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Das Blaue Sofa | Beitrag vom 18.10.2019

Karl-Heinz Ott über Beethovens SinfonienEin wilder, tobender Kosmos

Karl-Heinz Ott im Gespräch mit René Aguigah

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Porträt von Karl-Heinz Ott auf dem blauen Sofa zur frankfurter Buchmesse. (Deutschlandradio/ David Kohlruss)
Karl-Heinz Otts Buch "Rausch und Stille" ist auch eine Liebeserklärung an einen Revolutionär der Musikgeschichte. (Deutschlandradio/ David Kohlruss)

Bei Beethoven ist immer Stress, sagt der Schriftsteller Karl-Heinz Ott. Und: Seine Sinfonien bedeuteten eine Zeitenwende in der Musik. Ott beschreibt diese Wende in dem Buch "Rausch und Stille" - und er verrät, welche Aufnahme man unbedingt hören sollte.

Dadada-daaaaam, dadada-daaaaam - auf der ganzen Welt kennt man die ersten Töne von Beethovens 5. Sinfonie, und sei es als Handyklingelton. Ein ganz schlichtes Motiv, gegen das sogar das Kinderlied "Kuckuck, Kuckuck ruft's aus dem Wald" erstmal richtig kompliziert sei, sagt Karl-Heinz Ott. Das seien nämlich sehr viele Töne. "Bei Beethoven sind es ganze zwei".

Der Schriftsteller und Musikwissenschaftler hat mit "Rausch und Stille" in diesem Jahr ein Buch über Beethovens Sinfonien veröffentlicht. Es eröffnet einen neuen Blick auf Beethovens Musik und die Zeit, in der sie entstanden sind. So war zum Beispiel die Schlichtheit und radikale Verkürzung, mit der Beethoven arbeitet, offenbar in ihrer Zeit eine Provokation:

"Der Komponist Louis Spohr, ein Zeitgenosse von Beethoven, sagte, es ist eine Unverschämtheit, mit so etwas zu arbeiten. Das ist eigentlich der Musik unwürdig und eines Komponisten unwürdig", so Ott. "Er sagt dann: Das hätte er zwischendrin mal machen können. Also am Anfang ein ordentliches Thema, und wenn dann der Karren läuft, kann man ja zwischendrin auch mal da-da-da machen."

Bei Beethoven ist immer Stress

Beethoven jedoch baue aus diesem "dadada-daam" einen wilden, tobenden Kosmos:

"Bei Beethoven ist in der Regel ziemlich von Anfang an Stress. Und dieser Stress wird meistens bis zu einem Toben getrieben, das nicht mehr steigerbar ist", erklärt Ott.

"Und dann kommt auch etwas Typisches für Beethoven: eine Fermate, also sozusagen: Zack! Stopp! Dann ist kurz Pause, und man fragt: Ist was passiert? – Nee! Man kann es einfach nicht mehr steigern. Atempause. Kurze Stille. Irritiation. Und dann kann man von vorne mit dem Wahnsinn anfangen. Also, das ist schon ein Prinzip von ihm."

Das Konterfei von Ludwig van Beethoven auf einem Luftballon wird gegen die Sonne gehalten. (dpa/ Frank Rumpenhorst)Ludwig van Beethoven prägte musikalisch weit über Deutschland hinaus. (dpa/ Frank Rumpenhorst)

Für das damalige Publikum war das ein harter Brocken: "Die fanden das zu wirr, zu laut, zu viele Blasinstrumente, chaotisch, also vollkommene Überforderung. Sinngemäß: Wir hören keinen roten Faden. Wir sind einem Chaos ausgeliefert!"

Musik diente nur der Berieselung

Auch sonst bedeutete Beethoven für den Musikbetrieb manche Neuerung: So sei es zum Beispiel sehr ungewöhnlich gewesen, dass dieser einmal einen vier Stunden dauernden Konzertabend veranstaltet habe und dabei dann auch nur eigene Werke aufgeführt habe. Denn damals seien Konzerte üblicherweise "die reinsten Potpourris" gewesen - und vom Publikum eher zur Berieselung nebenbei genutzt worden:

"Auch in der Oper haben die Leute geredet und gevespert und in den Logen haben sie noch ganz andere Dinge gemacht."

Zur Zeit Beethovens hingegen entstand das, was man die "romantische Kunstreligion" nennt, so Ott. "Also, die Andacht wandert aus der Kirche in den Konzertsaal." 

Diese Erhöhung der Musik ist Ott zufolge eine Auswirkung des von der Aufklärung geprägten Zeitgeists:

"Die Aufklärung war ja längst in vollem Gange, und gerade bei Hegel und Hölderlin können wir ja auch sehen, wie sozusagen die Aufklärung zum ersten Mal über ihre eigenen Grenzen spricht, dass durch die Aufklärung ja auch was verloren geht, durch den Vernunftzwang, durch den Allerklärungszwang, durch die Ernüchterung der Welt."

Durch Kunst Ganzheitlichkeit wiederherstellen

In dieser Situation gewinne die Kunst eine Aufgabe, die sie bis dahin nicht hatte: "So was Ähnliches wie eine Ganzheitlichkeit wiederherzustellen – und sei es nur im Gefühl", sagt Ott.

"Man hofft, in der Musik etwas rauszuhören, was doch so etwas Ähnliches ist wie Transzendenz. Auch wenn man nicht mehr in die Kirche geht, verliert man ja das Bedürfnis nicht. Und da kann man schon sagen, ist die Kunst der Versuch, die Mängel der Aufklärung wieder aufzufangen."

Ott selbst kam als Jugendlicher zu Beethovens Sinfonien, nachdem ihm seine Mutter wegen schlechter Schulleistungen das Musikhören verboten hatte:

"Dann hatte ich einen Dual-Plattenspieler am Bett, und abends oder nachts, wenn ich ins Bett gegangen bin, habe ich so leise, dass man im Haus nicht hörte, dass ich Musik hörte, wirklich über ein Jahr hinweg, jeden Abend Beethoven-Sinfonien gehört. Also, ich kenne die wirklich seither in und auswendig."

Und am liebsten ist ihm der zweite Satz der 7. Sinfonie in der Aufnahme mit Claudio Abbado: "Weil er es endlich nicht so lahm und träge und germanisch tiefsinnig-dumm macht – immer dieses Runterziehende – sondern als Tanz. Ganz leicht. Und zwar reduziert, fast wie Streichquartett. Das ist großartig!" 

(uko)

Karl-Heinz Ott: Rausch und Stille. Beethovens Sinfonien
Hoffmann und Campe, Hamburg 2019
272 Seiten, 24 Euro

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