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Tonart | Beitrag vom 05.11.2020

Kampagne "Justice at Spotify"Musiker fordern Fairness vom Streaming-Riesen

Von Ina Plodroch

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Ein großes Spotify-Plakat hängt an der Fassade der New York Stock Exchange. (Picture Alliance / AP Photo / Richard Drew)
Die Macht von Spotify wächst beständig. Nur die Künstler haben nicht viel davon. (Picture Alliance / AP Photo / Richard Drew)

Der Streamingdienst Spotify gibt an, fast 30 Prozent mehr Nutzer zu haben als 2019. Die Macht des Dienstes wächst. Dagegen und gegen – aus ihrer Sicht – zu geringe Beteiligung an den Einnahmen wollen Musikerinnen und Musiker angehen.

Klagen über Spotify sind so alt wie Spotify selbst, mehr als zehn Jahre also. Viel zu wenig Geld pro Stream, finden viele Musikerinnen und Musiker. Und das findet auch der New Yorker Musiker Cody Fitzgerald: Normalerweise seien viele Musikerinnen und Musiker ständig auf Tour und hätten keine Zeit, sich zu formieren, sagt er. Aber Corona hat ihm und allen anderen Musikerinnen und Musikern mehr als genug Zeit gegeben. 

Cody Fitzgerald wäre sonst vielleicht auch gerade auf Tour mit seiner Band Stolen Jars – oder er würde an einem neuen Soundtrack schreiben, wie er das sonst macht. Vor zehn, 20 Jahren wäre solch eine Pandemie, die das komplette Live-Geschäft lahmlegt, womöglich auch gar nicht so tragisch gewesen für Musikerinnen und Musiker.

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Früher hätten Musikerinnen nicht nur mit dem Touren Geld verdient, sondern mit den Alben, die sie veröffentlicht haben. "Jetzt ist es so: Wir können nicht mehr auf Tour gehen und verdienen einfach so gut wie nichts mehr." Die Industrie müsse sich ändern, weil sie Musikerinnen und Musiker nicht unterstützt und nicht fair bezahlt, findet Fitzgerald. Deshalb hat er mit anderen Musikerinnen und Musikern die Union of Musicians and allied Workers gegründet. Eine Interessensvertretung, die sich nun an Spotify wenden will und Gerechtigkeit fordert.

"Meine Band ist nicht total riesig. Wir sind nicht U2 oder Coldplay, aber wir sind auch nicht total unbekannt. Wir haben 20.000 bis 30.000 monatliche Hörer bei Spotify." Also ganz solide für eine Indieband.

Weil es aber im Schnitt nur 0,0038 Dollar sind, die Musikerinnen und Musiker von Spotify bekommen – bestenfalls, wenn nicht das Label vorher je nach Künstlervertrag noch einen beträchtlichen Teil davon einbehält, blieben für Cody Fitzgerald am Ende "so 200, 300 Dollar alle ein, zwei Monate".

Also nur ein kleiner Zuschuss für seine 1500 Dollar Miete, die er jeden Monat in New York zahlt. Zu wenig ist das, findet er. Deshalb hat er mit seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern eine Kampagne gestartet: Sie fordern "Justice at Spotify", Gerechtigkeit bei Spotify. Und das scheint einen Nerv zu treffen, mehr als 15.000 Musikerinnen und Musiker haben schon unterzeichnet.

Ein Zwei-Klassen-System

"Wir wollen eigentlich nur fair bezahlt werden", sagt Fitzgerald. Fair heißt für sie: einen Cent pro Stream, also 0,01 Dollar. Außerdem wittern sie ein Zwei-Klassen-System: Auf der einen Seite sie, die kleinen Independentkünstlerinnen und -künstler. Auf der anderen Seite die großen Major-Labels, die hinter verschlossenen Türen lukrative Deals mit Spotify verhandeln. "Wir wollen wissen, was in deren Verträgen steht, wie Major Labels profitieren und worum es da sonst noch geht. Ob es Payola gibt, wissen wir nicht sicher, aber es gibt so etwas Ähnliches bei Spotify."

Der Begriff Payola stammt noch aus den goldenen Jahren des Popradios. Damals ließen sich Radio-DJs von Plattenfirmen bestechen: Geld gegen Airplay. Spotify beteuert zwar immer: Pay to Play, also dass Labels Spotify dafür bezahlen, weit oben in einer Playlist aufzutauchen, das gebe es nicht.

Aber Werbefunktionen, die Klickzahlen von Alben anheizen, bietet der Streamingdienst schon an: Das Label zahlt, und Nutzerinnen und Nutzern bekommen in einem Pop-up-Fenster die Info, dass ein neues Album veröffentlicht wurde. Schon eine Art Payola, findet die "Union of Musicians and allied Workers".

Statt Forderungen, etwas Neues aufbauen 

Transparenz und faire Bezahlung: Das sind zentrale Forderungen der neu gegründeten Interessenvertretung. Aber die Liste reicht noch viel weiter. Dabei ist allerdings unklar, ob alle Punkte den gewünschten Effekt bringen. Zum Beispiel das geforderte User-Centric-Bezahlmodell. Würde sich Spotify dazu verpflichten, könnten User gezielt steuern, wohin ihr Abogeld – abzüglich des Betrags, der bei Spotify bleibt – fließt: nämlich ausschließlich an die Musikerinnen und Musiker, die sie auch wirklich gehört haben.

Bisher ist es so, dass die monatliche Gebühr in einem großen Topf landet – und dann prozentual nach Streams verteilt wird. Viele Indiekünstlerinnen und –künstler sind der Meinung, dass davon vor allem die großen Stars profitieren. Andere bezweifeln, dass das User-Centric-Bezahlmodell die Situation der kleinen und mittelgroßen Acts tatsächlich verbessern würde.

Unter den Skeptikern ist auch der Medienkünstler und Musiker Mat Dryhurst. Er meint: Studien dazu zeigten nicht eindeutig, dass kleinere Bands am Ende mehr bekämen. Dryhurst findet die Initiative "Justice at Spotify" trotzdem sehr sinnvoll, weil sich 15.000 Einzelmusikerinnen und –musiker zusammentun. Aber: "Es wäre aussichtsreicher, darüber nachzudenken, etwas Neues aufzubauen, als sich auf Spotify zu konzentrieren und Dinge zu fordern, die sie nie tun werden", so Dryhurst. Und im Falle des User-Centric-Bezahlmodells auch gar nicht so ohne Weiteres entscheiden können.

Bevorzugung gegen Teil der Tantiemen

Der Streamingdienst Deezer versucht schon seit mehr als einem Jahr, dieses Bezahlmodell einzuführen. Aber es haben immer noch nicht alle Rechteinhaber, also Labels, zugestimmt, dass zukünftig mit diesem neuen Modell abgerechnet wird. Der Musiker Cody Fitzgerald verteidigt das Anliegen: "Es ist nur der erste Schritt, überhaupt erst einmal die Aufmerksamkeit zu bekommen."

Mit Spotify sprechen wollen er und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter möglichst bald. Aussichtsreich ist das Vorhaben eher nicht. Auf Anfrage kommentiert Spotify die Initiative nicht. Und gerade in dieser Woche hat der mächtige Streaming-Riese eine weitere Funktion vorgestellt, die Pay for Play noch ein Stückchen näherkommt: Künstler und Labels können dafür sorgen, dass ihre Songs vom Algorithmus bevorzugt werden. Dazu müssen sie allerdings auf einen Teil ihrer Tantiemen verzichten: einen Teil der im Schnitt 0,0038 Dollar. Sieht nicht nach einem Schritt in Richtung offene und faire Musikwelt aus.

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