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Nachspiel | Beitrag vom 04.10.2020

Karateverein SC BanzaiEine Kreuzberger Erfolgsgeschichte

Von Fritz Schütte

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Veysel Bugur mit Duygu (2. v. r.) und Schwestern bei der Wahl zur Sportlerin des Jahres. (imago images / Camera 4)
Stolzer Papa: Veysel Bugur mit Duygu (2. v. r.), Seden (li.) und Gizem bei der Wahl zur Sportlerin des Jahres. (imago images / Camera 4)

Einer der erfolgreichsten Vereine Berlins trainiert in einer Fabriketage. Veysel Bugur war selbst Weltmeister und hat den Karateclub gegründet. Mit Erfolg: Alle drei Töchter sind deutsche Meisterinnen.

Der Kottbusser Damm trennt Kreuzberg von Neukölln. Türkische Supermärkte neben hippen Restaurants. Die Multikulti-Meile wird schick. In der historischen Emmler-Möbelfabrik entstehen Büro-Lofts.

Das Kaufhaus im Erdgeschoss bleibt. Die anderen Mieter sind gekündigt. Nur im fünften Stock ist noch Leben. Frauen trinken Tee und haben Kinder auf dem Schoß, die durch Fenster in ein Sportstudio schauen, wo ihre Geschwister Karate lernen.

Viel Erfolg und volle Aufmerksamkeit

Veysel Bugur ist Chef des SC Banzai, der seit 22 Jahren auf 500 Quadratmetern Fabriketage residiert. Regale voller Pokale. Wände tapeziert mit türkischen Zeitungsartikeln. Veysel Bugur ist Mitte fünfzig und war der erste Karate-Weltmeister, den Berlin hervorgebracht hat.

"Damals, als ich die WM gewonnen habe für die Türkei, ich gehe am nächsten Tag ins Flugzeug, schlage die Zeitung auf, da steht ganz groß: Veysel ist Weltmeister. In der Türkei haben die Kampfsportarten einen anderen Stellenwert."

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Immer hin und her fliegen war anstrengend. Später wechselte Veysel zum deutschen Team. Das Training der Bundesligamannschaften leitet er selber.

"Nur hier aus dem Verein sind zehn Personen, die WM- und EM-Medaillen gewonnen haben. Das ist auch einzigartig. Das hat noch kein anderer Verein in Deutschland. Wir haben drei WM-Titel und so viele Vizeweltmeistertitel."

Gizem Bugur tritt konzentriert in Richtung ihrer Gegnerin Valeria Kumizaki.  (imago images / GEPA pictures / Mathias Mandl)Nachwuchskraft: Gizem Bugur im Kampf gegen Valeria Kumizaki. (imago images / GEPA pictures / Mathias Mandl)

Dreimal wurde der SC Banzai für seine Jugendarbeit vom Deutschen Olympischen Sportbund mit dem Grünen Band ausgezeichnet.

"Leider darf man da nicht jedes Jahr teilnehmen, da darf man nur alle sechs Jahre teilnehmen. Dreimal haben wir teilgenommen, dreimal haben wir gewonnen. Das sind jedes Mal 5000 Euro, die gleich in die Vereinskasse fließen."

Der Verein richtet auch Turniere aus

Vor fünfzehn Jahren hat der SC Banzai das erste Turnier ausgerichtet. 'Reisen ist teuer. Laden wir die anderen doch zu uns ein!' Mittlerweile zählt der Banzai-Cup mit 1500 Teilnehmenden zu den großen internationalen Karate-Turnieren. Wegen Corona jetzt erstmals mit Hygiene-Konzept.

"In den letzten Jahren war beim Banzai-Cup Australien komplett. Ich sagte: ‚Was macht ihr hier?‘ Da sagte der Nationaltrainer: ‚Ich habe gehört, dass der Veysel Bugur das ausrichtet. Das kann nur gut sein.‘ Der war mit seinem A-Team hier. Indonesien war dabei. Türkei war dabei. Südafrika war dabei."

Der Club gehört zu Kreuzberg

Alle drei Töchter Veysels sind Deutsche Meisterinnen: Duygu, Gizem und Seden. Tochter Duygu stand bei den Weltmeisterschaften 2011 und 2014 sogar im Finale. 

Duygu Bugur (re.) kämpft im Finale der WM 2014 gegen Serap Oszelik. (imago images / Annegret Hilse)Volle Konzentration: Duygu Bugur (re.) kämpft im Finale der WM 2014 gegen Serap Oszelik. (imago images / Annegret Hilse)

Auch Meltem trainiert hier: "Wir haben hier in Kreuzberg gewohnt und das ist ja recht bekannt. Und seitdem komme ich hier nicht weg." 

Kadim trainiert bei Veysel, seit er 18 ist. Die Fabriketage ist sein zweites Zuhause. "1995 war das. Ende 1995 bin ich hergekommen. Ich habe bei Veysel angefangen, wir haben alles bei Veysel gelernt. Wir schulden ihm viel eigentlich." Veysel Bugur weiß um seine Bedeutung für den Kiez: "Ich habe es denen vorgelebt. Und die Kids und die Leistungsträger machen mir das auch nach."

Er selbst war neun, als ihn seine Eltern nach Deutschland holten.

"Das war ein heißer Kampf: Grundschule, ein Jahr Hauptschule, dann Realschule, dann Gymnasium, dann Abitur gemacht, Studium und – toi, toi, toi – an der TU habe ich meinen Elektrotechnik-Abschluss gemacht, Diplom geholt, und seitdem bin ich auch voll berufstätig."

Miteinander im Gespräch bleiben

Der SC Banzai finanziert alles selbst und nutzt keine Sportstätten des Stadtbezirks. Die Fabriketage ist gemietet und ein Gewerbemietvertrag kann jederzeit gekündigt werden. Aber wer hätte damit gerechnet, dass es jemals so weit kommt?

"Das tut natürlich auch weh, als einer der erfolgreichsten Karatevereine Deutschlands, der die Jugendlichen von der Straße holt und der den Kindern Ziele gibt. Also, als ich das das erste Mal gehört habe: Ich war baff."

Mieter und Vermieter stellten auf stur. Eine Räumungsklage wurde eingereicht. Jetzt aber – nach persönlichem Kontakt – scheint das Eis gebrochen. Auch der Vermieter hat erkannt, dass der SC Banzai kein x-beliebiges Sportstudio ist, sondern eine Kreuzberger Erfolgsgeschichte. Sogar die Verlängerung des Mietvertrages steht in Aussicht.

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