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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.02.2009

Kalte Abstürze

Deutsche Uraufführungen auf dem Festival de Liège glänzen

Von Ulrich Fischer

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Szene aus Falk Richters "Die verletzte Jugend" beim Festival de Liège (Festival de Liège)
Szene aus Falk Richters "Die verletzte Jugend" beim Festival de Liège (Festival de Liège)

Das Festival de Liège will nach den Worten seines Leiters Jean-Louis Colinet ein dezidiert politisches Theater zum besten geben, das nah an der Zeit ist. Zur Aufführung kommen auch einige deutsche Uraufführungen, darunter Franz Xaver Kroetz' "Die Negerin" und Falk Richters "Die verletzte Jugend". Beiden ist die Anklage gegen soziale Kälte gemein.

Jean-Louis Colinet ist 58 Jahre alt, sieht aber jünger aus. Am liebsten trägt er eine Lederjacke, die an Bertolt Brecht erinnert. Der belgische Theatermann war lange Intendant des Theaters in Lüttich, kennt die Stadt wie seine Hosentasche, leitet jetzt das Théâtre National in Brüssel und das Festival de Liège.

Sein Konzept gibt den vier Festwochen ein klares Profil: "Wir nehmen nur Aufführungen auf, die von heute reden. Jede Inszenierung ist der scharfe Blick eines Künstlers, eines Ensembles auf die großen Probleme unserer Epoche. In diesem Sinn ist es ein betont engagiertes Festival. Es handelt sich nicht um ein militantes Festival, aber es ist ein politisches Festival."

Einen ersten Höhepunkt bildet eine Eigenproduktion, eine Uraufführung von einem Stück von Franz-Xaver Kroetz, Titel: "Negerin". Kroetz inszeniert selbst.

Die "Negerin" ist ein Stück über Verrohung. Frau Oppermann, um die vierzig, lebt in schlichtesten Verhältnissen. Sie hat sich vor einem Jahr von ihrem Mann getrennt; er habe seine Arbeit verloren, weil er trinkt, sagt sie. Die Handlung setzt ein, nachdem sie Zach, einen jungen, kräftigen Burschen, in ihre Wohnung mitgenommen hat. Als ihr Mann auftaucht, ergibt sich überraschenderweise keine Rivalität, sondern die Männer halten zusammen, gegen die Frau.

Sie bezeichnen sie als "Negerin". Der Begriff, den Kroetz als Titel nutzt, mit allen Attributen des Rassismus und ungezügelten Männlichkeitswahns versehen, ist offenbar die Rache an einer Frau, die es wagt, besser als die Männer sein zu wollen: Ordnung zu bewahren und eine Wohnung zu unterhalten, wenn die Herren der Schöpfung sich damit als überfordert erweisen.

Im Dialog ist, wie häufig im Volksstück, das Ungesagte noch wichtiger als das Ausgesprochene. Anne Tismer spielt Frau Oppermann. Ihre Aggressionen, ihre Beleidigungen verletzen, und ihr Mann zahlt es ihr heim. Kroetz betont in seiner Uraufführungsinszenierung die soziale Begründung des Abstiegs. Der Mangel ist der Grund für das mentale Elend, für die zunehmende Kälte. Armut ist kein großer Glanz von innen.

Anne Tismer zeigt die zärtliche Schmusekatze, wenn Frau Oppermann um den jungen Zach wirbt; sie verwandelt sich im nächsten Moment in eine Megäre, wenn sie ihren Mann abschrecken will. Die Aktrice hält meistens Distanz zu ihrer Figur, entlehnt ihre darstellerischen Mittel überwiegend der epischen Spielweise - und kann so dem Text häufig komische Seiten abgewinnen.

Bei Sexszenen, die bei dem Bemühen um Wahrscheinlichkeit problematisch werden könnten, übertreibt die Tismer - und schon lacht das Publikum in augenzwinkerndem Einverständnis. Jeder weiß, was gemeint ist, schauspielerisch ein Meisterinnenstück.

Kroetz gelingt Dank des ausgezeichneten Ensembles eine starke Uraufführung. Als Regisseur präpariert er heraus, was er als Autor ins Zentrum rückte: Das Konzept von Fördern und Fordern geht an der Realität vorbei. Diese Menschen brauchen eine echte Chance, einfach soziale Gerechtigkeit.

Der Gestus der Uraufführung ist dennoch nicht der der Anklage, sie analysiert eher. Das Festival de Liège will Fragen an die Gegenwart stellen - genau das tut Kroetz, als Autor wie als Regisseur. "Die Negerin" gibt die Essenz seines gesellschaftskritischen Volkstheaters: realitätsgesättigt und heiter, gelassen, aber entschieden engagiert.

Falk Richter, eine Generation jünger als Kroetz, ist nicht minder kritisch. Richter untersucht in seinem Dreiakter "Die verletzte Jugend" die Erotik im Zeitalter des Neoliberalismus. Im ersten Akt steht ein Disc-Jockey im Mittelpunkt, dessen Glanzzeiten schon lange hinter ihm liegen. Er ist isoliert und völlig heruntergekommen. Als eine Freundin und ein Freund ihn nach langer Zeit wieder einmal besuchen, finden sie ihn in einer verdreckten Wohnung, die Heizung spendet keine Wärme mehr, es ist bitterkalt - eine ebenso reale wie symbolische Kälte. Kälte und Eis sind Falk Richters Lieblingsmetaphern.

Im ganzen Stück sind Sexszenen hochbedeutsam. Beim Disc-Jockey wird die Lust fast zwanghaft abgekoppelt von Liebe und Verantwortung. "Es bedeutet nichts", lautet das mehrfach wiederholte Mantra.

Im zweiten Akt erleben wir den Freund des Disc-Jockeys, einen Homosexuellen, der seinen Ex-Partner, den er beleidigt und gedemütigt hatte, bittet, ihn wieder in Gnaden aufzunehmen - peinigende Szenen. Sie werden noch übergipfelt von Annäherungsversuchen an einen Mann, der per Kontaktanzeige Begegnungen anstrebt. Die Szene ist tragisch grundiert, hat aber auch satirische Züge: der Leistungsgedanke ist in die sexuellen Kontakte eingedrungen und führt prompt zu Erektionsversagen.

Die dritte, kürzeste Szene resümiert die ersten beiden: die Freundin des Discjockeys wird mit ihrem Ehemann gezeigt; sie weckt ihn nachts, weil irgendetwas sie beunruhigt; er zeigt Liebe, Geduld und Einfühlungsvermögen. Als sie beruhigt einschläft, weckt er sie, weil er vor einer unbestimmten Angst gequält wird - und sie wendet sich ihm liebevoll zu.

Die Uraufführungsinszenierung gerät Falk Richter zu grell, zu schrill, zu laut. Aber er arbeitet doch die Angst, die alle Figuren quält, sorgfältig heraus. Sie hat ihre Ursache im Näherrücken des Todes, der Gewissheit, sterben zu müssen. Das soll der Titel ausdrücken: "Verletzte Jugend". Richter bezieht systematisch verschiedene Medien in seine Inszenierungen ein, er hat ein akustisches Mittel für das Verfließen der Zeit gewählt, eine Welle.

Das Festival präsentiert internationale Stücke: aus Afrika, Asien und Amerika, vor allem aber aus Europa: natürlich aus Belgien, aus Frankreich und Großbritannien, aus Italien, einen Schwerpunkt legt Intendant Colinet ganz klar auf deutsches Theater.

Das Festival ist nicht nur ästhetisch reizvoll, es weist auch kulturpolitisch die Richtung. Jean-Louis Colinet, ein frankophoner Theatermann aus Belgien, baut Brücken zu uns, den deutschsprachigen Nachbarn. Der europäische Blick richtet sich aufs Globale: die Perspektive, die das Festival de Liège eröffnet, lautet Welttheater. Chapeau!

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