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Lesart | Beitrag vom 09.04.2020

Karl Schlögel: "Der Duft der Imperien"Von Parfums und Weltreichen

Von Fabian Wolff

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Cover von Karl Schögels "Der Duft der Imperien" vor Deutschlandfunk Kultur Hintergrund (Hanser Verlag / Deutschlandradio)
"Der Duft der Imperien" ist eine Fortschreibung von Karl Schlögels großflächigen Stadt- und Raumerkundungen. (Hanser Verlag / Deutschlandradio)

Was verbindet das beliebteste Duftwasser des Ostblocks und "Chanel Nº 5"? Der Historiker und Osteuropa-Experte Karl Schlögel folgt mit seinem Essay "Der Duft der Imperien" einer faszinierenden Geruchsspur von Moskau nach Paris – und zurück.

Für ein Buch, das unter der Hand die Geschichte von Ost und West im "Zeitalter der Extreme" zu erzählen versucht, gibt sich "Der Duft der Imperien" äußerst bescheiden.

Er will keinen "olfaktorischen turn" einleiten, nach dem die Geschichte allein von der Nase her erzählt werden kann, versichert der Autor, sondern nur einer Geruchsspur folgen, auf die der passionierte Flohmarktgänger und Flaneur in Paris und Petersburg gestoßen ist. Denn, Bescheidenheit oder nicht: "Im Tropfen eines Parfums kann die ganze Geschichte des 20. Jahrhunderts enthalten sein."

Anhand der beiden Düfte "Chanel No. 5" und "Krasnaya Moskwa", Rotes Moskau, will Schlögel diese Behauptung belegen. Hier der Welterfolg, das schon durch seinen Flakon und als Marilyn Monroes bevorzugte Nachtgarderobe ("Zum Schlafen trage ich nur ein paar Tropfen Chanel") ikonisch geworden ist.

Dort das beliebteste Parfum des Ostblocks, der Duft von festlichen Besuchen im Bolschoi-Theater, das trotzdem noch nicht einmal im Standardwerk der Parfumkritiker Luca Turin und Tania Sanchez auftaucht.

Duftessenzen, die für Weltreiche stehen

Beide stehen für Weltreiche: "Krasnaya Moskwa" nicht einfach nur für die Sowjetunion, sondern für die gesamte russische Geschichte vom Ende der Romanows bis zum Stalinismus. "Chanel Nº 5" etwas amorph für "den Westen", vertreten durch Frankreich und die USA, aber durch Coco Chanels Kollaboration mit dem Dritten Reich und ihren privaten Antisemitismus auch für den Faschismus.

Schlögel meint, im "Lieblingsbouquet der Kaiserin Katharina II." von 1903 den gemeinsamen Ursprung der zwei Düfte gefunden zu haben, die auch noch beide von russisch-französischen Parfumeuren erfunden wurden. Das Zarenreich war damals eine Parfummacht von Weltrang.

Nach der Oktoberrevolution wurden die Betriebe erst hart auf Seife und andere grundlegende Hygieneprodukte umgestellt, um dann langsam wieder für die Parfumproduktion anzulaufen, für Düfte mit Namen wie "Auf dem Posten" und "Unsere Antwort an die Kolchosebauern". Der Erfolg des "Krasnaya Moskwa" geht einher mit dem Aufstieg der "Neuen Klasse" der sowjetischen Parteifunktionäre.

Zwischen russischer und französischer Bohème

Es ist die "Parfumkommissarin" Polina Shemtschushina, Ehefrau von Regierungschef und Außenminister Wjatscheslaw Molotow und eine der Hauptfiguren des Buches, die dem ursprünglichen Flakon die Zwiebelspitze des Kreml als Verschluss verpasst.

Den ersten Säuberungen entgeht Shemtschushina noch, aber im Zuge der antisemitischen Kampagnen Stalins Ende der 40er wird sie als vermeintliche "zionistische Agentin", also Jüdin, verhaftet und in den Gulag verbannt. Erst nach dem Tod von Stalin kommt sie frei – und bleibt doch bis zu ihrem Tod Stalinistin.

Die Gegenfigur zu Shemtschushina ist Coco Chanel selbst. Sonderlich scheint sich Schlögel nicht für sie zu interessieren, sie gibt ihm vor allem die Möglichkeit, über die so produktiven Begegnungen zwischen russischer und französischer Bohème und Avantgarde in Paris zu schreiben.

Biografische Skizzen, literarische Exkurse

Paris, Moskau, Petersburg: Das Buch ist auch eine Fortschreibung von Schlögels großflächigen Stadt- und Raumerkundungen. Diesmal ist der Fokus kleiner, trotzdem hat Schlögel Gelegenheit für biografische Skizzen, literarische Exkurse und freiere historische Verknüpfungen.

Ein gewagtes, aber sorgfältiges Kapitel zur Geruchswelt der deutschen Lager einerseits und des Gulags andererseits verhindert jede Gefahr, dass aus seinem Essay einfach nur ein launig-assoziativer Schlendergang durch die Parfümerie des 20. Jahrhunderts wird. Schlögel hat tatsächlich den Duft des "Zeitalters der Extreme" eingefangen – zu viel macht Kopfschmerzen, aber ein kurzer Sprüher ist anregend und berauschend.

Karl Schlögel: Der Duft der Imperien. "Chanel No 5" und "Rotes Moskau"
Hanser Verlag, München 2020
224 Seiten, 23 Euro

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