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Lesart | Beitrag vom 19.09.2020

Karl Bruckmaier (Hg.): "Nancy Cunards Negro"Später Triumph

Von Nana Brink

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(Deutschlandfunk Kultur / kursbuch.edition)
Auch nach fast 90 Jahren noch relevant: Nancy Cunards "Negro". (Deutschlandfunk Kultur / kursbuch.edition)

Ein ambitioniertes Werk hatte sich Verlegerin Nancy Cunard vor fast 90 Jahren vorgenommen: "Negro", eine Anthologie afroamerikanischer Kultur. "Wilde Bluestexte" fand Karl Bruckmaier darin. Und legte das Buch jetzt in Teilen neu auf.

Eigentlich, so bekennt der Kulturpublizist Karl Bruckmaier in einem Interview, sei es am Anfang ein "Liebhaberbuch" gewesen. Durch Zufall fiel ihm vor sieben Jahren eine Faksimileausgabe von "Negro" in die Hände – und der Musik-Autor ist fasziniert von den "wilden Bluestexten", die ihm die Augen öffnen über die "Harlem Renaissance", eine Gruppe von schwarzen Intellektuellen in New York Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Originalausgabe, erschienen 1934, die die Geschichte der afroamerikanischen Kultur erzählen will, ist da schon längst in Vergessenheit geraten. Genau wie die Herausgeberin Nancy Cunard, eine exzentrische Verlegerin und Gesellschaftskritikerin.

Nancy Cunard vom dem Grampion-Hotel in Harlem, New York. (picture-alliance / United Archives / TopFoto)Exzentrische Milliardärstochter: Nancy Cunard vor dem Grampion-Hotel in Harlem, New York. (picture-alliance / United Archives / TopFoto)

Das Buch jedoch lässt Bruckmaier nicht mehr los und so entsteht die Idee, diesem wahnwitzigen Unternehmen namens Negro, "das mich an nichts mehr erinnert als an die Punk-Fanzines der ausgehenden 1970er-Jahre, die Ehre zu erweisen, indem man erneut die Texte durchgeht und kompiliert, was auch fast 90 Jahre nach dem ursprünglichen Erscheinen noch Relevanz besitzt". Wie gesagt, die Neuedition sollte für "Liebhaber" sein, doch der Tod von George Floyd und der sich verschärfende Kulturkampf in den USA laden ein, "die ehrgeizigste Anthologie, die je über Schwarze versucht wurde" (New York Times), noch einmal in einem ganz anderem Licht zu lesen.

Vom It-Girl zur Verlegerin

Die Entstehungsgeschichte von "Negro" ist eng verwoben mit Nancy Cunards Biografie. Ende des 19. Jahrhunderts wird sie in eine reiche britische Reederfamilie hineingeboren. Das einzige Kind eines versnobten britischen Milliardärs und einer amerikanischen Lebedame avanciert schnell zum Enfant terrible der Familie. Gerade zwanzig, heiratet sie einen Offizier, trennt sich kurz danach von ihm und taucht in das Pariser Bohème-Leben der Zwanzigerjahre ein. Sie trinkt, tanzt, schreibt Gedichte und nimmt sich Liebhaber wie Aldous Huxley, Man Ray oder Ernest Hemingway.

Nancy Cunard auf einer historischen Schwarz-Weiß-Aufnahme.  (picture alliance / Everett Collection)Ihrer Zeit voraus: Die Autorin Nancy Cunard. (picture alliance / Everett Collection)

Aber sie ist mehr als nur ein "It-Girl" ihrer Zeit, wie Fotografien zeigen, mit schwarz umrandeten Augen und unzähligen Armreifen bis zu den Ellbogen. Sie gründet 1928 mit dem Geld ihrer Familie einen eigenen Verlag und gibt experimentelle Lyrik heraus, unter anderem das erste Buch von Samuel Beckett. Als sie den schwarzen Jazz-Musiker Henry Crowder kennenlernt und mit ihm zusammenlebt, erfährt sie, was dieser Tabubruch bedeutet: Ihre Familie ist entsetzt, die etablierte Gesellschaft grenzt sie aus.

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Dann, so schreibt Herausgeber Karl Bruckmaier, kommt ihr Greta-Thunberg-Moment: Sie ist so wütend, "dass sie mit dem Fuß aufstampft und beschließt, es diesen rückständigen Oberschichttrotteln in ihrer Heimat zu zeigen". Das Ergebnis ihrer Wut ist das Projekt "Negro", das auf 900 Seiten "der Welt zeigen soll, wie großartig die Kultur der Menschen schwarzer Hautfarbe ist".

Durch ihre weitreichenden Verbindungen und Reisen in die USA schafft es Nancy Cunard, Autorinnen und Soziologen, Dichterinnen und Musik-Wissenschaftler aus dem afroamerikanischen und karibischen Raum zu verpflichten. Doch ihr Projekt scheitert letztlich. Zwar wird es 1934 veröffentlicht, doch es ist angesichts der eher ungeordneten Fülle und des stolzen Preises von zwei Guinees – das entsprach damals rund 40 Mark – total unverkäuflich. Die Verlegerin – pleite, von ihrem Geliebten verlassen und dem Alkoholismus verfallen – engagiert sich bald in der Résistance und schreibt nach dem Krieg als Reporterin über die Auswirkungen des Kolonialismus.

"Texte, die für uns heute interessant sind"

Karl Bruckmaier war klug beraten, für die Neuausgabe dreißig Texte aus dem Konvolut auszuwählen, die "für uns heute interessant sein können". Die aktuellen Ereignisse in den USA machen Bruckmaiers "Liebhaberbuch" somit zu einem Must-read. Es beginnt mit dem Soziologen W.E.B Du Bois, der als erster Schwarzer einen Doktortitel in Harvard erhält und der eine Geschichte der USA aus afroamerikanischer Sicht schreibt.

Engagiert: W.E.B. Du Bois bei einer Rede in Frankreich.  (picture alliance / AP Photo)Engagiert: W.E.B. Du Bois bei einer Rede in Frankreich. (picture alliance / AP Photo)

Dann eine Wiederentdeckung: Langston Hughes, eine der Ikonen der "Harlem Renaissance"-Bewegung, liefert Gedichte, ebenso wie der Lyriker Countee Cullen: "Ich war knapp acht und nur ein Strich/ und er war auch nicht dicker/ Drum lächelte ich freundschaftlich/ Doch er, er schimpft mich "Nigger".

Nancy Cunard selbst schreibt über das Harlem der 1920er-Jahre, was naiv klingt, aber nur den Ton der Zeit wiedergibt: "Der Eifer, mit dem die Schwarzen diese Musik machen, die schiere Freude, die sie aus ihr beziehen, sind ein weiterer Grund, warum die Weißärsche den Schwarzmännern neidisch sind." Deutlich politischer, aber im Ton der Zeit beklagt die "Surrealistengruppe in Paris" um André Breton die "tödliche Menschenfeindlichkeit, mit der die Soldaten, die Priester, überhaupt die Handlanger des Imperialismus seit Jahrhunderten auf Menschen mit anderer als weißer Hautfarbe eindreschen". Daneben liest man kurze Biografien über schwarze Predigerinnen wie Sojourner Truth oder Harriet Tubman, einst selbst Sklavin und dann Sklavenbefreierin.

Einige Kritiker werfen Bruckmaier vor, er hätte eine stärkere Einsortierung der Texte vornehmen sollen, sie erklären oder mit mehr Informationen versehen müssen. Man kann "Negro" so lesen – und kritisieren. Aber man kann diese Selbstbehauptung afroamerikanischer Kultur – veröffentlicht Anfang der 30er-Jahre (!) – auch einfach neugierig lesen, um festzustellen, dass die USA auch fast 90 Jahre danach noch immer mit denselben Problemen beschäftigt ist.

"Nancy Cunards Negro"
Herausgegeben von Karl Bruckmaier
kursbuch.edition, Hamburg 2020
280 Seiten, 25 Euro

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