Hörspielmagazin, vom 03.12.2019, 20:53 Uhr

KarteileichenFake Metal Jacket

In der letzten Ausgabe der Reihe "Karteileichen" stellt Anna Panknin, unterstützt von Regisseur Wolfgang Seesko, das Kriminalhörspiel "Fake Metal Jacket" vor. Der Zweiteiler wird im Dezember im Deutschlandfunk Kultur urgesendet und handelt von einem Kriegsreporter, der seine Berichte fälscht.

Panzer der türkischen Armee nahe Oncupinar  (AFP /  Bulent Kilic)
In "Fake Metal Jacket" fälscht ein Kriegsreporter seine Frontberichte (AFP / Bulent Kilic)

 

In der Reihe "Karteileichen" haben wir hier in den vergangenen Monaten historische Highlights der Hörspielkartei des Deutschlandfunks präsentiert, sind mit Ihnen in die Tiefen der alten Archivschränke getaucht, um den ein oder anderen Schatz zu heben und diesen Funkfunden dann im Mitternachtskrimi wieder Leben einzuhauchen. Wir sind immer in die Vergangenheit gereist, waren auf Friedhöfen, in Paralleluniversen und der Unterwelt unterwegs - diesmal geht es nicht so weit zurück, dafür aber an mehrere Orte gleichzeitig und zwar mit:

Ausschnitt

Sprecher Titel: "Fake Metal Jacket"

Dessen Protagonist sich am besten gleich selbst vorstellt:

Ausschnitt

Peter Larsen: "Könnte besser anfangen, aber ist ja kein Wunschkonzert hier.  Hallo erstmal, Larsen mein Name, Peter Larsen, von Beruf Kriegs- und Krisenberichterstatter. Aber…Oder so was in der Art." 

Mit "Fake Metal Jacket" haben wir für den letzten Teil unserer Reihe etwas ganz Besonderes ausgewählt; diese Karteileiche ist nämlich so frisch, dass die Kollegen vom Kriminalhörspiel in Berlin den Tatort beziehungsweise das Studio gerade erst verlassen haben. Eigentlich muss man sogar von einer zukünftigen Karteileiche sprechen, wie uns Hörspielkarteihüterin Gabriele Lambertz erklärt:

Gabriele Lambertz: "Zu dem Krimi Zweiteiler Fake Metal Jacket gibt es noch gar keine Karteikarte, weil das Hörspiel so neu ist, dass es noch gar nicht gesendet wurde. Durch diese Übernahmen aus dem Berliner Programm bekommen unsere altehrwürdigen Leichen regelmäßig eine Zufuhr von frischem Blut." 

Diesmal ist es also Krisenreporter Peter Larsen, der für die frische Zufuhr sorgt, aber ist das Blut auch wirklich frisch oder handelt es sich um Konserven oder gar Kunstblut?  

Ausschnitt  

Peter Larsen: "Meine Waffen sind Stift, Mikro, Kamera, fertig. Ich bin eine Marke. 13500 Abonnenten auf Facebook, 18 Tsd Follower bei Twitter, 15 bei Instagram. Offiziell berichte ich aus Syrien, seit drei Monaten bin ich da unten, ganz nah an der Front, es muss knallen, und es knallt. Ahmad, Syrer und Revoluzzer, hilft mir dabei, wir haben ein richtiges Netzwerk an Helfern in Syrien, die Jungs da unten helfen beim Verschleiern, denn tatsächlich berichten Ahmad und ich aus Berlin, spielen hier und im Umland den Krieg nach, schicken unsere Berichte nach Syrien und beliefern von dort aus die Medienhäuser daheim.
Und das hier ist meine Geschichte, basierend auf wahren Ereignissen, wobei das natürlich Quatsch ist, denn das hier kann man sich gar nicht ausdenken, das ist sowas von echt!" 

Sowas von echt und doch ausgedacht und zwar von Autor und Journalist Sven Recker. Sein Roman über den Kriegsreporter, der seine Berichte fälscht und über die Bereitwilligkeit, mit der Auftraggeber und Öffentlichkeit sich täuschen lassen, erschien nur Monate, bevor der "Fall Relotius" die deutsche Medienlandschaft erschütterte. Für die Krimihörspielredaktion von Deutschlandfunk Kultur hat Sven Recker sein Buch bearbeitet, zusammen mit Regisseur Wolfgang Seesko, der den hochkarätig besetzten Zweiteiler auch inszenierte.

Wolfgang Seesko: "Das hilft unserer Geschichte natürlich enorm, weil jetzt hat man so eine Kenntnis von so einer Materie, man weiß, es gibt so was. Es gibt Journalisten, die faken ihre Beiträge, die erfinden komplette Figuren, komplette Szenerien um dann, ja, damit auch noch Preise zu gewinnen und so. Und so ähnlich passiert das ja diesem Larsen ja auch. Er hat einfach verstanden, was man gut verkaufen kann, was die Redaktionen gerne haben wollen, und dass er das mit seinen einfachen Mitteln von Berlin aus einfach nachstellen kann und so ein bisschen verwackeln, n bisschen verrauschen, so wie man diese Berichterstattung auch kennt. Er bildet einfach das nach, was sowieso schon existiert, und  durch den Erfolg oder durch diesen Applaus von seinen Redaktionen her, er wird auch immer befeuert, das weiter zu tun, also, das System funktioniert, dann kommt natürlich die nächste Geschichte, und das steigert sich auch auf eine Art." 

Ausschnitt

Atmo: Explosionen und Stimmengewirr, Schreie
Peter Larsen: "Zwei Männer rennen. Ich mit Kamera hinterher, schön verwackelt. Auftrag erfüllt!"  

Ausschnitt

Redakteur 1: "Gute Arbeit, Larsen / Weiter so / Schöne Grüße aus der Redaktion"
Redakteur 2: "Pass auf dich auf Larsen / Hervorragendes Material"
Larsen: "Ganz ehrlich, wegen mir hätte das ewig so weitergehen können, aber…"

Aber ein aufmerksamer Blogger und eine sich verändernde politische Lage sorgen dafür, dass Larsen, gesprochen von Marc Hosemann, sich plötzlich tatsächlich an diversen Fronten wiederfindet.   

Ausschnitt:

Atmo: Handy piepst.
Larsen: "...boah neee.
Larsen: (liest): "Sehr geehrter Herr Larsen..."
Larsen: "… du mich auch."
Larsen: (liest): "… bei der Überprüfung Ihres letzten Videos aus den Kurdengebieten ist mir aufgefallen, dass die Waffe, die der GI im Anschlag hat, eine KM-72 ist…"
Larsen: "Scheiße!"
Anrufer: "Hallo?"

"Fake Metal Jacket" spielt akustisch gekonnt mit einer Vielzahl von verschiedenen Ebenen, sowohl was die Erzählhaltung angeht, als auch die Grauzonen zwischen Realität und Fiktion, zwischen Original und Fälschung, was sich auch in der Arbeit im Studio niederschlug: 

Wolfgang Seesko: "Wir haben durchaus auch in seinen dargestellten behaupteten Fake-Beiträgen teilweise echtes Material, also Geräusche und Atmos, genommen aus Syrien tatsächlich und die damit auch verarbeitet. Also wir als Hörspielmacher erzählen eine Fiktion, in der wiederum eine Fake-Geschichte behauptet wird, die wir aber dann auch mit echten Atmos unterlegen. Also da kommen dann ganz neue Ideen, was man mit Hörspiel noch alles so machen könnte, wenn man da diese realistischen Dinge einfach mit einwebt, wenn wir da eine Figur etablieren, die dann sagt, mich interessiert das auch nicht, es ist so, das, was man hört, ist das, was real ist erstmal, und der Zuhörer muss dann sehen, wie er sich da durchwurschtelt und ob er da einen Faden in die Hand kriegt, um diese Geschichte so für sich mit seinen eigenen Erfahrungen zu verknüpfen und sich denkt, da ist was, was mich jetzt auch auf meiner eigenen Realitätsebene weitergebracht hat."

Wir hoffen, dass Sie sich auf allen Ebenen gut durchwurschteln können beim Hören, "Fake Metal Jacket" läuft am 9. und 16. dieses Monats im Deutschlandfunk Kultur und hier bei uns im Mitternachtskrimi in der Wiederholung am 14. und 21. Dezember. Und während die Tinte auf dieser neuesten Karteikarte trocknet, freuen wir uns auf die nächsten 50 Jahre Karteileichen und all das, "was man mit Hörspiel noch so machen kann".

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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