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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.07.2015

KapitalismuskritikDer letzte Weckruf eines traurigen Gelehrten

Von Hannah Bethke

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 Starker Wind zwingt die Segler am dritten Regatta-Tag zum Nichtstun Prada Challenge for Classic Yachts - Regates Royales 2003 (dpa / ASA)
Die reichsten 20 Prozent der Bevölkerung verbrauchen 90 Prozent aller hergestellten Güter. Für die Ärmsten bleibt nur ein Prozent. (dpa / ASA)

Die soziale Ungleichheit auf diesem Planeten wächst exponentiell und es wird jeden Tag schlimmer, das ist das Ergebnis einer Analyse des britisch-polnischen Soziologen Zygmunt Bauman. Sie ist gnadenlos und beunruhigend - doch einen Ausweg bietet er nicht an.

Eine der grundlegenden Annahmen der freien Marktwirtschaft lautet, dass "das Streben nach persönlichem Profit" zugleich "die beste Methode" sei, "das Allgemeinwohl zu stärken". Die jüngsten Zahlen der weltweiten ökonomischen Entwicklung sprechen eine andere Sprache: Während die Reichen immer reicher werden, profitieren die Armen davon nicht, sondern werden stattdessen noch ärmer.

Im Jahr 2007 war die Zahl der Milliardäre in den USA 40 Mal so hoch wie noch 25 Jahre zuvor, konstatiert der britisch-polnische Soziologe Zygmunt Bauman in seinem jüngsten Buch: "Retten uns die Reichen?" Mitnichten, so lautet seine Antwort. Das Gesamtvermögen der tausend reichsten Menschen der Welt umfasst fast doppelt so viel wie das der ärmsten 2,5 Milliarden Menschen. Und: "Die reichsten 20 Prozent der Bevölkerung verbrauchen 90 Prozent aller hergestellten Güter, während die ärmsten 20 Prozent lediglich ein Prozent verbrauchen".

Konkurrenz beherrscht die Gesellschaft

Die soziale Ungleichheit auf diesem Planeten wächst exponentiell. Bauman ist sich sicher: Es wird mit jedem Tag, besonders seit der Finanzkrise 2007, "immer schlimmer". "Anlass zu tiefer Sorge" bieten ihm dabei nicht nur die ökonomische Struktur und die damit einhergehende Gefährdung der Demokratie, sondern auch die sozialpsychologischen Auswirkungen, die der Kapitalismus in seiner jetzigen Ausprägung auf die Menschen hat.

Konkurrenz beherrscht die Gesellschaft, es gibt keine Kooperation mehr. Jeder führt gegen jeden Krieg, "heftiges psychisches Leid" mit "fortwährenden Sorgen und chronischem Unglück" sind die Folgen, "Herabsetzung, Kummer, Beleidigung und Demütigung" unter den Armen, der "Verlust an Sozialprestige und Selbstachtung", eine Zurückdrängung der Liebesfähigkeit zugunsten eines kalten Narzissmus, seelenloser Konsumismus, Wut, Beschämung, Gehässigkeit und Neid – das ist das düstere Szenario, das Bauman als gesellschaftliche Kehrseite des deregulierten Kapitalismus beschreibt: "Wer versucht, diesen Wandel durch Verweis auf den uralten Spruch 'homo homini lupus est' abzutun, beleidigt die Wölfe."

So wichtig Baumans radikale Kritik auch ist, so unklar bleibt, was aus dieser Bestandsaufnahme konkret folgt. Anders als bei Thomas Piketty, dessen vielbeachtete Studie "Das Kapital" fast zeitgleich erschien und in manchen Punkten eine ähnliche argumentative Stoßrichtung aufweist, sucht man in Baumans Essay vergeblich nach konkreten Lösungen für die drängenden Probleme unserer Zeit, die er eindrücklich, aber sehr allgemein beschreibt.

"Zur Freiheit verurteilt" 

Notwendig sei eine drastische Veränderung unserer Lebensgewohnheiten – das ist sicher richtig, doch was heißt das genau? Ist eine Reform innerhalb des vorhandenen Wirtschaftssystems überhaupt möglich, oder ist dafür ein Systemwechsel unumgänglich? Und welches System könnte eine Alternative sein? Auch im Sinne einer wünschenswerten Änderung bestehender Missstände scheint hier eine radikale Ablehnung der vorhandenen Strukturen nicht förderlich zu sein.

Gäbe es nicht eine Möglichkeit, das gesellschaftlich Vorhandene produktiv zu wenden, anstatt es einseitig zu verurteilen und den Kapitalismus als das einzige Grundübel unserer Zeit zu betrachten? "Wir sind zur Freiheit verurteilt", schreibt Bauman. Es klingt wie der letzte Weckruf eines traurigen Gelehrten, den der Zustand unserer Welt zutiefst erschüttert und aus dem er kaum noch einen Ausweg sieht. Fast ist man geneigt, mit Ernst Bloch zu antworten: "Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen."

Mehr zum Thema:

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