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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 13.11.2014

KapitalismuskritikDie Rückkehr des Vermögens

Über die Theorie der "Sozialen Ungleichheit" in den Wirtschaftswissenschaften

Von Veit Blümlhuber

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Das Denkmal für Karl Marx und Friedrich Engels in Berlin nahe dem Alexanderplatz (picture alliance / Wolfram Steinberg)
Haben die Auswirkungen des Kapitalismus analysiert: Karl Marx und Friedrich Engels (picture alliance / Wolfram Steinberg)

Wir leben in einer Vermögensgesellschaft, meint Thomas Piketty, Autor des umstrittenen Buches "Das Kapital im 21. Jahrhundert". Das Vermögen ist aber ungleich verteilt, schlimmer noch - die Kluft zwischen Arm und Reich wächst beständig. Liegt das am Neoliberalismus? Würde eine Besteuerung von Privatvermögen helfen?

"Er hatte nichts mehr, keinen Sou und keinen Bissen Brot; was sollte er anfangen? Ziellos irrte er auf den Heerstraßen und wusste nicht, wohin vor den Unbilden des Wetters flüchten? Ja, es war ein Bergwerk, die wenigen Laternen beleuchteten das Pflaster des Vorhofes; eine plötzlich geöffnete Tür gestattete ihm, die Feuerung der Dampferzeuger in hellem Lichte zu sehen. Er erklärte sich jetzt alles, selbst die Dampfausströmung der Pumpe, dieses laute, lange, unablässige Atmen, das gleichsam der verschleimte Atem des Ungeheuers war." (Emile Zola)

Mit Germinal veröffentlicht Emile Zola 1885 einen Roman über die Hölle der französischen Minenarbeiter im Kapitalismus des 19. Jahrhunderts. Kinderarbeit ist an der Tagesordnung, die Arbeiter schuften für einen Hungerlohn.

"'Ich heiße Etienne Lantier und bin Maschinist. Gibt es hier keine Arbeit?'
Die Flammen beleuchteten ihn; er mochte einundzwanzig Jahre zählen, war sehr braun, ein hübscher Mann von kräftigem Aussehen trotz seiner kleinen Gestalt. (...)
Der Alte konnte nicht sogleich antworten. Ein heftiger Hustenanfall drohte ihn zu ersticken. Endlich spie er aus, und sein Speichel bildete einen schwarzen Fleck am roten Erdboden. (...)
'Arbeit für einen Maschinisten? Nein, nein ... Gestern waren auch zwei da. Es gibt keine Arbeit. (...) Ein rechtes Elend ist ins Land eingezogen; man entlässt die Leute, die Werkstätten werden geschlossen, eine nach der anderen ...'" (Emile Zola)

Im Europa des 19. Jahrhunderts ist die Industrialisierung in vollem Gange. Die Bevölkerung wächst und spült Scharen von mittellosen Arbeitern in die Kohlebergwerke und Fabriken. Deren Aufbau erfordert hohe Investitionen. Das Geld hierfür bekommen Unternehmer an den Börsen von potenten Kapitalgebern. In Europas Städten wird kräftig gebaut, Banken schütten Dividenden von über zehn Prozent aus. 1873 ist allerdings Schluss damit. In Wien platzt eine Immobilienblase, es folgen Berlin, Paris. Nach Jahren des Wachstums kühlt die Weltwirtschaft ab. Bis 1897 wechseln sich Depression und Aufschwung ab. Arbeiterbewegungen formieren sich, Streiks brechen aus.

Vermögensaufbau wird wieder wichtig

Emile Zolas Roman spielt in dieser Zeit. Er dokumentiert die Arbeitsbedingungen und Lebensverhältnisse der französischen Minenarbeiter. Zola besucht Zechen in Nordfrankreich, fährt Untertage, spricht mit Bergleuten. Die Zustände, die er vorfindet, sind schockierend. Unfälle sind an der Tagesordnung, die Unterkünfte erbärmlich. Für das Proletariat bedeuten die Renditeforderungen der Kapitalgeber 15-Stunden-Tage, Sechs-Tage-Wochen, keinen Urlaub. Die Produktionsgewinne sind höchst ungleich verteilt: Kapitalgeber bekommen einen deutlich höheren Anteil als die Arbeitnehmer. Ihren Höchststand erreicht die Kluft zwischen Arm und Reich, Besitzenden und Besitzlosen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Eine Realität, der wir uns heute wieder annähern meint Thomas Piketty, Ökonom an der Paris School of Economics:

"Ich beobachte in den letzten Jahrzehnten eine Rückkehr zu dem, was ich 'Vermögensgesellschaft' nenne – also einer Gesellschaft, in der die bereits angehäuften Vermögen wieder so bedeutend werden, wie sie es seit der Jahrhundertwende nicht mehr waren."

Der Weg zu Thomas Pikettys Büro führt an Bauzäunen und Baggern vorbei. Noch letztes Jahr stand hier die Bibliothek der Paris School of Economics. Sie wurde vorübergehend in den Keller eines 50er-Jahre-Baus verfrachtet, der nächstes Jahr auch abgerissen wird. Im zweiten Stock darüber befindet sich Pikettys Büro, acht Quadratmeter klein. Die Tür steht offen, Piketty sitzt zurückgelehnt vor seinem Schreibtisch, weißes Hemd, ohne Krawatte, die Füße auf dem Tisch und tippt er auf seinem Smartphone herum. Bis zur Decke reichen die mit Büchern vollgestopften Regale. Piketty schwingt sich aus seinem Stuhl. Eine Stunde habe er Zeit, aber Punkt 15 Uhr müsse er zu einer Konferenz. Davon gibt er momentan viele, denn sein Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert" ist in Frankreich und den USA ein Bestseller. Über zehn Jahre hat er daran gearbeitet. Seit Oktober ist es in deutscher Sprache erhältlich.

Das Thema beschäftigt ihn aber schon viel länger: Mit 22 Jahren verteidigt er seine Doktorarbeit mit dem Titel "Essais sur la théorie de la redistribution des richesses - Essay über die Theorie der Vermögensumverteilung". Trotz Medienhype und unzähliger Interviews seit Veröffentlichung seines Hauptwerks schwingt in seiner Stimme immer noch Begeisterung mit.

Piketty: "Für die Nachkriegsgenerationen, die Babyboomer, gab es nicht viel zu erben, sie mussten sich alles selbst erarbeiten. In den Wirtschaftswunder-Zeiten schafften sie es aber dank rasch steigender Löhne trotzdem, Vermögen anzuhäufen. In den Generationen ab den 70er-, 80er-Jahren dagegen können nur noch die Spitzenverdiener Eigentum erwerben. Deshalb gewinnt das Erbe eine Bedeutung zurück, die es über lange Zeit nicht mehr gehabt hatte. Diese Rückkehr zu einer Vermögensgesellschaft ist eine beobachtbare Realität."

Aber was ist eigentlich Vermögen? Grundsätzlich betrachtet ist Vermögen die Frucht menschlicher Arbeit. Es entsteht durch Umwandlung natürlicher Rohstoffe mit Hilfe von Arbeitsinstrumenten. Das Endprodukt ist der Lohn erbrachter Arbeit. Wird dieser angehäuft, spricht man von Vermögen. Besitzt beispielsweise ein Bauer die natürlichen Rohstoffe wie Ackerboden und Saatgut oder Arbeitsmittel wie Sense oder Dreschschlegel, gehört ihm das Getreide allein. Sollte der Bauer aber nicht Besitzer der Rohstoffe oder Arbeitsmittel sein, muss er sich diese leihen. Dafür muss er einen Teil des Endprodukts, also der Ware, abgeben.

Arbeiter ist von seinem Produkt entfremdet

Im kapitalistischen Produktionsprozess ist der Arbeitende gänzlich vom Produkt seine Arbeit getrennt. Dieses beansprucht der Besitzer der Rohstoffe und Arbeitsmittel: der Kapitalist. Er investiert sein Geld in Rohstoffe, Arbeitsmittel und Arbeitskraft mit dem Ziel, so viel Gewinn wie möglich zu erwirtschaften, so viel Vermögen wie möglich anzuhäufen. Der arbeitende Mensch verkauft seine Arbeitskraft an den Kapitalisten, die je nach Angebot und Nachfrage billig oder teuer ist. Der Mensch wird zu Ware, zu einer Kostenvariable im Produktionsprozess.

"Die kapitalistische Produktion, (...) geht äußerst sparsam um mit der verwirklichten, in Waren vergegenständlichten Arbeit. Dagegen ist sie, weit mehr als jede andere Produktionsweise, eine Vergeuderin von Menschen, von lebendiger Arbeit, eine Vergeuderin nicht nur von Fleisch und Blut, sondern auch von Nerven und Hirn." (Karl Marx)

Schreibt Karl Marx im dritten posthum erschienen Band seines Hauptwerks "Das Kapital". Manch einer bekommt aber für seine Nerven und Hirn durchaus gutes Geld: die Spitzenverdiener. Piketty betrachtet die Entwicklung der Einkommenspyramide und stellt für die USA fest, dass die oberen zehn Prozent heute rund 50 Prozent des Nationaleinkommens verdienen, genauso viel wie Anfang des 20. Jahrhunderts und rund 15 Prozent mehr als zwischen 1940 und 1970.

Piketty: "Eine mögliche Erklärung dafür wäre ein plötzlicher Anstieg des Qualifikations- und Produktionsniveaus der Top-Manager im Vergleich zur Masse der anderen Arbeitnehmer. Eine andere Erklärung, die mir plausibler scheint und besser mit den vermittelten Fakten übereinstimmt, ist die, dass diese Führungskräfte ihre Vergütung in großem Umfang selbst festlegen können - wobei sie sich manchmal hemmungslos bedienen - und dass dies häufig in keinem erkennbaren Verhältnis zu ihrer individuellen Produktivität steht. 'Die Hand, die einen Griff in die Kasse tut', zu bemühen, mag zu weit gehen - aber das Bild passt unbestreitbar besser als das der 'invisible hand' die Adam Smith einst zur Metapher des Marktes erhoben hatte."

Urmythos des Neoliberalismus: Die unsichtbare Hand

Die "unsichtbare" Hand ist der Urmythos des Neoliberalismus. Nach gängiger Lehrmeinung beschreibt sie den freien Markt als ein sich selbst regulierendes System, das für das Allgemeinwohl wirkt. Jeder kann darin nach Belieben Profit erzielen und Gewinne anhäufen, ohne es der Gesellschaft schadet. Die "unsichtbare Hand" leitet jeden Akteur des Marktes so, dass alle davon profitieren. Staatliche Regulierung und Umverteilung braucht es nicht, denn das Geld kommt automatisch per Investitionen und Konsum bei denen an, die deutlich weniger davon besitzen.

Die daraus resultierende neoliberale Agenda fordert freien Handel, freien Kapitalverkehr, Deregulierung, Privatisierung, einen schlanken Staat und ist seit Ende der siebziger Jahren Mainstream mit weitreichenden Folgen für die Gesellschaft. Dass die ideologischen Fundamente des Neoliberalismus brüchig sind, ja sogar auf Ignoranz basieren, darauf weist Noam Chomsky, US-amerikanischer Linguist und emeritierter Professor des Massachusetts Institute of Technology hin:

"Adam Smith wird verehrt, aber kaum gelesen. Der Ausdruck 'Die unsichtbare Hand' benutzt er in seinem Klassiker 'Reichtum der Nationen' ein einziges Mal. Der Begriff taucht in einer Argumentation gegen etwas auf, das heute Neoliberalismus genannt wird. Er war besorgt darüber, dass Kapitalfreizügigkeit und freier Warenimport England schaden würden, da britische Kapitalisten im Ausland investieren und aus dem Ausland Güter importieren könnten - zum Schaden der englischen Wirtschaft. Und Adam Smith argumentierte dann - und das war kein sehr gutes Argument-, dass englische Investoren lieber in England investieren würden. Eine unsichtbare Hand würde England vor der Gefahr der Kapitalfreizügigkeit und des freien Warenverkehrs schützen. Das ist das Prinzip der unsichtbaren Hand. Was hat das bitte mit dem modernen Enthusiasmus für freien Kapitalfluss oder mit US-Firmen zu tun, die in China investieren um die billigen chinesischen Arbeitskräfte auszubeuten und die Waren dann in den USA zu verkaufen? Das ist nicht Adam Smith!" (Noam Chomsky)

Pikettys umfangreiche Datenanalysen zeigen, dass das neoliberale Versprechen des "Jeder für sich und doch für Alle" nicht eingelöst wurde. Vermögen wachsen heutzutage schneller als der durchschnittliche Arbeitslohn. Im Klartext heißt das: Die Reichen werden immer reicher. Ein Eigenheim kann man als einfacher Lohnempfänger höchstens erben. Aus eigener Kraft ist dies immer seltener zu finanzieren. So konzentriert sich das Vermögen immer mehr, die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer.

Piketty: "Sämtliche Magazine der Welt, die Vermögensranglisten aufstellen - in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den USA oder sonst wo auf der Welt - sie kommen alle zum gleichen Ergebnis: die größten Vermögen wachsen drei oder vier Mal so schnell wie die Gesamtwirtschaft, das Durchschnittsvermögen und das Durchschnittseinkommen. Das habe ich nicht erfunden, das ist eine Tatsache."

Ungewohnte Schützenhilfe bekommt Piketty von Janet L. Yellen, Vorsitzende der amerikanischen Notenbank, nicht gerade bekannt für ihre marktkritische Haltung. Ende Oktober spricht sie auf einer Konferenz zum Thema ökonomische Ungleichheiten:

Janet L. Yellen: "Das Ausmaß und die stetige Zunahme von Ungleichheit in den Vereinigten Staaten bekümmern mich zutiefst. Die letzten Jahrzehnte verzeichneten den signifikantesten Zuwachs der Ungleichheit seit dem 19. Jahrhundert nach mehr als 40 Jahren schwindender Ungleichheiten seit der großen Depression. Schätzungen zufolge erreichen Vermögens- und Einkommensungleichheiten fast den höchsten Stand seit hundert Jahren und sind wahrscheinlich höher als je zuvor in der amerikanischen Geschichte." 

Pikettys Thesen fielen in den USA auf fruchtbaren Boden und lösten einen Medienhype aus. "Pikettymania" titelt das amerikanische Magazin Bloomberg Businessweek im Juni. "Das Kapital im 21. Jahrhundert" wird zum Bestseller. Ob im Supermarkt oder Bahnhof, auch in Frankreich bekommt man Pikettys Buch überall. Es wird gerade in 30 Sprachen übersetzt.

Piketty: "Die Rückkehr der Vermögensgesellschaft ist nicht erstaunlich, ich meine, wir sollten nicht wehmütig auf die 50er und 60er Jahre zurückblicken, denn damals gab es kaum etwas zu erben, weil die Kriege viel Vermögen auffraßen und zwischen 1914 und 1945 sehr wenig investiert und gespart wurde. Der Großteil des Ersparten finanzierte die Kriege. Diese Situation hatte nichts Positives."

Viele Staaten befinden sich heute in einer misslichen Lage: Sie stehen vor der Wahl, entweder radikal die Staatsausgaben zu senken, um Schulden abzubauen, was notgedrungen zu Sozialabbau und Investitionsaufschub führt - Spanien ist ein aktuelles Beispiel hierfür - oder aber weiter Schulden zu machen. In der Hoffnung, dass künftiges Wirtschaftswachstum es ihnen ermöglicht, jene Neuschulden schnell wieder abzutragen.

Piketty: "In der Vergangenheit gab es Zeiten in denen die öffentliche Verschuldung genauso hoch, wenn nicht sogar höher war als die heutige der meisten europäischen Länder, 90 -100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Zeitweise betrug die Staatsverschuldung sogar 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, wie in Großbritannien im 19. Jahrhundert oder kurzfristig in Deutschland und Frankreich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Was können wir von diesen historischen Erfahrungen lernen um zu wissen, wir damit in der Zukunft fertig werden?"

Mit kluger Steuerpolitik Schulden abbauen

Erstens: Austerität, also Sparpolitik, das kann funktionieren, dauert aber sehr sehr lange. Das beste und beunruhigendste Beispiel für die Zukunft Europas ist Großbritannien des 19. Jahrhunderts. Es brauchte fast ein Jahrhundert, um die Schulden der Napoleonischen Kriege abzubauen. Der öffentliche Schuldenstand lag 1820 bei 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, 1910 bei nur noch 20 Prozent. Großbritannien hat mehr Geld für Zinsen als für Bildung und sein Schulwesen ausgegeben. Und ich habe ein wenig Angst davor, dass wir in Europa heute das Gleiche tun. Vor allem in Südeuropa.

Ansonsten kann man Schuldenabbau durch Inflation beschleunigen. So haben Deutschland und Frankreich ihre Schulden im 20. Jahrhundert abgebaut und zwar mit einer Verbissenheit die ihresgleichen sucht. Da ist es natürlich interessant, dass eben diese beiden Länder Europa und dem Rest der Welt erklären, dass das eine sehr schlechte Idee ist. Aber nur durch Sparpolitik ohne Inflation hätten die Kriegsschulden des Zweiten Weltkrieges niemals abgebaut werden können. Ich wünsche ihnen viel Spaß dabei einen Schuldenstand von 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nur mit Hilfe von Budgetüberschüssen abzubauen. Das Problem dabei ist, dass Inflation zwar die öffentlichen Schulden abbaut, aber auch die Spareinlagen von Kleinsparern zerstört."

Aber was bleibt neben Sparpolitik und Inflation, um den hohen Schuldenberg abzubauen? Die Steuerpolitik! Und auf die hat es Piketty abgesehen:

"Man sollte die großen Privatvermögen mehr besteuern um die Einkommenssteuer zu senken und die kleinen Vermögen steuerlich zu entlasten. Die Vorschläge, die ich in meinem Buch mache, haben nicht das Ziel das Steuerniveau anzuheben, sondern es progressiver und gerechter zu gestalten."

Letztendlich präsentiert Piketty in seinem Buch die Weltformel zur Lösung all unserer Probleme: Eine globale Kapitalsteuer muss her, fordert er. Schade nur, dass er nicht mal er selbst dran glaubt:

"Die globale Kapitalsteuer ist eine Utopie. Man wird sich in nächster Zeit kaum vorstellen können, dass alle Nationen dieser Welt sich über ihre Einführung einigen, einen gemeinsamen Steuersatz für alle Vermögen der Erde vereinbaren und das Aufkommen brüderlich unter sich aufteilen. (...) Und Mangels einer Lösung dieser Art werden wir es wahrscheinlich mit den verschiedensten Formen nationaler Abschottung, zum Beispiel Protektionismen aller Art und mehr oder weniger koordinierten Kapitalverkehrskontrollen zu tun bekommen. Solche Politiken werden, da sie im Allgemeinen nicht sonderlich effizient sind, zu Enttäuschungen und wachsenden internationalen Spannungen führen."

Mazzucato: "Was Piketty gemacht hat, war radikal, revolutionär und unglaublich wichtig. Die Menschheit sollte ihm dafür danken, das Thema Ungleichheit ins Scheinwerferlicht gerückt zu haben."

Mariana Mazzucato, Wirtschaftswissenschaftlerin an der University of Sussex .

"Sein Lösungsvorschlag ist allerdings dürftig. Er fordert eine Kapitalsteuer und fügt dann hinzu 'Daraus wird sowieso nichts' . Mein Gott was soll das denn? Er hat mit der Kapitalsteuer eine tolle Lösung parat, nur um uns dann zu sagen, dass das aber alles unrealistisch ist. Das ist wie ein toller Film mit einem schrecklichen Ende."

In diesem Jahr erschien Mazzucatos Buch "Das Kapital des Staates". Darin beschäftigt sie sich mit der Rolle des Staates im heutigen Kapitalismus. Mazzucato stellt klar, dass der Staat ein aktiver Akteur des Marktgeschehens ist, der fördert und investiert. Sie demontiert damit das Bild vom Staat als passiven Verwalter - wie es die neoliberale Orthodoxie propagiert.

"Der Staat tritt oft vor dem ersten privaten Risikokapitalgeber in Szene. Aber woher bekommt er denn das Geld dafür? Woher bekommt er das Geld, um einen Innovationsprozess von Anfang bis Ende finanziell zu unterstützen? Der Staat investiert nicht nur eher als die Risikokapitalgeber, sprich die Unternehmen. Er steckt auch wahnsinnig viel Geld in Grundlagenforschung, entwickelt das Internet, das GPS-System, entwickelt neue Medikamente, forscht an neuen Molekülen. Er gibt ein Heidengeld aus. Scheiß viel Geld."

Gleichheitsversprechen wurde nicht eingelöst

Mazzucato argumentiert, dass die Rolle des Staates nicht nur unterschätzt, sondern willentlich klein geredet wird, von Lobbyisten und von privaten Risikokapitalgebern. Der Staat kann aber seine Aufgabe nur noch bedingt erfüllen, da Risiken sozialisiert, die Gewinne aber privatisiert werden. Das entzieht der Wissensgesellschaft den Nährboden für zukünftige Investition und Wirtschaftswachstum. Die Politik sollte sich darauf besinnen und dem Staat helfen, aus dem Teufelskreis der zunehmenden Staatsverschuldung auszubrechen.

Mazzucato: "Wir müssen anerkennen, dass der Staat neben den Risikokapitalgebern und den Unternehmern eine Schlüsselfigur ist. Der Staat sollte Tantiemen für Patente erhalten, die er entwickelt und finanziert hat. Die könnten in einen Fond eingezahlt werden. Aber momentan ist es so, dass der Staat öffentliche Forschung zwar finanziert, die Forschungsergebnisse aber kostenlos privaten Firmen zu Verfügung stellt, die diese dann patentieren lassen."

Piketty: "Die Staatsverschuldung hat zwar zugenommen, aber die Privatvermögen sind viel stärker gewachsen als die Staatsschulden. Das heißt, dass es niemals so viel Kapital in Europa gab wie heute."

Ob eine radikale Veränderung der Verteilungs-, Eigentums-, und Machtverhältnisse wirklich möglich ist, bleibt ungewiss. Dennoch hat Piketty – zumindest argumentativ - einen bekannten Befund neu begründet:

"Die allgemeine Lehre, die sich aus den untersuchten Daten ziehen lässt, ist die, dass die Dynamik einer auf Privateigentum beruhenden Marktwirtschaft, wenn sie sich selbst überlassen bleibt, machtvolle Divergenzkräfte freisetzt, die unsere demokratischen Gesellschaften und jene soziale Gerechtigkeit bedrohen, die zu ihren Legitimitätsgrundlagen zählt."

In diesem Sinne beginnt sich das Gleichheitsversprechen als die eigentliche große Erzählung eines als sozial propagierten Kapitalismus aufzulösen. Mit ihr ist auch die Idee sozialer Gerechtigkeit noch nicht verschwunden, aber ihre Umsetzung scheint nach drei Jahrzehnten wachsender Einkommens- und Vermögensungleichheit weiter entfernt als je zuvor.

 

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