Hörspielmagazin, vom 03.09.2019, 20:50 Uhr

KarteileichenDas Geheimnis des Singenden Hauses

"Karteileichen" - so nennt die Hörspielredaktion liebevoll jene Zufallsfunde, die jahrelang ungestört in den Tiefen der legendären Hörspieldatei des Deutschlandfunks schlummerten und im Mitternachtskrimi vorübergehend wieder auferstehen. In dieser Ausgabe des Hörspielmagazins widmet sich Anna Panknin mit Unterstützung von Regisseur Ulrich Gerhardt dem "Geheimnis des Singenden Hauses" von 1966.

United Kingdom, Scotland, Newtonmore, View of Scotish country house PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY EL000204 United Kingdom Scotland View of Scotish Country House PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY EL000204 (imago stock&people)
Wer wird das Geheimnis des singenden Hauses lüften? (imago stock&people)

In der letzten Ausgabe des Hörspielmagazins haben wir Ihnen die Hörspielkartei des Deutschlandfunks vorgestellt, die auf ca. 100.000 maschinegetippten DIN-A5 Blättern eine Art Schatzkartensammlung der Radiokunst darstellt. Und auch heute wollen wir Sie mit einer unserer schönsten "Karteileichen" bekannt machen, die im Mitternachtskrimi wieder zum Leben erwachen dürfen. Diesmal geht es um:

Ausschnitt Stimme auf Musik:

"Das Geheimnis des singenden Hauses - Ein unerhörter Kriminalfall – aufgedeckt von Horst Eifler und Ruprecht Kurzrock"

Ein "unerhörter" Kriminalfall, so heißt es im Untertitel und wenn auch nicht ganz unerhört, so ist es doch ein kaum gehörtes Werk, das - 1966 vom RIAS produziert - 53 Jahre im Archiv schlummerte. Gabriele Lambertz, Hüterin der Hörspielkartei:

Gabriele Lambertz: "Auch auf dieses Stück sind wir wie so oft beim Archivieren durch puren Zufall gestoßen – eine fast leere alte Karteikarte mit Autor, Titel, Erstsendedatum, eine Wiederholung und dann war‘s das: Eine echte Karteileiche also!"

Ausschnitt:

KLINGELN
Harris: "Inspektor Harris?"
Alte Dame: "Es ist mir schrecklich unangenehm."
Harris: "Was kann ich für sie tun?"
Alte Dame: "Jetzt gerade zum Wochenende. Aber Sie müssen bitte sofort kommen!"
Harris: "Worum handelt es sich denn?"
Alte Dame: "Ich kann es nicht erklären. Sie singt schon wieder! Hören Sie? Diese grauenhafte Stimme! Ich halte es nicht mehr aus! Nummer 78, Crown Lane, Richmond. Bitte!!"
Harris: "Mit wem spreche ich denn? Hallo! Abgehängt…" 

Während Inspektor Harris von Scotland Yard und sein Assistent Roberts sich in die Crown Lane begeben, um dem mysteriösen Anruf auf den Grund zu gehen, spreche ich mit Ulrich Gerhardt, der das Stück 1966 als junger Regisseur in Szene gesetzt hat. Ob er nach so langer Zeit und geschätzt 400 weiteren Hörspielproduktionen noch weiß, was es mit dem "Geheimnis des singendes Hauses" auf sich hat?

Ulrich Gerhardt: "Ich kann mich dunkel erinnern, dass ich das gemacht habe, aber ich kenne den Stoff nicht mehr, hab den nicht mehr im Kopf. Ich weiß nur, dass ich in der Produktion eine ganze Menge gelernt habe weil… Wir haben damals ja immer noch mit Blenden gearbeitet und so weiter und der Eifler hat mir in der Produktion beigebracht, wie man einen harten Schnitt macht, ja? So dass er deutlicher ist. Das ist die präziseste Erinnerung, die ich an diese Produktion habe, dass es da um diese Finesse ging, also das war fantastisch."

Phantastisch erscheint Harris und Roberts von Scotland Yard auch, was sie in der Crown Lane vorfinden. Der Ehemann der Anruferin, den sie eben noch vor Nummer 78 vernommen haben, liegt plötzlich röchelnd vor einem alten Landhaus, zu dem sie ein sonderbarer Gesang geführt hat:

Ausschnitt:

Harris: "Das ist doch derselbe Kerl. Wie kommt denn der hierher?"
Mann (stöhnt): "Auf der anderen Seite."
Harris: "Tot." 
Roberts: "Das hier, Sir, lag neben der Leiche.
Professor Wennerschild: Eine Schallplatte???

Bei seiner Ursendung lief "Das Geheimnis des singenden Hauses", das den Hörern im Teaser eine schlaflose Nacht prophezeite, interessanterweise als Feature - unter dem für einen Krimi nicht gerade vielversprechenden Reihentitel "Kulturelles Wort und Vorträge". Wie kam es dazu?

Ulrich Gerhardt: "Die eigentlichen Experimente fanden in der Zeit beim Feature und bei der Literatur statt. Da waren wir sehr innovativ weil unser Hörspielchef, den ich Sehr verehrt habe, damals also wirklich etwas altmodische Hörspiele machte, so mussten wir das in anderen Abteilungen machen."

Um Experimente ganz besonderer Art geht es auch im "Geheimnis des Singenden Hauses", wie Inspektor Harris recht bald feststellen muss. Das Landhaus gehört einem alleinstehenden Professor, aber so alleine ist er dann doch nicht…

Ausschnitt:

Professor:  "Ach ja, ich vergaß; Hannah, meine Sekretärin"

..und dann gibt es da noch eine weitere Dame im Keller…

Ausschnitt:

Roberts: "Oh, die Puppe."
Harris: "Eine Puppe?"
Roberts: "Ja, eine lebensgroße, sehr lebensechte chinesische Puppe."
Professor: "Won Yong Li" Ich habe sie aus dem fernen Osten mitgebracht."

Kaum haben sich die Ermittler einen Überblick über den tatsächlichen Personenbestand im Professorenhaushalt verschafft, wird dieser sogleich wieder dezimiert.

Ausschnitt

Roberts: "Sir - er ist verschwunden!"
Harris: "Was soll das heißen, Roberts? Wer ist verschwunden?"
Roberts: "Ich kann es mir auch nicht erklären! Aber plötzlich war er verschwunden! Hier, im Laboratorium." 
Hannah: "Ich wusste nicht, dass die Kriminalpolizei so viel Phantasie hat."
Harris: "Was wird hier eigentlich gespielt? Erklären Sie mir gefälligst, Roberts;  was ist hier vorgefallen? Wo ist Prof W?"
Roberts: "Er saß hier auf dem Sessel, Sir. ... Dann war er weg."
Harris: "Er saß also so in dem Sessel...." "Genau so.."
Roberts: "Inspektor! Inspektor Harris!"
Hanna: "O nein! Ist das komisch. Jetzt ist er auch weg."

Mehr wollen wir hier nicht verraten, denn auch Sie sollen ja nicht um Ihre schlaflose Nacht gebracht werden, wenn wir "Das Geheimnis des singenden Hauses" am 14. September im Mitternachtskrimi wiederholen. Dass dieser "unerhörte Fall" ums Verschwinden und um tendenziell tödliche Tonträger, der selbst so lange in den Tiefen des Archivs verschwunden war, nun wieder das Licht des Tages, oder jedenfalls das Mondlicht der Krimimitternacht erblicken darf, soll kein Einzelfall bleiben.  Wir haben noch so einige Karteileichen für Sie ausgegraben, die wir in den folgenden Monaten mitternächtlich wieder auferstehen lassen wollen.

Ulrich Gerhardt: "Ich denke, dass die Archive ein unglaublicher Schatz sind und sie repräsentieren ja eigentlich so kulturelles Bewusstsein, kulturelle Leistungen über die vielen vielen Jahrzehnte, die wir Radio gemacht haben und wenn ich was in einem Sender zu sagen hätte, das Archiv stünde ganz oben in der Verwertung für Programmbestandteile. Also, ich würde auf jeden Fall ganz viel dort suchen und auch garantiert finden."

 

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