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Interview / Archiv | Beitrag vom 31.07.2015

KapitalismuskritikZurück zu den demokratischen Wurzeln

Die Soziologin Maria Mies im Gespräch mit Nana Brink

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Blockupy-Proteste gegen die EZB: Aktivisten befestigen ein Transparent mit der Aufschrift "Kapitalismus tötet" an der Fassade des Hochhauses Skyper  (Michael Braun)
Ein Transparent "Kapitalismus tötet" wird an der Fassade des Hochhauses Skyper in Frankfurt/Main angebracht (Michael Braun)

Globalisierung ohne demokratische Kontrolle und nach den Spielregeln internationaler Konzerne führt zum Krieg, meint die Soziologin Maria Mies und fordert, der neoliberalen Wirtschaftsphilosophie Einhalt zu gebieten.

"Globalisierung, Liberalisierung, Privatisierung und Konkurrenz" - das seien die Säulen der seit den 90er-Jahren herrschenden neoliberalen Wirtschaftsphilosophie, meint die Soziologin und Globalisierungsgegnerin Maria Mies. Diese "GLPK"-Politik führe zum Krieg:

"Das Kriegerische ist tatsächlich, dass unsere gesamte Wirtschaft, die Wirtschaftsphilosophie umgesetzt wurde in eine tatsächliche Kriegsrealität."

Gebremst werden könne diese Entwicklung nur, indem Politik auf ihre demokratischen Grundlagen zurückverwiesen würde:

"Wenn die Völker das täten, entweder durch Wahlen oder auch durch Aufstände, dann könnten diese Politiker diese Art von Politik nicht weiter durchsetzen."


Das Interview im Wortlaut:

Nana Brink: Wenn man die Zeitungen studiert, dann kann man den Eindruck gewinnen, Kapitalismus sei Krieg – also zumindest ist immer die Rede davon. Wir lesen dort vom Patentkrieg zwischen Apple und Samsung, ganz aktuell gerade, vom Kampf der Giganten, Porsche gegen VW, 2008/2009 war ja da auch gerne von einer Übernahmeschlacht die Rede. Firmenjäger beteiligen sich an Zerschlagung von Unternehmen, und man sieht schon, diese Zitate sind alle übrigens aus seriösen Zeitungen. Versuchen Journalisten da hier trockene Wirtschaftsnachrichten zu dramatisieren oder ist es eigentlich viel schlimmer? Ist das militaristische Vokabular nur ein Indiz für den kriegerischen Charakter unseres Systems? Darüber will ich jetzt sprechen mit der Soziologin und Globalisierungskritikerin Professor Maria Mies. Guten Morgen, Frau Mies!

Maria Mies: Guten Morgen!

Brink: Was drückt denn dieses militaristische Vokabular in den Wirtschaftsnachrichten Ihrer Meinung nach aus?

Mies: Dieses Vokabular drückt tatsächlich die aktuelle Situation aus. Die Medien spielen dabei eine entscheidende Rolle, sie verschönern und verkleiden diese ganze Realität durch bestimmte Begriffe. So wird zum Beispiel ... Der wirkliche Krieg zwischen den verschiedenen Konkurrenten, könnte man sagen, ist in der Tat ein Kriegsschauplatz. Zum Beispiel ist der Patentkrieg ein tatsächlicher Krieg, und bisher ist der Gewinner dieses Krieges der Konzern Monsanto – aber darauf will ich jetzt nicht eingehen. Die Rolle der Medien ist in der Tat, dass sie diese ganze Situation verharmlosen.

Unsere gesamte Wirtschaftsphilosophie ist in eine Kriegsrealität umgesetzt worden

Brink: Darf ich Sie zitieren, und zwar aus Ihrem letzten Buch "Krieg ohne Grenzen". Da schreiben Sie, "unter Kriegssystem verstehe ich ein System, das nicht nur in Kriegszeiten als System funktioniert, sondern auch in Friedenszeiten". Das würde ich gerne genauer verstehen. Was genau ist das Kriegerische?

Mies: Das Kriegerische ist tatsächlich, dass unsere gesamte Wirtschaft, die Wirtschaftsphilosophie umgesetzt wurde in eine tatsächliche Kriegsrealität. Sie ist gekennzeichnet durch direkte Gewalt auf der einen Seite und strukturelle Gewalt. Und ohne diese Gewalt wäre die Situation, in der wir heute sind, nicht entstanden. Eine solche Herrschaft ist auch nur aufrechtzuerhalten, wenn es sowohl politische, ökonomische und tatsächliche, wirkliche Gewalt gibt, und zwar global.

Brink: Was meinen Sie denn mit direkter Gewalt?

Mies: Direkte Gewalt heißt Krieg.

Brink: Und was ist denn die indirekte Gewalt, also wie drückt sich die aus, also für uns?

Mies: Die indirekte Gewalt ist die ökonomische Gewalt und die politische Gewalt, die gilt ja nicht als Gewalt.

Brink: Nun ist ja der Kapitalismus, so wie wir ihn kennen in unserer Form, der ja auch beträchtlichen Wohlstand und Sicherheit ermöglicht, hat der für mich erst mal ja mit Krieg wenig zu tun, oder wo ist da das Problem, was Sie sehen?

Mies: Ich sehe das darin, dass bisher nicht verstanden wird, was die Grundlage dieser ganzen Politik und dieser ganzen Wirtschaftsphilosophie ist, und sie beruht letzten Endes auf dem neuen oder Neoliberalismus, der mit den 90er-Jahren aufgekommen ist. Und die Säulen dieser neuen Wirtschaftsphilosophie sind folgende: Globalisierung, Liberalisierung oder Deregulierung, Privatisierung und Konkurrenz, also die GLPK-Politik. Globalisierung heißt, weltweit hat sich diese Philosophie durchgesetzt, das können wir heute ganz klar sehen. Liberalisierung heißt, kein Staat hat mehr das Recht, mit Regulierungen einzuschreiten, also zum Beispiel mit Arbeitsgesetzen, Umweltgesetzen und so weiter. Privatisierung heißt, dass alles das, was vorher noch staatlich kontrolliert wurde, privatisiert werden kann. Und Konkurrenz, direkte Konkurrenz, das ist auch Krieg, wie wir schon gesagt haben, zwischen den sogenannten Players, die da weltweit agieren, und dass das nicht gebremst werden kann, durch keinen Staat.

Die Profiteure sind die Konzerne

Brink: Wie sollte das denn Ihrer Meinung nach gebremst werden oder wer kann es denn?

Mies: Es könnte gebremst werden, dass zuerst einmal diese ganze GLP-Politik zurückgewiesen würde und dass die Politik vor allen Dingen zurechtgewiesen würde auf ihren demokratischen Grundlagen. Wenn die Völker das täten, entweder durch Wahlen oder auch durch Aufstände, dann könnten diese Politiker diese Art von Politik nicht weiter durchsetzen. Das ist das, was ich fordere heutzutage. Wir können das nicht mehr hinnehmen, dass die Politik diese GLP-Philosophie weltweit durchsetzt und davon Profite für die Konzerne schafft, denn die sind die Profiteure dieser Politik.

Brink: Aber es ist doch ganz erstaunlich, Frau Mies, dass es in Deutschland darüber gar kein Bewusstsein gibt, das heißt, die Menschen eigentlich ganz zufrieden sind mit dem System und auch mit dem Wohlstand, das sie davon haben.

Mies: Ja, natürlich, Deutschland ist bisher in Europa der größte Profiteur dieser Politik, das heißt vor allem die europäischen Konzerne, sie verdienen daran. Und deshalb, das Wachstum Deutschlands ist das größte Wachstum oder das höchste Wachstum in Europa. Und das ist auch der Grund, warum Deutschland jetzt bei den Verhandlungen über Griechenland so auftritt.

Brink: Die Globalisierungskritikerin Professor Maria Mies. Danke, Frau Mies, für das Gespräch und Ihre Einschätzung!

Mies: Ja!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema:

Maria Mies: Der Kampf gegen die Herrschaft der Konzerne
(Deutschlandfunk, Politische Literatur (Archiv), 16.07.2001)

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