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Lesart / Archiv | Beitrag vom 30.09.2017

Karl Schlögel: Das sowjetische JahrhundertKulturgeschichte eines Verschwindens

Von Jörg Himmelreich

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Buchcover: Karl Schlögel "Das sowjetische Jahrhundert" vor dem Hintergrund einer Kommunalka-Küche (Imago / Photomax)
Buchcover: Karl Schlögel "Das sowjetische Jahrhundert" vor dem Hintergrund einer Kommunalka-Küche (Imago / Photomax)

Sowjetische Kulturgeschichte, betrachtet als Ausstellung: Karl Schlögel hat einen Museumsführer durch sowjetische Lebenswelten jenseits der herkömmlichen historischen Quellen geschrieben. Hier agiert jemand, der uns mit seinem Wissensschatz den Blick erweitert.

Karl Schlögel krönt sein publikationsreiches Werk über die verschiedensten Aspekte der sowjetischen Kulturgeschichte mit diesem Museumsführer durch die untergegangene Lebenswelt der Sowjetunion. Durch sie "flaniert" er – wie Walter Benjamin sagen würde – um gleich einem Archäologen einzelne ihrer Erscheinungsformen erspüren, aufzulesen, zu betrachten und zu einem Bildausschnitt der sowjetischen Kultur zusammenzufügen.

Von der Toilette über den Gummibaum zur häuslichen Speisekarte

Sei es die Toilette oder der Wandel der Kleidung, die Bedeutung des Gummibaums in der sowjetischen Wohnung oder die Veränderung der häuslichen Speisekarte, das Parfüm oder die Kleidung, die Funktion der Eisenbahn oder die ideologische Deutung des Baus des größten sowjetischen Stahlwerks in Magnitogorsk unter Anleitung US-amerikanischer Ingenieure Anfang der 30er Jahre –  alles wird als ein Ausstellungsstück dieses Museums betrachtet und gedeutet, um die sowjetische Lebenswelt jenseits der herkömmlichen historischen Quellen zu erfassen.

Wenn jeder Gegenstand und jedes Phänomen ein Ausdruck einer bestimmten Lebenskultur darstellen, dann ist ihre Auswahl genauso subjektiv wie das, was der Museumsführer in sie hineinliest. Eine so verstandene Kulturgeschichte ist, wie mancher Historiker einwenden wird, dann keine exakte quellenbasierte Realgeschichte mehr, sondern nur ein unbestimmter, subjektiver Ansatz, "die Zeit im Raum" – so Schlögel - zu lesen. Aber gerade weil Karl Schlögel sein ganzes Forscherleben der sowjetischen Kultur gewidmet hat, vermag er mit seinen Assoziationen aus seinem umfassenden Kenntnisschatz über die sowjetische und russische Literatur, Kunst, Musik, Architektur, Geschichte und Technik und ihrer Museen die Lebenswelt  der Sowjetunion so anschaulich zu machen.

Ein unendlich weites Museum

Wie nach der Oktoberrevolution die verstaatlichten großen Wohnungen in Petersburg und Moskau zu "Kommunalkas" werden, zu Gemeinschaftswohnungen, in denen Familien ein Zimmer zugewiesen bekommen und sich Küche und Bad teilen müssen, ist vielfach dargestellt und literarisch verarbeitet worden. Hier werden ihre sozialen und psychischen Folgen für den "homo sovieticus" prägnant auf den Punkt gebracht. Der Darstellung, wie in der kurzen Tauwetterperiode Anfang der 60er Jahre der unbeobachtete Küchenraum in den Wohnungen der neuen Mietskasernen Moskaus zum Ort leidenschaftlicher Diskussion von engagierten Intellektuellen und Künstler wird und wie daraus dann langsam die Dissidentenbewegung entsteht, ist anzumerken, wie unmittelbar Schlögel selbst als Gast aus dem damaligen Westdeutschland daran teilnahm.

Wie überhaupt ein Hauch von persönlicher Wehmut über den Untergang einer Welt, die auf manchen westdeutschen Betrachter ihre eigene Faszination ausübte, den Museumsbesuch durchzieht. Selbstkritisch gibt Schlögel zu, dieser Lebenskultur wie mancher deutsche öffentliche Beobachter der 70er und 80er Jahre "verfallen" gewesen zu sein.

Die untergegangene sowjetische Lebenswelt ist kulturgeschichtlich ein unendlich weites Museum. Seine  noch vielen unbesuchten Räume rufen nach weiteren Museumsexkursen.

Karl Schlögel: Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt
C.H. Beck, München 2017
912 Seiten, 38 Euro

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