaufs machen. Es kann aber auch der Fall eintreten, dass beispielsweise in Niedersachsen kaum Möglichkeiten bestehen, Hochwasserschutz in dieser Art zu betreiben, sodass also Niedersachsen finanziell auch an Hochwasserschutzmaßnahmen weiter oberhalb, beispielsweise in Sachsen-Anhalt, wo ja viele freie Flächen sind, zu beteiligen. Und das muss koordiniert werden durch den Bund.

von Billerbeck: Klingt alles unglaublich vernünftig. Wie, denken Sie denn, sind die Aussichten für solche Lösungen, die da heute möglicherweise in Heidelberg diskutiert und vielleicht auch beschlossen werden?

Dörfler: Tja, warten wir ab, was dabei herauskommt. Ich befürchte, dass man so einen halbherzigen Zwischenweg einschlägt, wenn man behauptet, man wolle mehr Raum für die Flüsse schaffen. Aber wenn ich so die Flächengröße sehe, da ist man ja immer bescheidener geworden. Mitte der 90er-Jahre hatte man ja auch schon solche Vorschläge auf dem Tisch. Diese Flächen wurden immer weiter gekürzt.

Und was jetzt übrig bleibt, das will man nicht als natürliche Überschwemmungsfläche mit Grünland betreiben, sondern als überwiegend als Polder. Das ist letzten Endes auch eine Art technischer Hochwasserschutz, man baut zwei Deiche und man –

von Billerbeck: Jetzt ist der Gesprächspartner verschwunden. Ernst Paul Dörfler war das, der Hochwasserschutzexperte beim BUND. Heute tagen die Länderumweltminister in Heidelberg.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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