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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.04.2006

Kampf ums Überleben

Marion Knaths über ihr Leben mit der Diagnose Krebs

Rezensiert von Kim Kindermann

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Morbus Hodgkin - Lymphdrüsenkrebs - im letzten Stadium. So lautet die niederschmetternde Diagnose, nachdem ihr Hausarzt sie wegen auffälliger Blutwerte zum Lungenfacharzt überweist. Es ist das Frühjahr 1994, Marion Knaths ist 25 Jahre jung. Sie ist voller Zukunftspläne und steht mitten im Leben. Sie ist beruflich erfolgreich, lebt in einer WG und geht gerne tanzen. Und das soll jetzt alles vorbei sein?

Nein! Zwei Dingen sagt sich die junge Frau: 1. Ich sitze in der Scheiße! 2. Ich will überleben! Zwar weiß sie, dass mit dieser Diagnose nichts mehr sein wird wie es war, aber aufgeben will Marion Knaths nicht. Und so nimmt sie trotz der schlechten Prognose den Kampf ums Überleben auf. Es ist ein harter, dreckiger und furchteinflössender Kampf. Ein Kampf, der sie an die Grenzen der Belastbarkeit bringt und der sie am Ende doch stärker macht. Heute schreibt Marion Knaths: "Die Jahre nach der Krankheit waren die bisher schönsten meines Lebens, und selbst wenn ich morgen erfahre, dass der Krebs zurückgekommen ist, würde ich nicht daran zweifeln, dass sich mein Kampf damals gelohnt hat."

Und weil sich alles gelohnt hat, hat sie genau zehn Jahre nach ihrer Krebsdiagnose, dem laut Rückfallstatistik gefährlichsten Jahr ihr Buch "Vom Krebs gebissen" geschrieben. Doch wer jetzt Betroffenheitsliteratur erwartet, der wird enttäuscht. Auch Ratschläge für den besten Weg in der Krebsbehandlung finden sich nicht auf den 144 Seiten dieses kleinen, mitreißenden Buches. "Vom Krebs gebissen" ist mehr: Es ist der frech geschriebene, eindrucksvolle und schonungslos offene Bericht über den Überlebenskampf gegen Krebs in einem anonymisierten Medizinbetrieb.

In diesem Buch begegnet man guten und schlechten Ärzten, man erlebt, wie deutsche Genauigkeit und Bürokratie das Gesundheitssystem lähmen, man liest von den bitteren Ängsten, von körperlichen Veränderungen genauso wie vom Absturz des Selbstbewusstseins. Aber man liest auch von den kleinen Fluchten aus diesem Alptraum, die helfen, nicht verrückt zu werden. Die Mut machen. Mut, den man braucht. Als Patient wie als Leser. Denn Marion Knaths nimmt uns mit in die Hölle der Krebstherapie, der sie letztendlich aber ihr Leben verdankt. Sie zeigt, Intensivmedizin hat nichts mit den Krankenhaus-Rührfilmen zu tun, die allabendlich den Zuschauer berieseln. Tot krank sein, heißt: man muss um sein Leben kämpfen. Nichts anderes. Und genau davon erzählt Marion Knaths. In den schwersten Stunden liegt sie ohne Abwehrkräfte, ohne Haare, mit offenen Schleimhäuten am ganzen Körper und schwarzer Desinfektionspaste auf den Zähnen in einem sterilen Raum, während das Zellgift in ihren Körper tropft. Innerhalb weniger Tage wird sie durch die Hochdosis-Chemotherapie selbst eine Gefahr: Sie ist hochtoxisch. Menschen nähern sich ihr nur in Schutzkleidung. Jede Berührung von Haut zu Haut ist verboten. Die Therapie zerstört alles. Das sind schreckliche Grenzerfahrungen.

Später wird Marion Knaths schreien, weinen und wimmern, als die Knochenmarkspende in ihren Körper fließt. Sie muss erleben, durch welch medizinisch kühle Brille Wissenschaftler diesen Vorgang beobachten und sie damit zum Versuchskaninchen degradieren. "An meiner Würde hat man nicht nur getastet - man hat in sie hineingegriffen, an ihr gezerrt und gerissen." Trotzdem: Marion Knaths überlebt. Seelisch wie körperlich. Und genau das macht ihr Buch so lesenswert. Denn dieser eigenwillige und sehr persönliche Bericht macht trotz all seiner Härte Mut. Er zeigt, kämpfen lohnt sich. Marion Knaths zeigt an ihrem Beispiel, dass es richtig ist, Ärzten nicht immer blindlings zu folgen, dass es schlau ist, seinen eigenen Willen nicht komplett abzugeben, sondern kritisch die eigene Behandlung zu begleiten.

So hat die Autorin immer die Krankenhausakte gelesen, sie hat Arztbriefe geöffnet und sich in Bibliotheken schlau gemacht. Ihr Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, als Patient/in würdevoll aufzutreten. Wann immer es ihre körperlichen Kräfte zugelassen haben, hat sie sich auch im Krankenhaus schön angezogen. Sie hat die Jogginghose in den Schrank verbannt und sich geschminkt. Sie ist ausgegangen, hat Freunde getroffen oder hat sich aus der Klinik gestohlen, um heimlich tanzen zu gehen. Und sie hat sich auch die kleinen Freunden und Genüsse nicht nehmen lassen: Wann immer sie konnte, hat sie ihre geliebte Zigarette geraucht. Trotz Verbot. Trotz Warnung. Vielleicht hat Marion Knaths einfach Glück gehabt, dass sich diese Eigenwilligkeit nicht gerächt hat, wer weiß? Trotzdem ist ihr Buch ein Glücksfall. Für Patienten, für Angehörige und für alle, die glauben, die Hoffnung verloren zu haben. Prädikat: Besonders lesenwert!

Marion Knaths: "Vom Krebs gebissen"
Hoffmann und Campe
144 Seiten, Paperback, 12,95 EUR

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