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Buchkritik | Beitrag vom 15.08.2019

Karina Sainz Borgo: "Nacht in Caracas" Venezolanisches Elend

Von Dirk Fuhrig

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Das Bild zeigt das Cover des ersten Romans der venezolanischen Autorin Karina Sainz Borgo. (Cover: S. Fischer Verlag, Illustration: Deutschlandradio)
In ihren ersten Roman "Nacht in Caracas" will Karina Sainz Borgo über Venezuelas deprimierende Lage aufklären. (Cover: S. Fischer Verlag, Illustration: Deutschlandradio)

Der erste Roman von Karina Sainz Borgo spielt in Venezuela, einem Land, dessen Menschen jede Hoffnung auf Besserung verloren haben. Das Buch sei zwar nicht literarisch interessant, aber als Zeitdokument enorm wichtig, urteilt unser Kritiker.

Krawalle auf den Straßen, willkürliche Verhaftungen, marodierende Banden. Eine Schläger-Truppe von "Kindern der Revolution" requiriert die Wohnung der Ich-Erzählerin, verwüstet sie und funktioniert sie zu einem Lager für Lebensmittel und Güter des täglichen Bedarfs um.

In einer Zeit, in der die Regale in den Supermärkten leergefegt sind, kann man sich an beschlagnahmten Waren wunderbar bereichern - durch den Verkauf der Produkte auf dem Schwarzmarkt. In "Nacht in Caracas", dem ersten Roman der 1982 in Venezuela geborenen Karina Sainz Borgo, sind es lauter Frauen, die sich als "Hijos de la revolución" von der venezolanischen Regierung autorisiert fühlen, im Namen der "bolivarischen Revolution" nach Belieben Menschen zu enteignen, zu bedrohen, zu töten.

Das rettende Flugzeug Richtung Madrid

Die Ich-Erzählerin, ausgesperrt aus ihrer eigenen Wohnung, findet Zuflucht im Apartment nebenan. Dessen Besitzerin liegt tot auf dem Boden, Todesursache unbekannt, Suizid nicht ausgeschlossen.

Die Erzählerin findet Unterlagen, die der Toten - als Tochter einer Spanierin, die einst nach Venezuela immigriert war - ein Recht auf die spanische Staatsbürgerschaft und damit den Aufenthalt in der EU gewähren. Sie lässt das Passfoto fälschen, gibt sich als die tote Nachbarin aus - und schafft es damit, in ein rettendes Flugzeug nach Madrid zu steigen.

Weder Hugo Chávez noch sein korrupter Nachfolger als Staatspräsident, Nicolás Maduro, werden in diesem Text explizit genannt. Das ganze Elend Venezuelas wird jedoch aufgeblättert: die ökonomische Katastrophe durch den massiv gesunkenen Ölpreis - mit den Erträgen aus dem Ölgeschäft hatte Chávez sein sozialistisches System aufrechterhalten; die Günstlingswirtschaft; die repressive Unterdrückung der Opposition, Folter und Erpressung eingeschlossen; die alltägliche Kriminalität, die sogar eine Fahrt mit dem Auto durch Carácas zu einem lebensgefährlichen Unternehmen werden lässt.

Ein Stil, an journalistischer Recherche geschult

Karina Sainz Borgos Sprache ist sehr explizit. Sie verzichtet auch nicht auf mitunter kaum erträgliche Beschreibungen von staatlicherseits angeordneten oder geduldeten Brutalitäten und Menschenrechtsverletzungen. Man merkt ihrem Stil an, dass er an journalistischer Recherche geschult ist. Es geht ihr eindeutig darum, ihre Leser über die deprimierende Lage aufzuklären.

Als Roman wirkt der Text an manchen Stellen etwas konstruiert. Zwar erlaubt die Ich-Perspektive einen sehr unmittelbaren Zugang. Das Hineinschlüpfen in die Identität der toten Nachbarin wird allerdings etwas holzschnittartig und vordergründig geschildert.

Unter literarischen Aspekten ist dies kein herausragender Roman. Als Stimme aus einem Land, dessen Bürger fast jede Hoffnung auf Besserung verloren haben und in Scharen in die Emigration gezwungen werden, ist "Nacht in Caracas" jedoch ein extrem eindringliches und enorm wichtiges Zeit-Dokument.

Karina Sainz Borgo: "Nacht in Caracas"
Aus dem Spanischen von Susanne Lange
S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2019
224 Seiten, 21 Euro

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