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Buchkritik | Beitrag vom 17.10.2020

Karl Ove Knausgård: "Aus der Welt"Tiefer Blick in die Seele eines Lehrers

Von Peter Urban-Halle

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Buchcover "Aus der Welt" von Karl Ove Knausgård (Deutschlandradio/Luchterhand Verlag)
Im Gegensatz zu Nabokov, der in seinem Roman "Lolita" gewissermaßen von einem Besessenen besessen ist, seziert Knausgård seinen Helden Henrik. (Deutschlandradio/Luchterhand Verlag)

Nach dem Riesenerfolg von Knausgårds autobiografischem Projekt "Min kamp" liegt nun auch sein Debüt auf Deutsch vor: Ein Lehrer verliebt sich in eine Schülerin. Auch dieser monströse Roman erzählt detailliert vom Gefühlsleben seiner Protagonisten.

Die Provinzschule im Norden Norwegens, die Heimatgegend um Kristiansand im Süden, das Porträt der Eltern, vor allem des autoritären und trinkenden Vaters – das alles ist dem vertraut, der "Min kamp" gelesen hat. Schon Knausgårds Debüt von 1998 hat viele autobiografische Elemente.

Das Hauptthema aber und Auslöser einer veritablen Gedankenflut ist – so der Autor – erfunden. Sein Held Henrik Vankel, 26 Jahre und Vertretungslehrer in einem kleinen Ort bei Tromsø in hohen Norden, verliebt sich in eine seiner Schülerinnen. Und damit nicht genug – die kleine Miriam ist erst 13.

Er seziert seine Seele und seine Gefühle

Im Gegensatz zu Nabokov, der in seinem berühmten Roman "Lolita" gewissermaßen von einem Besessenen besessen ist, seziert Knausgård seinen Helden Henrik, er seziert seine Seele und seine Gefühle. Und mit ihm auch alle Personen, ob jung oder alt, die ihm begegnen. Knausgård kann sich nicht nur in seinen Ich-Erzähler, sondern in die Menschen an sich einfühlen, seine Vorstellungskraft nährt sich aus seiner Beobachtungsgabe und Analysefähigkeit.

"Genauigkeit ist essenziell, wenn man über etwas so Ungenaues wie eine Empfindung spricht." Und mit den Menschen schildert er auch das Drumherum, nach wenigen Worten dieser monströsen 900 Seiten sind wir mitten in einem chaotischen Ambiente mit eigener Ordnung.

Voller Komplexe, voller Scham

"Aus der Welt" ist die Geschichte eines abgehobenen Individuums, das sich im Zentrum sieht, intelligenter als die andern, überheblich. Wirklich? Macht er sich nicht einfach Gedanken, wie die Menschen funktionieren? Was in ihnen vorgeht? Sich selbst nimmt er dabei nicht aus. Er beobachtet sich sehr genau. Und er erkennt: Er ist hilflos, scheu, kleinlich, missgünstig, berechnend, wehleidig. Voller Komplexe. Und voller Scham.

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Dieses seelische Auf und Ab durchzieht den ganzen Roman, auch das kennen wir aus "Min kamp". Und noch etwas: dass das scheinbar Unwichtige, Banale dazugehört. Er erzählt es so packend, dass es nicht mehr unwichtig ist. Es ist wichtig an sich. Aber auch im Rahmen des Romans. Zum Beispiel, die breite Geschichte über Liebe und Scheitern der Eltern, die nämlich Herrlichkeit und Hilflosigkeit dieses jungen Lehrers begründet.

Er ist nicht in Routine erstarrt. Und wissbegierig. Über da Vinci sagt er: "Alles will er beschreiben, alles will er wissen. Das ist Leonardo." Kurz vorher beschrieb Knausgårds Alter Ego Henrik die "Stürme des Geistes" und fragt: "Warum geschah, was geschah. Warum sagtest du, was du sagtest." Alles will er wissen, wie Leonardo da Vinci.

Das Buch ist ein Monstrum

Knausgårds Debüt ist ein Exzess. Und ungeheuer ernüchternd, für Henrik, für uns. Denn jeder ist mit sich allein: "In mir ist kein anderer." Das ist das Einzige, was er akzeptiert. Denn sonst legt er sich keine Zügel an, er denkt das Undenkbare, er ist undiszipliniert und anmaßend. Das Buch ist ein Monstrum. Aber überwältigend gut.

Karl Ove Knausgård: "Aus der Welt"
Aus dem Norwegischen von Paul Berf
Luchterhand Verlag, München 2020
926 Seiten, 26,00 Euro

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