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Interview | Beitrag vom 22.02.2020

Kasseler Intendant unterstützt Petition zu NSU-Akten"Es wurde einfach ganz viel heruntergespielt"

Moderation: Ute Welty

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Thomas Bockelmann, Intendant des Staatstheaters Kassel. (picture-alliance/dpa/Uwe Zucci)
Der Intendant des Kasseler Staatstheaters, Thomas Bockelmann, setzt sich für die Freigabe sämtlicher NSU-Akten ein. (picture-alliance/dpa/Uwe Zucci)

Das Entsetzen über den Hanauer Anschlag verhilft derzeit einer Petition zu neuer Dynamik: Sie fordert eine Freigabe aller NSU-Akten. Der Kasseler Intendant Thomas Bockelmann übergibt die Unterschriftenliste am Montag dem Hessischen Landtag.

Zehn Menschen ermordeten die Mitglieder der rechtsextremen Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund. Und obwohl der Prozess gegen Beate Zschäpe inzwischen abgeschlossen ist, sind viele Fragen noch offen. Das Staatstheater Kassel unterstützt daher eine Petition, die die Freigabe sämtlicher NSU-Akten fordert. Die Geheimakten des hessischen Verfassungsschutzes mit einer Analyse des NSU und der rechten Szene in Hessen sind für Jahrzehnte unter Verschluss. Noch an diesem Wochenende kann man unterschreiben, am Montag wird Intendant Thomas Bockelmann die Petition dem Hessischen Landtag übergeben. 

Seit 2004 leitet Thomas Bockelmann das Staatstheater in Kassel. Immer wieder steht er auch als Schauspieler auf der Bühne, zuletzt in "Der NSU-Prozess: Die Protokolle". 

Ute Welty: Seit dem Anschlag in Hanau steigt die Zahl der Unterschriften für die Petition sehr viel stärker als vorher. Was ist der aktuelle Stand?

Bockelmann: Ich glaube, wir peilen gerade 59.000 an. Vor zwei Tagen waren wir noch bei 28.000. Die Adresse ist change.org, falls dort noch jemand unterschreiben will. Wir freuen uns über jeden. Am Montag um 10 Uhr übergeben wird die Akten an einen Vertreter des hessischen Landtags.

Welty: Hanau liegt gerade einmal anderthalb Stunden von Kassel entfernt, wo 2006 Halit Yozgat in Gegenwart eines V-Mannes des hessischen Verfassungsschutzes ermordet wird. Versprechen Sie sich durch die Freigabe der Akten Aufklärung vor allem in dieser Hinsicht?

Bockelmann: Absolut, aber auch in vielerlei anderer Hinsicht. Der ganze Prozess des NSU stand ja unter dem Motto des Generalbundesanwaltes: Stimmen, die die These von einer isolierten Zelle in Zweifel ziehen, sind wie Fliegengesumme in den Ohren. Das ist natürlich angesichts der neueren Entwicklungen nachgerade grotesk. Er hat immer gesagt, das ist eine isolierte Zelle. Die waren aber nicht isoliert. Die waren auch nicht zu dritt, sondern es gab mindestens 25 Helfer drumherum.

In dem Prozess ist das aber immer wieder niedergeschlagen worden. Es gab geschwärzte Akten und immer wieder die Äußerung: "Diese Fragen gehen über die Aussagegenehmigung meines Mandanten hinaus". Es wurde ganz viel einfach heruntergespielt. Der Verfassungsschutz war zu diesem Zeitpunkt – das hat sich hoffentlich geändert – nicht nur Teil der Lösung, sondern auch Teil des Problems. Es gab auch V-Männer, die gleichzeitig für den Verfassungsschutz gearbeitet und signifikant den NSU unterstützt haben.

Neue Unterstützung aus der Politik  

Welty: Inwieweit können Sie sich vorstellen, dass nach Hanau auch der bundespolitische Druck auf eine rasche hessische Entscheidung in Sachen NSU-Akten wächst?

Bockelmann: Der wird sicher wachsen. Es ist sogar so, dass in den letzten Tagen die Dynamik entstanden ist, dass die Kulturdezernentin der Stadt Kassel, Frau Völker, diese Resolution unterschrieben hat. Und dass gestern der Oberbürgermeister der Stadt Kassel, Christian Geselle, unterschrieben hat, der ein ehemaliger Polizist ist. Also da kommt schon Bewegung rein.

Ich sage Ihnen trotzdem realistisch, die werden diese Akten nicht freigeben, die werden sagen, wir müssen weiter unsere Quellen schützen. Quellen sind auch wichtig. Ich finde übrigens auch, dass V-Männer zur Ermittlung und Aufdeckung solcher Straftaten auch zur Verhinderung solcher Straftaten weiterhin wichtig sind, damit da kein Missverständnis aufkommt. Nur geht es darum, dass sie demokratisch kontrolliert werden. Dass parlamentarische Ausschüsse Einsicht in die Akten haben. Dass in diesen Akten nichts geschwärzt ist und so weiter. Man wird auch weiter V-Leute brauchen.

Ein Demonstrant hält bei einer Kundgebung ein Banner mit der Aufschrift "NSU". München, 2018. (picture alliance / dpa / Lino Mirgeler)Das Staatstheater Kassel hat sich dem Thema NSU intensiv auf der Bühne gewidmet (picture alliance / dpa / Lino Mirgeler)

Ich glaube auch, dass es insgesamt auch nach dem Weggang von Maaßen im Verfassungsschutz, auch im Bundesverfassungsschutz, ein Zulernen gibt. Also dass man merkt: Wir haben ein Problem von rechts, das wir lange bestritten haben. Wir haben immer gesagt: Einzeltäter sind internes Problem der betroffenen Bevölkerung. Gerade die Angehörigen der Mordopfer des NSU sind jahrelang damit konfrontiert worden, das es doch ein internes Problem wäre. Der hat mit Drogen gedealt oder sei fremdgegangen oder was auch immer da an Irrsinn den Opferangehörigen über Jahre angetan wurde. Auch das ist sozusagen wirklich ein Versagen des deutschen Rechtsstaates gewesen. Das kann man nicht anders formulieren.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Akten freigegeben werden. Ich freue mich trotzdem, dass unsere Petition so eine Fahrt aufgenommen hat, weil das schon den gesellschaftlichen Druck erhöht. In Hessen gibt es natürlich noch die besondere Situation, dass der Innenminister, der damals die Freigabe der Akten im NSU-Prozess verweigert hat, Volker Bouffier heißt und heute Ministerpräsident dieses Landes ist. Sogar die Grünen, das hat mich damals schon irritiert, haben sich im hessischen Landtag der Stimme enthalten, als es darum ging, ob man in Hessen einen Untersuchungsausschuss einrichtet zum NSU.

Kein spezifisch hessisches Problem

Welty: Hessen steht einmal mehr im Fokus - wie auch nach dem Mord an Regierungspräsident Lübcke oder den Morddrohungen gegen Anwältin Basay-Yildiz, deren Spuren sich bis zu einem Frankfurter Polizeicomputer verfolgen lassen. Was macht Ihnen denn mehr Sorge: Dass der braune Sumpf in Hessen besonders tief ist oder dass der braune Sumpf in Hessen "nur" besonders auffällt?

Bockelmann: Also ich glaube nicht, dass der braune Sumpf ein singulär hessisches Problem ist. Natürlich gibt es den Fall Lübcke, der hat sich während unserer Probenzeit zur NSU zugetragen. Natürlich gibt es jetzt diesen ganz schrecklichen Vorfall in Hanau, aber stellen Sie sich bitte einmal vor, was gewesen wäre, wenn diese Tür in Halle nicht gehalten hätte und wir weltweite Schlagzeilen gehabt hätten, dass in Deutschland bei unserer Geschichte 50 Juden erschossen worden wären. Das will man sich überhaupt nicht vorstellen.

Ich glaube auch nicht, dass es ein spezifisches hessisches Problem ist. Ich glaube, dass mittlerweile – das scheint mir ein ganz wichtiger Punkt zu sein – immer mehr Leuten klar wird, dass es ein groteske Gerede von Herrn Meuthen ist, dass das ein Einzeltäter und ein verblendeter Terrorist sei. Als gäbe es einen nichtverblendeten Terroristen. Ich glaube gar nicht, dass Herr Meuthen sich das selbst glaubt, was er da erzählt, wenn er in den Spiegel guckt.

Auch Sprache tötet. In "Hamlet" heißt es, Sprache kann wie Dolche sein, und Leute, die von Umvolkung reden, die vom "Fliegenschiss der Geschichte", (Gauland), oder "Denkmal der Schande" (Höcke), reden, natürlich den Boden für solche Taten bereiten -  auch für solche völlig verblendeten Typen wie diesem Menschen in Hanau, der nebenbei auch noch seine behinderte Mutter erschießt, bevor er sich dann das Leben nimmt. Das Bewusstsein muss stärker werden. Unsere Zivilgesellschaft muss noch viel radikaler hingucken. Wir müssen hingucken und nicht weggucken.

Welty: War das auch die Motivation, die Sie veranlasst hat, sich mit dem Stoff des NSU-Prozesses als Intendant und auch als Schauspieler auseinanderzusetzen?

Bockelmann: Absolut. Das Schlimme war, dass während dieser Proben der Mord an Walter Lübcke passierte, den ich auch ganz gut gekannt und sehr gemocht habe. Die Initiative für diese Petition ist schon vorher entstanden durch Kasseler Bürger. Und dann habe ich bei der Trauerfeier zu Lübcke eine ziemlich beherzte Rede gehalten. Daraufhin haben sie mich gefragt, ob ich nicht zum Sprecher werden  will. Hinter dieser Petition stehen ganz viele hochengagierte Kasseler Bürger. Ich bin da wirklich nur das Aushängeschild.

Gespräch mit AfD-Politiker

Welty: Aber inwieweit kann das denn mehr als ein Zeichen sein? Ich drücke es mal überspitzt aus: Menschen wie der mutmaßliche Hanauer Attentäter dürften sich kaum um eine Karte für dieses Stück bemühen.

Bockelmann: Neulich hat sich beispielsweise ein in Kassel relativ bekannter AfD-Politiker um ein Gespräch mit mir bemüht. Ich habe ihm gesagt, ich treffe mich nur mit ihm, wenn er sich vorher dieses Stück anguckt. Er ist dann gekommen, und wir hatten danach ein Vieraugengespräch. Darin habe ich ihm gesagt: Gehen Sie einmal in sich, gucken Sie morgens ganz genau in den Spiegel, ob Sie das alles aufrechterhalten wollen, was Sie da erzählt haben.

Welty: Und hatten Sie das Gefühl, Ihre Worte verfehlen die Wirkung nicht?

Bockelmann: Er war gestern Abend bei einem weiteren Theaterabend, "Lilli Jahn", wo es um das Schicksal einer jüdischen Ärztin in Kassel geht, die in Auschwitz gestorben ist. Den hat er sich jetzt auch angeguckt. Vielleicht kommt irgendwas in ihm ein ganz bisschen in Bewegung, das würde mich sehr freuen. Aber es geht vor allen Dingen darum, dass wir versuchen, den Verwirrten zu helfen und die Brandstifter stellen und bekämpfen. Viele Leute in der AfD sind Brandbeschleuniger und Repräsentanten: Meuthen, Höcke, Gauland - der ja mal als harmloser galt. Das sind Brandbeschleuniger, und das muss man anprangern und benennen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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