Seit 16:05 Uhr Echtzeit
Samstag, 23.10.2021
 
Seit 16:05 Uhr Echtzeit

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.09.2015

Karl Ove Knausgard: "Träumen"Mammutbiografie eines Normalos

Von Ursula März

Der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgard, aufgenommen am 28.4.2014 in Barcelona (picture-alliance / dpa/ Alejandro Garcia)
Mit seiner hyperrealistischen und ausführlichen Autobiografie hält Karl Ove Knausgard seine Leserschaft in Atem. (picture-alliance / dpa/ Alejandro Garcia)

Keine Peinlichkeit wird ausgelassen: Karl Ove Knausgard offenbart sich schonungslos selbst. Nun erscheint der fünfte von sechs Bänden seines autobiografischen Riesenwerks. In "Träumen" erzählt der Schriftsteller die Zeit seines Erwachsenwerdens in der norwegischen Stadt Bergen.

Einen vergleichbaren Hype hat die internationale Literaturwelt wohl nur einmal erlebt: Als sie von einem englischen Jungen mit Nickelbrille und übersinnlichen Kräften verzaubert wurde, von Harry Potter. Über derlei Kräfte verfügt der norwegische Kettenraucher mit den zerfurchten Gesichtszügen Karl Ove Knausgard nicht. Und doch hält seine sechsbändige, hyperrealistische und minimalistisch ausführliche Autobiografie die Leserschaft diesseits und jenseits des Atlantiks in Atem, als enthielte sie eine nie gesehene, fantastische Welt. Gestandene Kritiker - tatsächlich sehr oft männliche - berichten mit feuchten Augen von ihrer Knausgardmanie, von dem Rausch, in den sie bei der Lektüre des knapp 4000 umfassenden literarischen Riesenprojekts versinken.

Radikal schonungslose Selbstoffenbarung

Was ist da los? Woher rührt die Faszination? Unbestreitbar kommt der Leser in den Genuss einer Selbstoffenbarung, die an radikaler Schonungslosigkeit nicht zu überbieten ist. Knausgard ist nichts zu peinlich, um via Buch an die Öffentlichkeit zu gelangen; keiner seiner zahlreichen Alkoholabstürze, nicht sein jahrelanges sexuelles Dilemma, sein Hass auf den tyrannischen Vater, der als verwahrloster Alkoholiker starb, auch nicht seine quälenden künstlerischen Selbstzweifel. Ebenso unbestreitbar haben Knausgards Leser aber auch lange Textstrecken zu durchwandern, in denen Alltagsbanalitäten – das Öffnen von Bierflaschen, die Herstellung von Mahlzeiten für die Kinder, das Ankleiden am Morgen und Auskleiden am Abend etc. - geschildert werden und dies im literarischen Echtzeitverfahren.

Nur: Die Stimme, die solcherart Normalitäten mitteilt, verrät einen allzeit erregungsbereiten, geradezu altmodischen Gefühlsmenschen, dem kein Anlass, keine Tätigkeit, kein Erlebnis zu gering ist, um auf die Achterbahnfahrt zwischen jubelnder Euphorie und düsterster Niedergeschlagenheit zu geraten. Der Mann, der sich in diesem autobiografischen Mammutwerk porträtiert, darf als Normalo bezeichnet werden: 1968 in Oslo geboren, in kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, verheiratet in zweiter Ehe, Vater von vier Kindern. Seine Ängste und Neurosen kennt, in welchem Grad auch immer, eigentlich jeder.

Aber dieser identifikationsfähige Jedermann Karl Ove Knausgard besitzt die literarische Fähigkeit, das Normale in den Aggregatzustand emotionaler und existentieller Hochspannung zu versetzen. Dies dürfte ein wesentlicher Grund seiner Anziehungskraft sein.

Jahre des Erwachsenwerdens

Nun erscheint in Deutschland der fünfte seiner sechs autobiografischen Bände. Er trägt wie alle vorangegangenen ein Verb als Titel: "Träumen". Er umfasst die vierzehn Jahre, die Knausgard von 1988 bis 2002 in der norwegischen Stadt Bergen verbrachte, Jahre des Erwachsenwerdens. Knausgard besucht die neu gegründete Schreibakademie von Bergen, kommt endlich in einer Liebesbeziehung und in seiner ersten Ehe an, geht wie gewohnt durch sämtliche Höhen und Tiefen der Seelenlandschaft: Ein Inbild des fühlenden modernen Mannes, in dem sich eine weltweite, auch und gerade männliche Leserschaft wiedererkennen kann.

Karl Ove Knausgard: "Träumen"
Aus dem Norwegischen von Paul Berf
Luchterhand Verlag, München 2015
793 Seiten, 24,99 Euro

Mehr zum Thema:

Wut, Anklage, Verzweiflung
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 07.06.2012)

"Geheimnisse im Privatesten werden von jedem geteilt"
(Deutschlandradio Kultur, Thema, 13.04.2012)

"Schroff und ungeschminkt und möglichst direkt "
(Deutschlandradio Kultur, Thema, 24.06.2011)

Im Bann des Alten Testaments
(Deutschlandradio Kultur, Profil, 26.12.2007)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Buchkritik

Dave Eggers: "Every"Ein Maschinenfeind schlägt Alarm
Cover des Romans "Every" von Dave Eggers vor orangefarbenem Aquarellhintergrund. Das Cover zeigt eine Art Logo, mutmaßlich das Logo des Konzerns "Every" in dem Roman. Das Logo sieht aus wie eine stilisierte, von oben betrachtete Rosenblüte. (Deutschlandradio / Kiepenheuer & Witsch)

Mit dem Roman "The Circle" über einen mächtigen Tech-Konzern traf Dave Eggers einen Nerv. In der Fortsetzung "Every" lässt er das Unternehmen in jede menschliche Interaktion vordringen. Doch als Satire ist das zu stumpf und als Dystopie zu lauwarm.Mehr

Bei Dao: "Das Stadttor geht auf"Leben unter Zwang
Cover des Buchs "Das Stadttor geht auf. Eine Jugend in Peking" von Bei Dao. (Deutschlandradio / Hanser)

Äußerliches verweist auf Inneres: In Bei Daos Jugenderinnerungen zeigen Räume und Landschaften die früh erfahrene Angst des chinesischen Dichters. Sein Buch "Das Stadttor geht auf" weist weit über die Jahre von Maos blutiger "Kulturrevolution" hinaus.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

Bücherherbst 2021Neue Literatur für den Herbst
Illustration: Ein Mann sitzt auf einem übergrossen Bücherstapel und liest. (imago / fStop Images / Malte Müller)

Drei Stunden, sechs Autorinnen und Autoren und ein Überblick über die Literatur der Herbstsaison: Florian Illies, Jenny Erpenbeck, Matthias Nawrat, Dilek Güngör, Julia Franck und Edgar Selge sprechen über ihre neuen Bücher und lesen daraus.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur