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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.06.2008

Kampfansage an die "neuen Atheisten"

Alexander Kissler: "Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam", Pattloch Verlag, München 2008, 287 Seiten

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Priester, die den Kumpeljesus predigen, sind für Kissler ebenfalls ein Gräuel.  (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)
Priester, die den Kumpeljesus predigen, sind für Kissler ebenfalls ein Gräuel. (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)

In seiner Streitschrift setzt sich der Kulturjournalist Alexander Kissler mit dogmatischen Vertretern des "neuen Atheismus" wie Richard Dawkins auseinander. Er entspinnt in seinem Buch "Der aufgeklärte Gott" eine pointierte Kollisionsgeschichte von Glaube und Vernunft.

»Nur der Glaube kann die Vernunft zu sich selbst befreien«, lautet der erste Satz des knapp 300-seitigen Buches mit dem Titel »Der aufgeklärte Gott«. Kisslers These klingt provokant und mag zunächst irritieren. Alsbald aber entpuppt sie sich als Kampfansage an die sogenannten »neuen Atheisten«, allen voran Richard Dawkins.

Dawkins brandmarkt in seinem Bestseller »Der Gotteswahn« Glauben als Gehirnwäsche und fordert den radikalen Gebrauch der Vernunft in allen Lebenslagen. Gemeinsam mit 21 Naturwissenschaftlern hat der Oxforder Evolutionsbiologe die »Erklärung zur Verteidigung des Klonens« unterzeichnet. Die plädiert für freie Forschung, in Kisslers Augen: für »eine schrankenlose Forschung ohne ethische Leitlinien.«

Wer nämlich nur am Machbaren interessiert ist und dem Motto folgt »Gelobt sei, was funktioniert«, verliert Prinzipien wie die Menschenwürde aus dem Blick. Dann, so Kisslers Überzeugung, wird die Vernunft »auf dem Altar des Ichs geopfert«, verkümmert die säkulare Vernunft zur instrumentellen Vernunft.

Frei nach Kant formuliert Kissler: »Vernunft ohne Glaube ist gewissenlos, Glaube ohne Vernunft ist blind.« Beide sind entgegen landläufigem Vorurteil keine konkurrierenden Sinnsysteme. Beide sind aufeinander angewiesen. Der Untertitel des Bandes »Wie die Religion zur Vernunft kam« deutet dies zumindest an.

Woher kommen, wohin gehen wir? Was ist der Mensch, was Leben? Diesen Fragen widmen sich seit jeher Theologie und Philosophie. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts jedoch, so Kisslers Beobachtung, treten Naturwissenschaften und Biotechnologie als vermeintlich sinnstiftende Instanzen auf. Sie besetzen das Feld, das Theologie und Kirche längst haben räumen müssen.

Damit geht eine doppelte Anmaßung einher: Eine spezielle Form von Wissenschaft, die nur das Experiment als Instanz der Wahrheitsfindung akzeptiert, schwingt sich auf zum Richter über den Wahrheitsgehalt religiöser Einsichten. Zudem wird alle nicht-experimentelle Forschung, werden Theologie und Philosophie als unwissenschaftlich denunziert.

Die Auseinandersetzung mit Dawkins und anderen dogmatisch auftretenden Vertretern des neuen Atheismus durchzieht die knapp 270 Textseiten von Kisslers Aufklärungs- und Streitschrift wie ein roter Faden. Um diesen herum entspinnt der Kulturjournalist eine pointierte Kollisionsgeschichte von Glaube und Vernunft.

Kisslers Rückblick beginnt mit Moses auf dem Berg Sinai, wo dank der Andersartigkeit und Unverfügbarkeit des Göttlichen »der entscheidende aufklärerische Akt ... durch Jahwe in die Welt kam«. Er führt über frühchristliche Auseinandersetzungen mit Celsus, einem frommen Heiden und »Vater aller Glaubenskritik«, über Luther und Zwingli, Lessing und Goethe hin zu »unheiligen Patronen« der Gegenwart wie etwa Karlheinz Deschner, dem Verfasser der »Kriminalgeschichte des Christentums«.

Kissler schreibt ebenso flott wie engagiert und scharfzüngig, was zur Auseinandersetzung reizt. Er legt ein gut lesbares, blitzgescheites Buch vor, in dem er nach beiden Seiten austeilt. Priester, die als diffus religiöse Glaubensboten daherkommen und den Kumpeljesus predigen, sind in seinen Augen ebenso ein Gräuel wie etwa Paul Schulz, der im Fernsehen als »Pastor und bekennender Atheist« auftritt.

Derlei Pakte mit der Welt, so Kissler, bezahlt der Glaube »mit seiner kompletten Ununterscheidbarkeit, seinem Willen zur Selbstauslöschung«. Zugleich verliert die säkulare Vernunft ihr Korrektiv, kann schalten und walten, wie sie will, und läuft Gefahr, totalitär zu werden. Daher, so Kisslers finale These, »gibt es keine Alternative zu einer neuen Allianz von Vernunft und Glaube«.

Rezensiert von Thomas Kroll

Alexander Kissler: Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam
Pattloch Verlag: München 2008
287 Seiten, 16,95 Euro.

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