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Weltzeit | Beitrag vom 10.09.2019

Kanadas CannabiskonzerneEine Branche im Rausch

Von Nicolas Martin

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Cannabis-Blüten werden am Fließband gestutzt. (Nicolas Martin)
Fließbandarbeit für den Rausch. (Nicolas Martin)

Seit knapp einem Jahr ist in Kanada der private Konsum von Cannabis legal. Ein expandierender Markt ist entstanden, auf dem sich mittlerweile recht große Konzerne tummeln. In der Branche herrscht Goldgräberstimmung. Der Boom hat aber auch Schattenseiten.

Ein Cannabis-Shop in Hamilton – knapp eine Autostunde von Toronto entfernt. "Hello Cannabis" wirbt außen mit einem schlichten Smiley. Innen wird in einem Vorraum erst einmal der Ausweis kontrolliert. Die Regierung hat dem Gewerbe strenge Auflagen zum Jugendschutz gemacht. Hinter der zweiten Tür dann der eigentliche Verkaufsraum: Drei Schalter gibt es hier und große Touchscreens mit Informationen zu den Produkten des Ladens.

"Wir haben hier Personal, das normalerweise mit Tablets herumläuft und den Kunden schon mal das Menu erklärt", sagt Oliver Coppolino. "Aber das kann man auch hier auf den großen Bildschirmen sehen, wo die Kunden sich das selbst anschauen können."

Coppolino ist Manager bei "Hello Cannabis". Er verkauft vorgerollte Joints, Grasblüten, aber auch Cannabis-Öle und Pillen. Diese enthalten meist CBD - ein nicht psychoaktiver Bestandteil der Pflanze. Anders als in Coffee-Shops in den Niederlanden wird in Kanadas Cannabis Läden nur eingekauft und nicht konsumiert. 400 bis 700 Menschen aller Altersstufen kommen laut Manager Coppolino täglich allein zu "Hello Cannabis".

"Ich rauche seit 50 Jahren. Das ist das erste Mal, dass es möglich ist, in ein Geschäft zu gehen und das anständige Produkt zu kaufen, das du möchtest", sagt ein Kunde. Ein anderer meint:

"Es hat die Sache viel einfacher gemacht. Aber die höheren Preise machen es schwerer für die Leute. Aber wenn man die Legalisierung unterstützen möchte, dann muss man das eben machen."

Und ein dritter sagt, er brauche das Cannabis nicht für sich selbst:

"Das ist für meinen Hund – es ist schmerzstillend – die niedrigste Dosierung THC und die höchste mit CBD – aber die sind hier meistens ausverkauft. Dann muss man zurückkommen und schauen, ob was reingekommen ist."

Auch die Börse ist verrückt nach Cannabis

Schon vor der Legalisierung galt Kanada als eines der Länder mit dem höchsten Pro-Kopf-Verbrauch von Marihuana weltweit. Das industrienahe Analysehaus "Prohibition Partners" prognostiziert für Nordamerika in fünf Jahren ein Marktvolumen von umgerechnet 40 Milliarden Euro.

"In der Branche gibt eine Goldrausch-Mentalität", sagt Mark Rendell, Wirtschaftsjournalist bei der kanadischen Tageszeitung "The Globe and the Mail".

"Die ganze Börse ist verrückt nach Cannabis. Die legale Cannabisindustrie wird vor allem von Bankern, Anwälten, ehemaligen Politikern und ehemaligen Polizisten geleitet. Das ist eine - sagen wir mal - spannende Besetzung."

Seit anderthalb Jahren beobachtet Mark Rendell die Cannabis-Industrie. Ein interessanter Markt: Immerhin hat die Legalisierung Kanada zur Grasnation Nummer 1 gemacht.

"Es passiert nicht oft, dass wir in irgendeiner Branche die Vorreiter sind", sagt er. "Aber wegen der landesweiten Legalisierung ist es bei uns nun deutlich einfacher als in anderen Ländern, Cannabis durch Banken und an der Börse finanzieren zu lassen."

Links und rechts stehen ordentlich aneinander gereiht die Cannabis Pflanzen. (Nicolas Martin)Vollautomatisierte Cannabisproduktion in Leamington. (Nicolas Martin)

Bereits vor der Legalisierung waren zahlreiche Unternehmen an die Börse gegangen. Ein riskantes Unterfangen, denn bis zum Juni 2018 war die Legalisierung nur ein Wahlversprechen von Premierminister Justin Trudeau. Für die Umsetzung des Vorhabens mussten viele politische Kräfte eingebunden werden. Und das macht sich auch in der Gesetzgebung bemerkbar. Es ist ein Kompromiss:

So entscheidet die Zentralregierung in der Hauptstadt Ottawa über die Produktionslizenzen für Unternehmen. Die Provinzregierungen legen hingegen fest, in welcher Form Cannabis verkauft werden darf.

"Wir haben ein Problem mit dem Nachschub"

Bei Hello Cannabis kostet das günstigste Gras umgerechnet 7 Euro pro Gramm. Der Preis für Öle und Tabletten liegt zwischen 30 und 80 Euro.

"Wir haben ein Problem mit dem Nachschub", sagt Oliver Coppolino. "Wir haben zwar immer was auf Lager. Aber die Top-Produkte, die jeder will, sind immer sehr schnell ausverkauft."

Das Geschäft stockt. Trotz der Legalisierung vor knapp einem Jahr konnte "Hello Cannabis" - so wie alle andere Läden in der Provinz Ontario  - erst im April eröffnen. Und die Konkurrenz ist alles andere als erdrückend. Gerade einmal 24 Cannabis-Läden gibt es in der mit 14 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Provinz Kanadas.

"Es gibt einen massiven Stau bei der Lizenzvergabe", sagt Mark Rendell. "Und die Unternehmen mit Lizenzen produzieren nicht, was sie versprochen haben. Den vielen kleinen Schwarzmarkt-Produzenten, die immer noch das meiste Gras in Kanada herstellen, ist es einfach sehr schwer gemacht worden, in das legale System zu kommen."

Nach Daten der kanadischen Statistikbehörde sind bisher nur 20 Prozent des Schwarzmarkes legal. Cannabis auf dem Schwarzmarkt ist deutlich günstiger. Das liegt auch an der staatlichen Steuer von einem kanadischen Dollar auf jedes Gramm, sagt Brad Poulos. Der Professor unterrichtet Management an der Ryerson Universität in Toronto mit dem Schwerpunkt Cannabis und hilft Start-Ups ins Geschäft zu kommen.

"Um beim Preis mitzuhalten, muss die Regierung die Steuern auf Cannabis überdenken", so Poulos. "Langfristig ergibt das schon Sinn. Wir haben ja auch Steuern auf Tabak und Alkohol – auf Alkohol sind sie sehr hoch – aber wir haben sie eingeführt, nachdem wir den Schwarzmarkt ausradiert hatten. Es vorher zu tun, ist einfach dumm."

Ein Studiengang namens Cannabis-Produktion

"Hier durch diese Tür kommen nur die Techniker und Professoren mit einem Pincode", erklärt Bill MacDonald. "Studenten kommen nicht alleine rein. Da drin wachsen die Pflanzen."

In Niagra at the Lake wird mitten auf dem Campus in einem rechtwinkligen Bau von der Größe eines Schiffscontainers Gras angebaut. Bill MacDonald leitet den Studiengang "Cannabis-Production" – der erste seiner Art in ganz Kanada. Ihr Gewächshaus nennen sie "Cannabunker" – Cannabis-Bunker. Unterstützt wird die Universität vor allem von Cannabis-Konzernen.

"Also, hier haben wir Pflanzen in unterschiedlichen Größen, und wir zeigen unterschiedliche Anbaumethoden", so MacDonald.

Der süße Duft der Pflanzen liegt schwer in der Luft. Acht Studenten inspizieren mit Lupen die Blüten der Graspflanzen. Seit einem Jahr gibt es den Master-Studiengang. In zwei Semestern sollen Studierende hier für die Cannabis-Industrie fit gemacht werden:

"Ich interessiere mich für die Cannabis-Industrie", sagt Monica. "Das ist alles sehr neu für Kanada und ich wollte einen Fuß in die Tür bekommen, während die Branche noch jung ist. Aber ich bin auch hier, weil ich forschen möchte, um dann den Menschen mit Krankheiten zu helfen."

Niagra at the lake liegt zwei Autostunden von Toronto entfernt. Wegen des milden Klimas werden in der ländlichen Region traditionell Wein und Blumen angebaut – und nun auch vermehrt Cannabis. Zum ersten Mal auch in großem Stil in Gewächshäusern:

"Traditionell wurde Cannabis immer in Dunkelräumen produziert", erklärt Bill MacDonald. "Das ist, was der Konsument gewohnt ist. Bei den Gewächshäusern ist das Licht umsonst – es ist eine andere Art anzubauen, aber billiger. Die meisten Cannabis-Produzenten mussten erst noch lernen, in Gewächshäusern zu produzieren."

"Das ist einmalig, von Anfang an dabei zu sein"

Brett Marchand hat zuerst in der kanadischen Armee gearbeitet, dann für die Nahrungsmittelindustrie. Nun baut er für den Cannabisproduzenten Aphria das nach eigenen Angaben modernste Gewächshaus Kanadas: "Die Maschinen stecken die Setzlinge in die kleinen Töpfe. Die gehen dann in diesen Raum", erklärt er. "Das Mikroklima lässt die Pflanzen dann Wurzeln treiben. Nach zwei Wochen kommen sie dann hier rüber."

Das Gewächshaus steht in Leamington, dem südlichsten Punkt Kanadas – etwa auf dem Breitengrad von Barcelona. In den Gewächshäusern der Region wuchsen bisher nur Tomaten und Gurken. Das günstige Klima nutzen nun auch die Cannabiskonzerne.

"Das ist eine komplett neue Industrie. So etwas aufzubauen, viele Menschen bekommen die Gelegenheit nicht. Aber hier, das ist einmalig, von Anfang an dabei zu sein."

Brett Marchand, Logistik-Chef in seiner Arbeitskleidung, weißer Kittel und Haube. (Nicolas Martin)Sieht noch viel Wachstumspotenzial: Brett Marchand vom Cannabis-Produzenten Aphria. (Nicolas Martin)

Marchand leitet die vierte Expansionsphase von Aphria. Umgerechnet 65 Millionen Euro sind in einen voll automatisierten Produktionsprozess geflossen. In der ersten von drei Hallen läuft gerade die Testphase. Hier stehen Cannabispflanzen, so weit das Auge reicht.

"Der Markt wächst die ganze Zeit. Wir sind da noch lange nicht am Ende", sagt Marchand. "Und wir sind nur ein Unternehmen, das von einer kleinen Produktion kommt und nun wächst. Jedes Mal, wenn wir mehr produzieren, öffnen neue Läden. In zwei Jahren haben wir kein Angebotsproblem mehr."

Im vergangenen Quartal hat Aphria zum ersten Mal Gewinn gemacht: Zehn Millionen Euro hat das Unternehmen unter dem Strich erwirtschaftet. An der Börse wird der Konzern allerdings schon mit fast zwei Milliarden Euro bewertet. Eine gewaltige Diskrepanz. Angeheizt wurde die Branche auch durch mehrere milliardenschwere Investitionen und Beteiligungen der Getränke- und Tabakindustrie. Die Anleger glauben an die Zukunft von Cannabis, meint Branchenkenner Brad Poulos:

"Man kann das nur erklären, wenn man sagt 'dotcom'. Das war auch vom Hype getrieben und nicht von Fundamentalwerten. Es war Hype, Emotion und der Gaube an massives Wachstum in der Zukunft. Aber die Cannabis-Konzerne müssen ganz schön wachsen, um diese Kurse zu rechtfertigen."

"Eine Menge zwielichtiger Gestalten"

"Sie holen sich Leute aus der Alkohol-Industrie, aus der Lebensmittel- und Pharmabranche und werden professioneller", sagt der Journalist Mark Rendell. "Aber das ist immer noch eine Art Wilder Westen. Es gibt eine Menge zwielichtiger Gestalten – und damit meine ich nicht zwielichtig im Dealer-Sinne, sondern eher Aktienhändler – Menschen, die Kapitalmärkte manipulieren. Die sind alle noch da."

Der Kampf um das große Geschäft der Zukunft treibt auch andere unschöne Blüten. So musste vor kurzem ein kanadischer Cannabis-Konzern mehrere Tonnen Cannabis wieder zurückrufen, weil es in Räumen angebaut wurde, die nicht von der Gesundheitsbehörde abgenommen waren. Und ob die Legalisierung tatsächlich dazu beiträgt, die organisierte Kriminalität zu bekämpfen und den Jugendschutz zu stärken, so wie es Premierminister Justin Trudeau versprochen hatte, lässt sich bislang noch nicht sagen: Aktuelle Daten zur Entwicklung der organisierten Kriminalität liegen nicht vor. 

Die ersten Untersuchungen seit der Legalisierung deuteten eher auf einen Anstieg der Erstkonsumenten an – auch unter Minderjährigen. Auf der anderen Seite – so das Ergebnis einer Mitte August veröffentlichten nationalen Cannabis-Umfrage - konsumieren mit insgesamt fünf Millionen Kanadier heute nicht mehr Menschen Cannabis, als im Jahr vor der Legalisierung. Also 16 Prozent der Bevölkerung.

"Die Zentralregierung redet nicht viel über Cannabis, was nahelegt, dass sie das eher nicht möchte", sagt Mark Rendell. "In der Bevölkerung wird natürlich viel diskutiert, dass die Legalisierung auch besser laufen könnte – beispielsweise was die Verdrängung des Schwarzmarkts angeht – aber unter dem Strich glauben die meisten doch, dass die Legalisierung eine gute Sache war."

Sicherlich für den Staat: In den ersten fünfeinhalb Monaten nach der Legalisierung lagen die Steuereinnahmen aus dem Cannabisverkauf bei knapp 120 Millionen Euro.

Nächster Schritt: essbare Cannabisprodukte

Und auch die großen Cannabiskonzerne sind weiterhin auf Expansionskurs. Im Oktober steht die nächste Phase an. Dann werden in Kanada auch ess- und trinkbare Cannabisprodukte freigegeben. Verfügbar sollen sie allerdings erst im Dezember sein.

"Dann wird es für die Unternehmen sehr interessant", meint Brad Poulos. "Der Otto Normalverbraucher ist ja nicht so glücklich, dass er sich jetzt nur etwas zum Rauchen kaufen kann. Aber wenn es die Möglichkeit gibt ein Stückchen Schokolade zu essen und sich etwas zu entspannen, ohne dabei etwas inhalieren zu müssen. Ich denke, das wird ein Game Changer."

Wer sich am Ende auf dem sich immer weiter differenzierenden Cannabis-Markt als Produzent durchsetzen kann, ist nicht absehbar. Schon jetzt gibt es viele Übernahmen in der Branche. Der Markt wird sich in den nächsten Jahren grundlegend ändern, glaubt Poulos.

"Cannabis wird sich ähnlich wie der Biersektor entwickeln. Es wird Craft-Cannabis von kleinen Anbauern geben, die sich aufrichtig um ihr Produkt kümmern. Daneben wird es gigantische Gewächshäuser geben, die wie verrückt Cannabis in schlechter Qualität produzieren, von dem das meiste wahrscheinlich einfach nur zu Öl verarbeitet wird."

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