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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 20.11.2014

KatarHässliche Kratzer auf glänzender Oberfläche

Über Macht und Machenschaften in dem Emirat

Von Björn Blaschke

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Luftaufnahme von Doha in Katar am Persischen Golf (picture alliance / ZB / Britta Pedersen)
Luftaufnahme von Doha in Katar am Persischen Golf (picture alliance / ZB / Britta Pedersen)

Katar ist ein kleines Land, das weltweite Diskussionen erregt, nicht zuletzt wegen der Fußball-WM 2022. Das Emirat pflegt Kontakte zu den Taliban und zur Hamas, aber auch zu den USA und Israel. Einblicke in einen Zwergenstaat der Superlative.

Gewürzshops und Parfümerien; Geschäfte für arabische Gewänder und Wasserpfeifen, Zuckerbäcker, kleine Restaurants, Cafés und Teehäuser... Ein Bazar, wie er aus der Türkei, Marokko und Ägypten bekannt ist.

Doch vieles ist anders als im Istanbuler Kapali Carsi, auf dem Jemma el-Fna von Marrakesch oder dem Kairoer Khan el-Khalili: Die Kunden und Gäste auf dem Souq Waqif in Doha, der Hauptstadt von Katar, sind überwiegend Ausländer; sie stammen aus Nord-Amerika und Europa, aus den reichen asiatischen Staaten und den arabischen Nachbarländern. Bedient werden sie von Billig-Lohn-Arbeitern aus Pakistan, Indien, Sri Lanka. Einheimische auf dem Souq Waqif? - Kaum. Der Bazar von Doha ist ein auf alt getrimmter Neubau; eine Retro-Freilicht-Mall mit modernen Service-Leistungen, in der Kunden, die außerhalb falsch geparkt haben, ausgerufen werden.

Bundeskanzlerin Merkel und der Emir von Katar, Scheich al-Thani, nehmen die Ehrenformation vor dem Bundeskanzleramt ab. (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)Scheich al-Thani, hier in Berlin mit Angela Merkel zu sehen, regiert als Emir den Wüstenstaat Katar. (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Der Souq Waqif wurde geschaffen, um internationalen Reisenden orientalische Unterhaltung zu bieten. Das Herrscherhaus von Katar will die Welt in sein Emirat holen, damit die Welt Katar kennenlernt. Katar: ein Zwergstaat, der auf einer Halbinsel im Persischen Golf liegt, an Saudi-Arabien grenzt und voller Superlative ist: Zwei Millionen Menschen verdienen das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt; wobei die meisten Ausländer sind. Geborene Kataris gibt es nur etwa 300.000.

Mohammed Attiya stammt aus einer der angesehensten Familien Katars; einer seiner Verwandten ist Außenminister des Emirates. Mohammed Attiya, ein Mann mit dicker Hornbrille, weißem Kopftuch und Dischdascha, dem traditionellen arabischen Gewand, ist Millionär, vielleicht Multi-Millionär. Er hat sein Geld mit einem sicheren Geschäft im heißen Katar gemacht: Er verkauft Klimaanlagen. Sein Hobby: Er hat vor Jahren eine Villa gekauft, die er zur Meclis gemacht hat; zu einem Ort, an dem man abends zusammen kommt, um zu reden.

Einst war Katar ein Katar ein ruhiges Land

Stets wird Gästen süßer Tee oder Kaffee mit Kardamon nachgeschenkt; freitags, zum Wochenende, lässt er auch schon mal einen Hammel schlachten und zubereiten. Gleichzeitig ist Attiyas Meclis eine Art Museum: Er sammelt alte Mokka-Kannen, Holzmöbel mit Perlmutt-Intarsien und orientalischen Teppiche. Er schätzt vieles an den modernen Vorzügen in seinem Land. Aber der 56-Jährige erinnert sich auch gerne an seine Kindheit, als Katar noch nicht Katar war:

"Wir sind viel am Meer gewesen: Wir sind zum Fischen rausgefahren oder sind geschwommen... und im Hinterland sind wir geritten; auf Pferden, aber auch auf Kamelen. Und wir haben überall Sport getrieben. Es gab noch nicht so viele Straßen mit dem Lärm der Autos. Autos gab es überhaupt nur wenige. Am schönsten war die Ruhe."

Die ganz ruhigen Zeiten kennt Mohammed Attiya jedoch auch nur aus Erzählungen und von den alten Schwarz-Weiß-Fotografien, die die Wände seiner Meclis schmücken: Da sind weite Wüstenlandschaften abgelichtet, Zelte aus Ziegenhaar, Boote mit dreieckigen Segeln.

1971 wurde in Katar das weltweit größte Gasfeld entdeckt. Und das brachte erst einmal dem Emir Reichtum, den er dann an den jungen Staat weiter gab: Er verstaatlichte alle Öl- und Gasgesellschaften und setzte auf eine rasche Entwicklung des Emirats: Er baute den Bildungs- und den Gesundheitssektor aus, siedelte Industrie an, gab jedem Katari Arbeit und ein sicheres Einkommen. Mohammed Attiya findet das selbstverständlich gut.

"Die Bürger Katars kriegen alles umsonst: medizinische Behandlungen, Ausbildung, Strom und Wasser. Sie bekommen ein Monatsgehalt von wenigstens 10.000 Dollar plus Urlaubsgeld. Und sie kriegen drei Monatsgehälter im Voraus, wenn sie in die Ferien gehen. Die Wohnungen sind auch umsonst...Gott sei Dank."

Die Kataris zogen aus, die Welt zu erobern

Katar ist zu einem glitzernd-luxuriösen Staat herangewachsen – mit prächtigen Villen und gläsernen Hochhäusern, mit Limousinen und Yachten, Shopping-Malls und dem Edel-Bazar Souq Waqif. Michael Stevens forscht für das renommierte britische RUSI – das Royal United Service Institute, in der Zweigstelle Doha. Stevens sagt, dass die vielen Kriege in der Region das Herrscherhaus von Katar dazu gebracht haben, ihr Land bekannt zu machen:

"Die Kuwait-Invasion war es, die den alten Emir zu der neuen Politik inspirierte – eben das Interesse an Katar weltweit zu wecken, Katar ins Gespräch zu bringen und die Menschen zu überzeugen, in Katar zu investieren. Der Emir hat sich gesagt: Wenn es dazu kommt, dass die Leute weltweit Dein Land kennen, sind sie auch in Deine Sicherheit involviert."

Auf unvergleichliche Weise zogen die Kataris aus, die Welt zu erobern: Kurz nach dem Krieg um Kuwait begannen Katar und die USA, militärische Beziehungen aufzubauen. Das Emirat beherbergt seit 1998 das Hauptquartier der US-Einheiten im Nahen Osten und wurde im Frühjahr 2003 Kommandozentrale im Krieg gegen den Irak. Parallel dazu investierte das Herrscherhaus in großem Stil auf dem internationalen Parkett; es kaufte Anteile an den Warenhäusern Printemps, Harrods und Sainsbury's, an Porsche und Volkswagen, an Crédit Suisse und Barclays, am französischen Fußballclub Paris St. Germain... und, und, und.

Ein Programm mit dem Ziel, Katar langfristig von Gas- und Öl-Geschäften unabhängig zu machen - und gleichzeitig die Bekanntheit Katars zu erhöhen.

Fifa-Präsident Joseph Blatter bei der Bekanntgabe der WM-Ausrichter 2018 und 2022 (afp / Philippe Desmazes)Seit der Entscheidung der Fifa, die WM 2022 an Katar zu geben, ist der Staat ständig in der Diskussion. (afp / Philippe Desmazes)

Das Herrscherhaus war von Anfang an davon überzeugt, dass der Sicherheit Katars am besten gedient ist, wenn gute Kontakte zu allen Akteuren bestehen, die rund um das Emirat Einfluss haben: Die Liste der regionalen Konflikte, in denen sich Katar als neutraler – aber arabischer – Mittler gibt – inzwischen muss man wohl sagen "gab" -, ist lang, was Katars Image in der Welt enorm geprägt hat. Dabei ist das Herrscherhaus immer beseelt von dem Gedanken, dass Konflikte innerhalb der Region geklärt werden sollten. Die al-Thanis wollen mit ihrer Außenpolitik die Region zusammenwachsen lassen.

Sie setzen auf das Arabertum und den Islam als einigendes Moment in der Hoffnung, dass die Staatsgrenzen unwichtiger werden – von Marokko bis zum Irak; von Kairo bis in den Jemen. Eine Art Neuauflage des Pan-Arabismus, den der Ägypter Gamal Abdel-Nasr einst zur Blüte gebracht hat.

Den wohl größten Prestige-Sieg errang Katar vor fast vier Jahren. Am 2. Dezember 2010 gab die FIFA an ihrem Sitz in Zürich bekannt, Katar werde die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 ausrichten. Das Emirat hatte sich gegen die Mitbewerber Australien, Japan, Südkorea und die USA durchgesetzt. Ein Spross der Herrscherfamilie, der nach Zürich gereist war, versprach der FIFA, dass sie stolz sein

"The winner is Katar!"

Libyens Milizen erhielten Waffen aus Katar

Kaum war der Jubel über die WM-Vergabe Katar verhallt - nur einen Monat später -, bekam das schöne Bild, das das Emirat in der Welt von sich gemalt hatte, hässliche Kratzer. Im Januar 2011 begannen die Volksaufstände in Tunesien, Libyen, Ägypten, Syrien, im Jemen und in Bahrain... Und das Königshaus von Katar war nicht mehr der angeblich neutrale Mittler, der es Jahre lang gewesen war:

"Das änderte sich, als Katar begann, Waffen nach Libyen zu schicken, dortige Milizen aufzurüsten, eigene Militäreinheiten wie die Luftwaffe zu entsenden."

Plakat in Katar, auf dem Hamad ibn Dschasim ibn Dschabir Al Thani, der Premierminister, zu sehen ist, der den Fußball-WM-Pokal in Händen hält.  (dpa / picture alliance / Andreas Gebert)Mit der WM verbindet sich Katars Wunsch, das eigene Image aufzupolieren. (dpa / picture alliance / Andreas Gebert)

Die Kataris - und der Westen mit seinen Luftschlägen - schafften es gemeinsam, Muammar al-Gaddafi zu stürzen.

"Die Menschen sahen in Katar plötzlich nicht mehr den Friedensstifter. Das ach so diplomatische Land – jedermanns Freund – hatte plötzlich eine Position; und Katars Stimme, al-Jazeera, war extrem einseitig bei einigen Themen."

Zwei Jahrzehnte lang hatte sich das Herrscherhaus in der Welt bekannt gemacht und profiliert. Nun war es wohl überzeugt, die regionale Politik nachhaltig prägen zu können. In dieser Hybris habe es sich auch in Syrien eingemischt, sagt Michael Stevens.

Katar – und die eigene TV-Großmacht al-Jazeera – schlugen sich auf die Seite derer, die als Sieger aus den Volksaufständen hervorzugehen schienen: die Gegner der alten Diktaturen, die Demonstranten, die Aufständischen. In Ägypten, Tunesien und Libyen zeichnete sich bald ab, dass bei der politischen Neuordnung Islamisten ganz vorn stehen werden - allen voran die Muslim-Bruderschaft sowie deren Ableger. Katar setzte auf sie.

Als Mohammed Mursi, ein Muslim-Bruder, in Ägypten Präsident wurde, lieh Katar dem Staat Geld und versprach große Investitionen. Katar wollte auch Tunesien helfen, wo die Enahda-Partei – die auf die ägyptische Muslim-Bruderschaft zurückgeht – die ersten freien Wahlen gewann. Doch die Islamisten hielten sich nicht lange; schnell stieg in Ägypten und Tunesien der Unmut über die neuen Machthaber; über Monate gab es wieder Massenproteste.

Neuer Emir seit 2013

Erkannte das Herrscherhaus in Doha, dass es auf das "falsche Pferd" gesetzt hatte? Am 25. Juni 2013 jedenfalls dankte Scheich Hamad bin Khalifa zu Gunsten seines Sohnes ab; seither ist Scheich Tamim bin Hamad al-Thani der neue Emir. Ganz als hätte das Herrscherhaus vorauseilend auf das reagieren wollen, was neun Tage später passieren sollte: Am 3. Juli 2013 setzte das ägyptische Militär Mohammed Mursi ab - nach weiteren Großdemonstrationen gegen den Präsidenten und dessen islamistische Verbündete.

Ägyptens neue Führung zahlte sofort nach der Entmachtung von Mohammed Mursi die Schulden an Katar zurück – mit Hilfe schneller Finanzspritzen aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Deren Herrscher sind seit jeher Gegner der Muslim-Brüder, weil sie in ihnen eine Gefahr für ihre Monarchien sehen. Manche Beobachter setzten darauf, dass es mit dem Thronwechsel auch einen Wechsel der Politik geben würde. Doch den gibt es nicht: Der neue Emir von Katar steht offensichtlich für die alte Politik. Michael Stevens:

Auch auf anderer Ebene ist Katar unter Druck geraten: wegen des Prestige-Projektes Fußball-WM 2022. Da ist die immer wiederkehrende Kritik von Menschenrechtsorganisationen an den Arbeits- und Lebensbedingungen der ausländischen Arbeiter in Katar. Im Fokus ist vor allem das so genannte „Kafala-System": Jeder Ausländer, der in Katar arbeiten will – vom Bauarbeiter bis zum Professor – braucht einen Bürgen, dem der Günstling auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Ohne die Erlaubnis dieses Bürgen darf er Katar weder verlassen noch eine andere Arbeit annehmen.

Keine Chance für Journalisten

Normalerweise nehmen die Bürgen ihren Angestellten sogar die Pässe ab. Da ist es leicht, willkürlich die Löhne zu streichen oder zu kürzen oder jede noch so leise Klage gegen Arbeitsbedingungen zum Schweigen zu bringen... Und diese Arbeitsbedingungen sind zum Teil haarsträubend – glaubt man Menschenrechtsorganisationen. So sagte bereits vor einigen Monaten Priyanka Motabarthy von Human Rights Watch:

"Wir machen uns große Sorgen, dass die WM-Stadien unter Misshandlung von Arbeitern gebaut werden; von Arbeitern, die sich nicht frei bewegen können, die ihren Arbeitgeber nicht verlassen können, wenn er sie misshandelt. Manche arbeiten ohne Lohn. Und manche sind sogar der Zwangsarbeit ausgesetzt."

Ein asiatischer Arbeiter mit blauem Schutzhelm steht auf einer Baustelle in Doha. (dpa/picture-alliance/Arno Burgi)Ein Arbeiter mit blauem Schutzhelm steht auf einer Baustelle in Doha. Der Staat beschäftigte Bauarbeiter zu sklavenähnlichen Bedingungen. (dpa/picture-alliance/Arno Burgi)

Die Kataris wollten einst von sich reden machen. Heute sind sie froh, wenn sie nicht länger im Gerede bleiben. Eines aber wollen sie überhaupt nicht: über diese Probleme reden – jedenfalls nicht mit Journalisten. Auch nicht beim Organisationskomitee der Fußballweltmeisterschaft 2022. Es hat seinen Sitz in einem der vielen Wolkenkratzer in Doha: ein Glas-Turm, in dem Gäste mit kühlen Getränken verwöhnt werden und in feinsten Sesseln Platz nehmen dürfen, während sie auf den Hausherrn warten, den Generalsekretär des Komitees.

Nach gut einer Stunde stürmt er plötzlich herbei und lässt das Interview platzen - wegen eines dringenderen Termins. Ein weiteres Gespräch will er nicht zusagen – mit Verweis auf seinen übervollen Kalender.

Unterstützt Katar die IS-Terroristen

Die Dauer-Kritik an den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter, dazu die hohen Temperaturen... mehr als einmal war in den vergangenen Jahren zu hören, die WM-Vergabe an Katar sei ein Fehler gewesen. Im Frühsommer kamen dann plötzlich Korruptionsvorwürfe dazu: Britische Medien berichteten, sie seien im Besitz von "Millionen von E-Mails und Dokumenten", die – so heißt es - belegten, dass Millionen Dollar geflossen seien, um Katar Stimmen bei der FIFA-Abstimmung zu zuschustern. Noch laufen die Ermittlungen. Aber der Image-Schaden ist schon jetzt da. Das Herrscherhaus dürfte nicht "amused" sein. Ebenso wenig über den Vorwurf, Terroristen zu unterstützen:

Dieser Vorwurf wird Katar immer wieder gemacht – zum Beispiel vom deutschen Entwicklungsminister Gerd Müller:

"Man muss sich auch die Frage stellen, wer finanziert die ISIS-Truppen... das Stichwort Katar..."

Diesen Vorwurf wird immer wieder aus Doha bestritten. Unlängst auch vom Emir selbst. Während seines Deutschlandbesuches sagte er in Berlin:

"Selbstverständlich unterstützt Katar kein Netzwerk und keine militante Gruppe in Syrien oder im Irak!"

Dass Privatfinanziers aus Katar militante Islamisten vom Schlage al-Qaidas mit Geld unterstützen, halten US-Behörden für möglich. Gleichwohl liegen keine eindeutigen Belege dafür vor, dass Katar als Staat Terrorgruppen direkt finanziert.
Vor mehr als 20 Jahre hat Katar seine Image-Offensive eingeleitet. Dazu gehörte, dass das Herrscherhaus eine Außenpolitik betrieb, die die arabischen Staaten einen sollte. Und jetzt? – Jetzt steht Katar als Staat da, der Terrororganisationen finanziert, als korruptes Unternehmen, dass sich eine Fußball WM gekauft hat, und als ein Emirat, das Arbeiter versklavt.

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