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Buchkritik | Beitrag vom 11.04.2018

Karin Bojs: "Meine europäische Familie"Unter Sapiens-Neandertaler-Mischlingen

Von Michael Lange

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Der älteste bakannte Schädel eines Homo Sapiens - Äthiopisches Nationalmuseum, Addis Abeba (Theiss Verlag, imago/imagebroker)
Der älteste bakannte Schädel eines Homo Sapiens - Äthiopisches Nationalmuseum, Addis Abeba (Theiss Verlag, imago/imagebroker)

Der Ursprung der Europäer liegt im Nahen Osten: Von dort stammt ein Großteil unseres Erbguts. Abwechslungsreich und auf dem Stand der Wissenschaft bringt die schwedische Autorin Karin Bojs ihre Leser in "Meine europäische Familie" auf die Spur der Vorfahren.

Bei der Beerdigung ihrer Mutter fasst die schwedische Journalistin Karin Bojs den Entschluss, mehr über ihre Herkunft zu erfahren. Dabei will sie sich nicht mit klassischer Ahnenforschung zufrieden geben. Sie lässt ihre DNA untersuchen, besucht Genforscher, Anthropologen und Archäologen, und sie reist an verschiedene Fund- und Grabungsorte. Dort erfährt sie immer mehr über ihre frühen Vorfahren, die vor vielen tausend Jahren lebten. Sie sammelt Fakten und beschreibt sorgfältig und einfühlsam, was sie sieht und hört.

Den Ursprung aller Europäer entdeckt Karin Bojs im Nahen Osten vor etwa 54.000 Jahren. Damals lebten dort Jäger und Sammler der Spezies Homo Sapiens, die aus Afrika kamen, in unmittelbarer Nähe von Neandertalern. Das genetische Erbe beider Gruppen findet sich heute im Erbgut aller Europäer, auch wenn die Neandertaler nur wenige Prozent der Erbinformation ausmachen. Fantasievoll beschreibt Karin Bojs ein "Trollkind", das bei einer Homo-Sapiens-Sippe aufwächst. Die Mutter schweigt über dessen Herkunft. Aber allen ist klar: Es ist ein Sapiens-Neandertaler-Mischling.

Landwirte aus heutigem Syrien

Nur gelegentlich erlaubt sich Karin Bojs solche Ausflüge in die Fantasie. Meist bleibt sie auf dem Boden der Tatsachen. Sorgfältig beschreibt sie Forschungsergebnisse und verschiedene Theorien, ohne vorschnell Partei zu ergreifen. Besonders vehement streiten die Fachleute über die Ausbreitung der Landwirtschaft in Europa. Haben die frühen Europäer die Landwirtschaft selbst entwickelt oder kam sie mit späteren Einwanderern aus dem Nahen Osten?

Die ersten vollständigen Genomanalysen führen zu einem eindeutigen Ergebnis: Unser Erbgut stammt zu einem erheblichen Teil von Landwirten aus der Region des heutigen Syrien. Sie brachten Tierzucht und Ackerbau vor etwa 10.000 bis 6.000 Jahren über die heutige Türkei, Zypern, den Balkan und Mitteleuropa bis nach Schweden. Eine Zeit lang lebten zugewanderte Bauern und einheimische Jäger in vielen Regionen Europas nebeneinander, aber die Kinder der Bauern überlebten in größerer Zahl und schließlich passten sich die Jäger der bäuerlichen Lebensweise an. Als Erbinformation leben beide Gruppen in den heutigen Europäern fort.

Forschungsergebnisse aus Genetik und Archäologie

"Meine europäische Familie" ist eine abwechslungsreiche Lektüre, sorgfältig recherchiert und ohne Polemik. Anschaulich bringt Karin Bojs die neuen Forschungsergebnisse der Genetik und die Erkenntnisse der traditionellen Archäologie zusammen. Mythen über die Herkunft verschiedener Völker finden in dieser Analyse keinen Platz. Zugleich entgeht Karin Bojs der Versuchung, einen neuen, europäischen Mythos zu schaffen. Stattdessen bleibt sie bei den Fakten, wohl wissend, dass der Forschungsstand nicht in Stein gemeißelt ist.

Immer wieder werfen neue Funde und genetischen Untersuchungen sicher geglaubtes Wissen über den Haufen. Und so ist es schwierig bei all diesen Erkenntnissen, den Überblick zu behalten. Leider fehlen Karten oder erklärende Grafiken. Sie hätten dieses kluge Buch übersichtlicher und noch besser gemacht.

Karin Bojs: Meine europäische Familie – Die ersten 54.000 Jahre
Aus dem Schwedischen von Maike Barth und Inge Wehrmann
Theiss Verlag, Darmstadt 2018
431 Seiten, 29,95 Euro

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