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Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.07.2012

Kampf um Macht

Andrea Breth inszeniert Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" bei den Salzburger Festspielen

Von Hartmut Krug

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August Diehl und Peter Simonischek im "Prinz Friedrich von Homburg" (picture alliance / dpa / Barbara Gindl)
August Diehl und Peter Simonischek im "Prinz Friedrich von Homburg" (picture alliance / dpa / Barbara Gindl)

Bei ihrer Inszenierung des Kleist-Dramas "Der Prinz von Homburg" setzt Regisseurin Andrea Breth auf ein hochkarätiges Ensemble um August Diehl und Peter Simonischek. Das Stück wird als ein zeitloses Gedankentheater gegeben - die Frauen und Männer agieren allein in der Zeit des Theaters.

Zu Beginn träumt der Prinz von Homburg nicht wie bei Kleist in einem "Garten im altfranzösischen Stil" vor einem Schloss. Bei Andrea Breth sitzt er vor einer zerschossenen, stockdunklen Waldlandschaft, durch die sich die Hofgesellschaft ihren Weg zu ihm mit Lichtern sucht.

Und August Diehls Prinz träumt nicht einfach, sondern er scheint wie in Trance. Denn dieser Prinz von Homburg ist nicht zwischen Gefühl und Vernunft zerrissen, sondern völlig von seinen Gefühlen beherrscht. Das führt dazu, dass Diehl den Prinzen mit übersteigert expressiver Gestik, Mimik und Sprechweise durch das Stück toben lässt.

Andrea Breth (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)Breth hat in ihren letzten Inszenierungen gezeigt, dass sie eine Portion Humor und Sinnlichkeit hat. (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)Freut sich der Prinz, so springt er jubelnd in die Höhe, ist er entsetzt, wirft er sich tobend auf den Boden. Insgesamt schwankt Diehls Spielweise zwischen Virtuosität und unfreiwilliger Komik. Vor allem aber ist sie, so wie Andrea Breths gesamte, zweieinhalbstündige und pausenlose Inszenierung, von absichtsvoller Eindeutigkeit. Kleists Stück wird weder historisiert noch aktualisiert, sondern als zeitloses Gedankentheater gegeben. Auch wenn die Frauen wie in alten Zeiten bodenlange schwarze Kleider und die Männer schwarze Uniformröcke tragen, ist die Zeit, in der sie agieren, allein die des Theaters.

Martin Zehetgrubers Bühne teilt die Sphären des Stückes in die des Krieges, für die der zerstörte Wald steht, und in die des Hofes. Klinisch weiß und zeitlos ist die höfische Szenerie mit ihren von unten beleuchteten weißen Bodenplatten und deren Umgrenzung durch milchige Schiebewände. Hier werden die Figuren zu ordentlichen Stehtableaus arrangiert. Die meisten Figuren sind vor allem dramaturgische Funktionsträger und Theaterkunstfiguren.

Wenn Elisabeth Orths Gräfin nachdenkt, geht sie die üblichen langen Theaterschritte hin und her über die Bühne, und ihre wenigen Sätze spricht sie in die bedeutungsvolle Leblosigkeit. Ganz anders Peter Simonischek. Er gibt den Kurfürsten als sinnliche Figur mit individuellem Profil. Andrea Breth führt uns nicht wie andere Inszenierungen des Stückes in den letzten Jahren, ob von Kriegenburg oder Petras, die Abrichtung des Prinzen zum funktionierenden Offizier vor, um zu zeigen, wie Ingeborg Bachmann sagte, dass es unmöglich sei, "Offizier und Mensch zugleich zu sein".

Sie zeigt den Konflikt zwischen Prinz und Kurfürst als einen Kampf um die Macht. Gleich die Traumszene macht dem Kurfürsten deutlich, dass hier jemand hochfahrende Pläne hegt. Nicht umsonst wehrt er den Träumenden ab, indem er ihn dreimal "ins Nichts" zurückschickt. Wie nun Simonischek den Machttaktiker gibt, wie er selbst eine Ankleideszene als Machtdemonstration inszeniert und der Prinzessin, von Pauline Knof mit sensibler Einfachheit gespielt, mit einem langen Kuss seine Herrschaft über die Menschen, also auch sie, demonstriert, das ist beeindruckend lebendiges Theaterspiel.

Während die vielen Offiziere eher wie konventionelle szenische Verfügungsmasse wirken. Wie immer sticht auch diesmal der alte Obrist Kottwitz hervor aus der Männerschar, - Hans-Michael Rehberg gibt ihm eine knorrige Lebendigkeit. Es ist eine bei aller handwerklichen Qualität doch merkwürdig spannungs- und leblose Inszenierung, deren didaktische Erklärungsweise nichts offen lässt.

Am Schluss, als dem Prinzen seine Rettung offenbart wird, lässt Andrea Breth den vor lauter Emotionen hyperventilierenden nicht nur in Ohnmacht fallen, sondern an der Überdosis von Gefühlen verscheiden. Die Offiziere flüstern "Zur Schlacht", und der Kurfürst sagt ganz allein "In Staub mit allen Feinden Brandenburgs." Wer bis dahin nicht begriffen hat, dass Krieg nichts Gutes ist, für den schickt die Regisseurin ein schwer bandagiertes Kriegsopfer hinein in die Schlussszene.

Doch dem einhelligen Applaus des Publikums vermag ich mich nicht anzuschließen.

Weitere Informationen:
Salzburger Festspiele

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