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Religionen / Archiv | Beitrag vom 06.10.2012

Kampf um die Deutungshoheit

Die Liturgiereform 50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanum

Von Brigitte Lehnhoff

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Eine Sitzung in Anwesenheit von Papst Johannes XXIII. im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils 1962. (picture alliance / dpa)
Eine Sitzung in Anwesenheit von Papst Johannes XXIII. im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils 1962. (picture alliance / dpa)

Kardinäle, Bischöfe, Generalobere und Äbte aus aller Welt haben von 1962 bis 1965 darüber beraten, wie die katholische Kirche sich in der modernen Welt positionieren soll. Ziel der Reform war, Ordnung und Ablauf der Messe zeitgemäß zu erneuern. 50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil zieht es Menschen wieder in die Tridentinische Messe nach altem römischem Ritus.

Hannover, Basilika St. Clemens. Der Volksmund nennt die Kirche wegen ihres venezianischen Barockstils auch Petersdom des Nordens. Unter seiner hohen Kuppel versammeln sich jede Woche 50 bis 60 Gläubige zur Tridentinischen Messe. An diesem Sonntag sind es einige mehr, weil ein neuer Pater eingeführt wird. Feierlich zieht er zur Orgelmusik in die Kirche ein, geleitet von zwei Priestern und fünf Messdienern.

Der Pater ist entsandt von der Petrus-Bruderschaft. Diese wurde 1988 von ehemaligen Piusbrüdern gegründet. Sie wollten nicht mehr mittragen, dass der erzkonservative Kardinal Lefebvre, der Kopf der umstrittenen Piusbruderschaft, ohne die Zustimmung Roms Priester geweiht hatte. Die Petrusbrüder erkennen zwar im Gegensatz zu den Piusbrüdern das Zweite Vatikanische Konzil an. Sie pflegen aber wie die Piusbrüder die sogenannte alte Messe, die vor dem Konzil gültig war. In dieser Messe steht der Priester im Mittelpunkt, zelebriert wird in lateinischer Sprache.

"Ich finde die überlieferte Form der römischen Liturgie eine sehr gesammelte, dichte, andächtige Form, Gott zu loben zu preisen, zur Ruhe zu kommen. Ich besuche auch die andere Form der heiligen Messe, das ist friedlich nebeneinander, aber hier schätze ich besonders die Ruhe, die Andacht, der Opfercharakter kommt sehr stark zum Vorschein und das mag ich sehr."

Messen nach der neuen Liturgie hätten manchmal eher Happeningcharakter, meint der eigens aus Göttingen angereiste 53-Jährige. Zu viele moderne Lieder und Gebete führten weg vom eigentlich Wichtigen.

"Benedikt XVI. machte es vor im Petersdom in seiner Liturgie, die sehr schön ist, sehr feierlich, er hat sehr schön Gewänder, sehr schöne Gesänge."

Sagt ein junger Mann Mitte 20. Und allen, die meinen, junge Menschen mit einer modernen Messe beglücken zu müssen, schreibt er dies ins Stammbuch:

"Ich stehe da und ich sage, das gefällt mir alles nicht, ihr seid alle von vorgestern, okay, ich bin der moderne und ich mag es schön."

In der alten Messe komme stärker zum Ausdruck, dass Gott im Mittelpunkt steht, findet diese junge Frau Anfang 30:

"Dadurch, dass auch die Gebetsrichtung nach vorne ist, dass man also nicht sozusagen sich gegenseitig anschaut, sondern wir schauen wirklich alle gemeinsam auf Gott hin und mich spricht das eben ganz besonders an, also auch, dass das Geheimnis etwas mehr stehen bleibt, weil eben doch auch die Gesten und die Symbole doch noch viel stärker da Ausdruck finden."

Pater Gerstle: "Wir sehen immer wieder, dass es besonders Leute sind, die ihren Glauben sehr ernst nehmen, die sich besonders zu dieser Liturgie gezogen fühlen."

Pater Bernhard Gerstle hat die kleine Gemeinde ein Jahr lang von Gelsenkirchen aus betreut:

"Benedikt XVI. sagt selbst, dass wir eine Reform der Reform brauchen. Das heißt, dass diese neue Liturgie einer Korrektur bedarf."

Das ist nun keineswegs einhellige Meinung in der katholischen Kirche. Vielmehr spiegeln sich im Umgang mit der Liturgiereform jene Machtkämpfe, die schon das Zweite Vatikanische Konzil bestimmten. Papst Benedikt XVI. hat 2007 neben der neuen Liturgie nun auch die alte wieder allgemein erlaubt, als sogenannten außerordentlichen römischen Ritus. Das deuten Kritiker als Zugeständnis an die Piusbrüder und andere konservative katholische Kreise.

Pater Gerstle: "Es geht nicht darum, sich der Welt anzupassen, sondern die Welt mit Gott zu verbinden. Papst Benedikt XVI. spricht von der Notwendigkeit der Entweltlichung. In Freiburg bei seinem Besuch hat er davon gesprochen. Auch andere Bischöfe beklagen, dass zu viel weltlicher Geist in die Kirche eingedrungen ist. Und es wäre falsch, wenn wir uns auf den Standpunkt stellen, es darf keine Veränderung geben, nur besteht schon tatsächlich die Frage, ob alle Veränderungen wirklich dem Glauben gedient haben. Die leeren Kirchen sprechen eigentlich da eine andere Sprache."

Gibt es wirklich einen Zusammenhang zwischen leeren Kirchen und neuer Liturgie? Bleiben Kirchenbänke nicht auch deshalb leer, weil immer mehr Katholiken müde und enttäuscht sind? Weil sie sich verraten fühlen - zum Beispiel von mutlosen Bischöfen, die zusehen, wie Konzilsreformen nur halbherzig umgesetzt und von Rom blockiert werden?

Osnabrück, ein später Samstagnachmittag. Die Schola probt, der Chor der Gemeinde "Kleine Kirche". Ihren Namen hat sich die Gemeinde nach der Kirche im Windschatten des Doms gegeben. Hier treffen sich Woche für Woche mehr als 400 Christen aller Konfessionen, hörbar vertraut mit den Liedern des niederländischen Theologen und Dichters Huub Oosterhuis.

Die Gemeinde verortet sich fest auf dem Boden des Zweiten Vatikanischen Konzils. Die Liturgie in der Muttersprache, also auf Deutsch, soll lebendig sein und zum Mitmachen anregen. Ökumenische Offenheit ist Programm. So wird beim Austeilen der Kommunion niemand danach gefragt, welcher Konfession er angehört.

"Warum wir hier hinkommen? Das ist in erster Linie, dass der Gottesdienst von sehr viel Gesang getragen wird, dass der Gottesdienst sehr offen ist, gelebte Ökumene, wenn man so will, das ist alles hier ein Miteinander, obwohl wir einen katholischen Gottesdienst feiern, das, was uns hier eigentlich so hinzieht, das ist diese Offenheit, dieses aufgenommen werden, wir fühlen uns hier einfach zu Hause."

Sagt ein Familienvater mit zwei kleinen Kindern an der Hand.

"Ich komme hier sehr regelmäßig in den Gottesdienst, weil mich die hier ausgewählten Lieder sehr begeistern und weil ich die Stimmung über den Gesang in besonderer Weise für mich aufnehmen kann."

Wäre es nach dem Willen einiger konservativer Bischöfe gegangen, wären die Lieder von Huub Oosterhuis aus dem neuen katholischen Gesangbuch verbannt worden.

Ein Armutszeugnis, findet Schola-Sängerin Andrea Schnieder:

"Also ich find's furchtbar, kann ich ganz deutlich sagen. Ich glaube, wenn Menschen hier diesen Gottesdienst besuchen, dann haben die ein Gefühl von Nähe, was vielleicht in einem traditionellen Gottesdienst nicht stattfindet. Und das jetzt so zu verschenken, finde ich schon fahrlässig."

Noch deutlicher wird Ansgar Schönecker, Leiter der Schola:

"Ehrlich gesagt, mich interessiert das auch gar nicht mehr, wir werden hier unser Ding in Anführungsstrichen weiter durchziehen. Oosterhuis war Jesuit, bevor er die katholische Kirche mal verließ, und ist jemand, der ein richtig bedeutender Theologe auch ist und seine Theologie, einmalig im europäischen Sprachraum, seine Theologie in Gedichten wiedergibt. Und deshalb singen auch die Leute diese Lieder so gerne, weil diese Texte eben so wunderbar sind und von seinen Komponisten in Amsterdam eben fantastisch umgesetzt worden sind.

Und das ist eigentlich alles sehr katholisch von der Tradition her und deshalb es für mich völliges Unverständnis, dass diese Lieder auf den Index kommen sollten. Ich halte das eher für einen Racheakt, weil er vielleicht aus der katholischen Kirche ausgeschieden ist."

Die Liturgie ist nach dem Verständnis der Konzilsväter "Quelle und Höhepunkt des ganzen Tuns der Kirche". Wie aber aus dieser Quelle zu schöpfen ist, wird vollkommen unterschiedlich gedeutet. Die Spaltung der Kirche 50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil könnte anschaulicher nicht sein.

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