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Buchkritik | Beitrag vom 18.06.2020

Karin Reschke: "Trümmerland Kinderland" Der Aufbruch war weiblich

Von Manuela Reichart

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Karin Reschke: "Trümmerland Kinderland" (PalmArtPress / Deutschlandradio Kultur)
(PalmArtPress / Deutschlandradio Kultur)

Clevere Geschäftsfrauen, promiskuitive Tanten und abwesende Väter. Katrin Reschke erzählt in "Trümmerland Kinderland" über das zerbombte Nachkriegsberlin. Und über eine Generation, die feststellt, dass die neue Zeit auf Lügen der Erwachsenen fußt.

Schauplatz von "Trümmerland Kinderland" ist das zerbombte Nachkriegsberlin: Die Kinder spielen in den Trümmern, die Frauen machen Pläne, in die die zurückkehrenden Männer nicht immer passen. Hunger ist ebenso an der Tagesordnung wie Gefahr und Illusion.

Katrin Reschke ruft dabei Erinnerungen an ihre eigene Kindheit wach, an Spiele und Fami­lien­dramen, verlassene Ehefrauen und promiske Tanten. Sie lässt eine Ich-Erzählerin auf­treten, deren Identität in den neun Prosastücken ebenso wechselt wie die Wohnungen, in denen die jugendlichen Protagonistinnen mit ihren – meist vaterlosen – Familien unter­kommen.

Bewundert von der halbwüchsigen Tochter

Im Vorwort heißt es: "Die Ich-Erzählerin, anfangs ABC-Schützin, hantiert unter verschiedenen Namen und Adressen, bewegt sich scheinbar leichtfüßig von Schauplatz zu Schauplatz …. Zum Neuanfang in den längeren Erzählungen kommen andere Ich-Er­zähler­innen ins Spiel: Halbwüchsig, Orientierung suchend, so erzogen, wie es sich in der Nach­kriegszeit gehört." Allen Mädchen gemeinsam ist eine Unsicherheit, die sie erst als Er­wachsene als fundamental begreifen werden: Auf den Lügen der Erwachsenen wird die neue Zeit aufgebaut.

In der eindrucksvollsten und längsten Geschichte des Bandes, in dem die Nachkriegszeit durch die Augen des Kindes lebendig wird, steht eine unabhängige Frau im Mittelpunkt, die um die Existenz kämpft, um den Erhalt der väterlichen Firma. Sie ist Puppenmacherin und erfolgreich, bewundert von der halbwüchsigen Tochter und ihrer so viel braveren und unglück­licheren Freundin.

Erinnerungs- wie gefühlsstarke Erzählerin

Im KaDeWe verkauft man die Puppen, alliierte Soldaten wollen sie mit nach Hause nehmen. Eine clevere Geschäftsfrau-Frau, die sich nicht einschüchtern lässt, die sich immer wieder neu und heftig verliebt und keine Rücksicht auf bürgerliche Konventionen nimmt. Ihr Meisterstück ist eine lebensgroße Puppe, die sie dem Mädchen vermachen wird.

"Der Neffe" erzählt aber nicht nur von Neubeginn und Illusionen, von weiblichem Aufbruch und weiblicher Selbstermächtigung, vor allem geht es um Unordnung und frühes Liebesleid und um die Rachsucht einer betrogenen Halbwüchsigen, die schreckliche Folgen hat.

Karin Reschke ist eine ebenso erinnerungs- wie gefühlsstarke Erzählerin, die nicht nur Zeit und Ort, sondern vor allem auch die Ängste und Träume ihrer jungen Nachkriegsberliner le­bendig werden lässt. Sie haben große Pläne und werden sich sehr viel später nicht zuletzt ans Scheitern erinnern.

Karin Reschke: "Trümmerland Kinderland"
PalmArtPress, Berlin 2020
162 Seiten, 20 Euro

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