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Thema / Archiv | Beitrag vom 01.12.2008

Karsten Hein: Ukraine kann Aids-Epidemie nicht kontrollieren

Journalist sieht strukturelle Probleme im Gesundheitswesen

Karsten Hein im Gespräch mit Katrin Heise

Die Ukraine hat die höchste HIV-Ansteckungsrate in Europa. (AP)
Die Ukraine hat die höchste HIV-Ansteckungsrate in Europa. (AP)

Die Ukraine hat die höchste HIV-Infektionsrate in Europa. Bis zu einer halben Million Menschen sollen infiziert sein. Der Journalist Karsten Hein hat über das Ausmaß der Aids-Verbreitung einen Film gedreht. Das Gesundheitswesen im Land sei komplett unterfinanziert, zudem trage die "strukturelle Korruption" im Land zur Ausbreitung von Aids bei, sagt Hein.

Katrin Heise: U'kraina, Ukraine heißt am Rande, und was sich in diesem Land am Rande von Europa abspielt, das ist eine wahre Tragödie. Die Ukraine hat die höchste HIV-Infektionsrate in Europa. Allein im Jahr 2007 ist die Zahl der HIV-Infizierten um 10 Prozent gestiegen. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt 440.000 Virusträger, manche sprechen von 500.000. Und bei einer Bevölkerungsanzahl von 47 Millionen Einwohnern, ist das eine gigantische Zahl. Karsten Hein hat einen Film darüber gedreht. In seinem Film "Am Rande" will er dieses Ausmaß und die Ursachen von Aids untersuchen. Hier ein Ausschnitt aus dem Film, der heute Abend auf "arte" ausgestrahlt wird.

"1991 war die erste Welle, da wurden die Drogen allgegenwärtig. Aber der Höhepunkt war 1994, wo ich bis zu 1000 Menschen gleichzeitig beim Dealer gesehen habe. Sehr viele Menschen haben sich eine einzige Spritze geteilt, von Hygiene konnte keine Rede sein. Das heißt, nach ein paar Spritzen war man HIV-positiv."
"Das ist Genozid, Mord am eigenen Volk."

Heise: Drastischer kann man die Situation der Ukraine wohl nicht beschreiben, wie in diesem kleinen Ausschnitt aus dem Dokumentarfilm "Am Rande", Ukraine, eine filmische Reise durch den Osten der Ukraine. Ich grüße den Filmemacher Karsten Hein. Sie sind, Herr Hein, seit einigen Jahren inzwischen auch schon mit einem Hilfsprojekt in der Ukraine unterwegs. Was macht Aids aus diesem Land?

Karsten Hein: Na ja, es ist ja, insofern ein so großer Prozentsatz der Bevölkerung betroffen ist, hat die Aids-Epidemie in der Ukraine gesellschaftsbedrohende Ausmaße angenommen. Es gibt in der Ukraine kein gesellschaftliches Subjekt, keine Mitte der Gesellschaft, die die Richtung des Landes steuert oder die ein Bürgertum bilden könnte, irgendwie so was, was selbstbewusst sagen könnte, in diese Richtung soll sich die Ukraine entwickeln oder nicht. Aber es gibt trotzdem eine weitgehend marginalisierte Unterschicht, und in dieser Unterschicht spielt sich diese Tragödie ab.

Heise: Ihr Film erschüttert deswegen auch gerade so sehr, weil Sie genau die wirklich leidenden Menschen eben zeigen in ihrem doch sehr trostlosen Alltag, in ihrem Kampf eigentlich. Sie zeigen Drogenabhängige, Sie zeigen Prostituierte, Sie sprechen mit Gefangenen oder ehemaligen Gefangenen, Kinder werden gezeigt, und man erfährt, HIV ist in der normalen Gesellschaft angekommen. Sie haben ja eben auch gesagt, ein gesellschaftliches Problem. Aber ich habe auch immer wieder den Satz in Ihrem Film gehört, über HIV, über Aids wird nicht gesprochen. Wie bewusst ist denn den Ukrainern das Problem?

Hein: Ja, es ist eine seltsame Mischung. Auf der einen Seite, rein theoretisch, trifft man sehr viele Menschen, die über die Verbreitungsregel zum Beispiel von HIV sehr gut informiert sind, und trotzdem, es ist eine sehr, sehr große Zahl Menschen in der Ukraine von der HIV-Epidemie betroffen. Bislang hat der Rest der Gesellschaft es so gesehen, dass es ein verzichtbarer Teil der Unterschicht ist. Sozusagen, besser sie sterben schnell, besser sterben möglichst viele, das haben wir wörtlich gehört, das haben wir mehrfach gehört. Jetzt ist es aber so, dass diese enorme Welle der Epidemie auf die gesamte Gesellschaft zuschwappt.

Und lange Zeit war das sogar eine relativ realistische Einschätzung, weil, ich würde mal sagen, 15 Jahre lang hat sich die HIV-Epidemie tatsächlich fast ausschließlich in dieser relativ geschlossenen Gruppe ausgebildet. Das ist der Hauptinfektionsweg über die verunreinigten Nadeln beim Drogenspritzen gewesen, jetzt aber, durch den Verbreitungsweg Sex, also durch den Sexualverkehr, geht es natürlich in die Allgemeingesellschaft oder in den Rest der Gesellschaft auch hinein. Von daher ist diese Annahme eine Illusion gewesen.

Heise: Zu dieser Missachtung dieser Krankheit gehört ja eigentlich auch, dass zum Beispiel Krankenhäuser Aids-Patienten ablehnen können, auch Ärzte sich damit einfach nicht befassen wollen, sie wegschicken.

Hein: Die meisten haben einfach Angst. Es ist so, dass in diesen Infektionskrankheiten tatsächlich auch ein sehr hohes Infektionsrisiko in den Krankenhäusern besteht durch verschiedene unsichere Techniken. Also was das Beispiel HIV/Aids angeht, ist es so, dass die Krankenschwestern in den Krankenhäusern gezwungen sind, Spritzen, die sie wegschmeißen, vorher zu waschen. Das ist ein Prozedere, was schlicht und ergreifend unsinnig ist und zudem ein enormes Infektionsrisiko birgt.

Noch schlimmer ist die Ansteckungsgefahr im Gesundheitsbereich bei Tuberkulose, die Aids-Epidemie wird ja in der Ukraine von einer Tuberkulose-Epidemie begleitet. Und da ist es tatsächlich so, dass es im Moment unglaublich schwierig ist, überhaupt Ärzte zu kriegen für den Tuberkulose-Bereich. Berechtigt, weil das Ansteckungsrisiko enorm ist. Und es gibt in der Ukraine im Moment Formen von multiresistenter Tuberkulose, also von Tuberkulose, gegen die es keine Medikamente gibt, das ist richtig gefährlich.

Heise: Das heißt, man hat sowieso mit zwei verschiedenen Epidemien, die sich einander bedingen, zu tun. Wie ist denn Ihre Einschätzung zum Gesundheitswesen in der Ukraine? Kann man mit dieser Herausforderung überhaupt umgehen?

Hein: Es gibt drei Epidemien. Es gibt die epidemische Drogensucht, es gibt die HIV-Epidemie und es gibt die Tuberkulose-Epidemie. Und das ukrainische Gesundheitswesen ist erstens unterfinanziert, es fehlt schlicht und ergreifend an allen Ecken und Enden an Material, an Medizintechnik, an Diagnosetechnik, und es ist von der Struktur her dysfunktional. Es sind die Überreste des alten sowjetischen Gesundheitswesens, aber sie funktionieren einfach nicht mehr richtig.

Das heißt, dadurch, dass die Ärzte und die Schwestern zum Beispiel so furchtbar unterbezahlt sind, gibt es ganz, ganz viele Kliniken, also Polikliniken, Krankenhäuser, die bis zu 80 Prozent Personalmangel haben. In den Innenstädten zum Beispiel funktioniert es noch halbwegs, aber in den Außenbezirken haben die ganz normalen Krankenhäuser drei Viertel Personalmangel. Also das sind ganz, ganz, ganz schwierige Zustände.

Heise: Mit dem Dokumentarfilmer Karsten Hein spreche ich am heutigen Welt-Aids-Tag über Aids in der Ukraine. Sein Film über dieses Thema läuft heute Abend auf "arte". Herr Hein, Ihr Film ist in sechs Kapitel unterteilt, um so die Ausmaße von Aids in der Ukraine zu umreißen. Sie beginnen mit den Drogen, denn der sprunghafte Anstieg von Drogengebrauch Mitte der 90er Jahre führte eben zu dieser Aids-Ausbreitung. Wie beurteilen Sie denn die Situation der Drogenabhängigen, gibt es überhaupt eine Prävention in der Ukraine?

Hein: Die tatsächlich sinnvollste Präventionsleistung wäre im Moment erst mal, den Drogengebrauch zu entkriminalisieren. Das wäre das Dringendste überhaupt. Das Zweite wäre… also es gibt ein Gesetz, das selbst den Gebrauch von Drogen unter Strafe stellt, es gibt ein zweites Gesetz, das sehr ungünstig hinzukommt, das ist ein Plansoll für die Miliz, die Zahl der sogenannten überführten Verbrechen. Dieses Plansoll bringt die Miliz dazu, möglichst viele Drogensüchtige zu verhaften, weil die leicht zu kriegen sind. Und das bedeutet, dass die Gefängniskolonien dort immer bis zum Rand gefüllt sind mit Drogenabhängigen.

In den Gefängniskolonien ist der Drogengebrauch aber weitaus häufiger verbreitet als draußen, das ist in jedem Land der Welt so, dass drinnen mehr gespritzt wird als draußen. Und das bedeutet, dass durch das Zusammenspiel dieser beiden Gesetze und durch das Unwesen der Gefängniskolonien die Epidemie geradezu angeheizt wird, also es ist wie ein Nährboden für die Epidemie, dieses Zusammenspiel dieser Gesetze.

Heise: Das ist auch einer der Knackpunkte, die in Ihrem Film herausgearbeitet werden, nämlich die Verstrickung der Miliz. Einmal das von Ihnen eben angesprochene Plansoll, Erpressung, dann wird gleichzeitig auch gesagt, also bei der Miliz gibt es auf jeden Fall, wenn es nirgendwo mehr Drogen zu kaufen gibt, bei der Miliz gibt es sie. Wie kann denn da oder wie wird denn dagegen vorgegangen? Ich meine, wenn denn selbst diese Ebene überhaupt gar nicht funktionieren kann, weil jeder damit verstrickt ist, wie soll vorgegangen werden?

Hein: Ganz schwierig, ja. In der Ukraine herrscht das, was man eine strukturelle Korruption nennt. Das heißt, es gibt da ganze Gesellschaftsbereiche, die eigentlich nur noch durch Korruption funktionieren, weil sonst gar nichts mehr passiert. Und die Miliz ist ein wirklich kritischer Fall, weil es gibt viel zu viele Milizionäre in der Ukraine, ein großer Teil davon kaserniert und völlig unterbezahlt. Das ist wirklich ein ganz großes Problem. Es entspricht der sehr großen Zahl der Menschen, die ständig in Gefängnissen sitzen, es sind einfach zu viele.

Heise: Herumgeführt im Land werden Sie während des Films von vielen Aktiven im Kampf gegen Aids, viele offenbar von der Kirche. Wie sieht es eigentlich mit dieser Vorbeuge- und Hilfearbeit aus im staatlichen und kirchlichen und nichtstaatlichen Bereich?

Hein: Es gibt eine Vielzahl von Organisationen, die sich da betätigen, jetzt nicht nur im HIV/Aids-Bereich, Gott sei Dank, sondern in allen möglichen humanitären Bereichen. Die Projekte, die funktionieren, sind kleine Projekte zumeist. Davon gibt es aber Gott sei Dank sehr viele in sehr vielen verschiedenen Bereichen. Ja, es sind wirklich Hoffnungsträger.

Also ich denke, dass im Moment keine Struktur in der Ukraine existiert, die per se Integrität gewähren kann, also keine staatliche Struktur, keine kirchliche, gar keine. Man ist auf persönlich integre Menschen angewiesen, wenn man etwas in Gang bringen möchte. Und je mehr man von diesen Menschen findet, desto mehr freut man sich dementsprechend. Aber es sind sozusagen so Inseln in dieser Trostlosigkeit oder in dieser Strukturlosigkeit.

Heise: Sie haben eben noch mal zwei Stichworte gesagt: Hoffnung auf der einen Seite und Trostlosigkeit auf der anderen Seite. Eins macht Ihr Film besonders deutlich, nämlich die hoffnungslose und auch irgendwie zukunftslose Situation vieler Jugendlicher.

Hein: Ja, das ist ein ganz wichtiger Punkt, den Sie da ansprechen, das ist tatsächlich der Anfang der Epidemie gewesen. Durch den Zusammenbruch der Sowjetunion, durch den wirtschaftlichen Zerfall, ist es auf der einen Seite zu einer massenweise verbreiteten Armut gekommen, aber zum Zweiten, was vielleicht sogar noch tragischer ist, zu weitgehender Verwahrlosung ganzer Gesellschaftsschichten. Und Jugendliche, die keine Perspektive haben, die nach der Schule keinen Ausbildungsplatz oder nichts da ist - Ausbildungsplatz ist eine lustige Idee in der Ukraine -, wo nichts wirklich für sie da ist, wo wirklich nur eine Perspektivlosigkeit da ist. Und ich denke, das ist der Grund für diese massenhafte Drogenepidemie gewesen. Und aus dieser Drogenepidemie haben sich dann ja die anderen Epidemien entwickelt.

Und solange sich daran nichts ändert, solange sich keine Perspektive für die Menschen, besonders für die jungen Menschen bietet in der Ukraine, wird diese Epidemie auch immer von Neuem angeheizt werden, immer nachgeliefert werden. Da kann man mit medizinischen Programmen, mit Präventionsprogrammen im klassischen Sinne, wie es in Aids immer gemacht wird, Fernsehspots, Aufklärung usw., nichts erreichen.

Heise: Herr Hein, Ihr persönliches Engagement geht weit über Ihre Filme hinaus. Ich habe ja schon Ihr Hilfsprojekt erwähnt. Sind Sie da doch manchmal desillusioniert ob der ganzen Zustände?

Hein: Na ja, dadurch, dass wir dieses Projekt angefangen haben, hatte ich die Möglichkeit, über diesen Alptraum, den wir da am Anfang erlebt haben, irgendwie wegzukommen. Wenn man anfängt, was zu verändern, wenn man handelt, dann ist das wirklich alles leichter zu ertragen, als wenn man sich die Katastrophe nur von außen anguckt und daneben steht. Und Frustrationstoleranz, was Sie ansprechen, braucht man auf jeden Fall. Wir haben viele Rückschläge erlitten, es geht immer zwei Schritte vor, ein Schritt zurück. Immer kommt irgendwas dazwischen. Man braucht schon ein bisschen dickes Fell, um in diesem Bereich in der Ukraine da tatsächlich was durchzusetzen.

Heise: Sagt der Dokumentarfilmer Karsten Hein. Ich danke Ihnen für dieses Gespräch. Sein Film "Am Rande", eine Reise in den Osten der Ukraine, wird heute Abend um 23:25 Uhr auf "arte" ausgestrahlt.

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