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Lesart / Archiv | Beitrag vom 29.01.2019

Kaltdeutsch: Kathrin Schmidt über"Russlandversteher"

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Zu sehen ist die Schriftstellerin Kathrin Schmidt. (picture alliance/dpa/Wolfgang Gebhardt)
Die Schriftstellerin Kathrin Schmidt macht sich Gedanken über das Wort "Russlandversteher". (picture alliance/dpa/Wolfgang Gebhardt)

Ein Russlandversteher ist sicher einer, der besser Russisch spricht als ich und sich des Lebens dort in einer solchen Weise vergewisserte, dass ihm Ahnung nicht abzusprechen ist.

In Russland ist es jetzt kalt. Vermutlich kälter als bei uns. Und in Russland ticken die Uhren anders: Statt des Weihnachtsmannes am Heiligabend kommt in der Silvesternacht Väterchen Frost, um die Geschenke auszuteilen.

Ein zärtlicher Name für einen alten, kalten, weißen Mann. Ich verstehe, dass sein Mantel oft blau ist statt rot. Passt doch besser zur Kälte. Eine Russlandversteherin bin ich deshalb wohl nicht. Ein Russlandversteher ist sicher einer, der besser Russisch spricht als ich und sich des Lebens dort in einer solchen Weise vergewisserte, dass ihm Ahnung nicht abzusprechen ist.

Um Russlandversteher scharen sich Interessierte, um, analog oder digital Lippenlesend, das eigene Wissen zu vergrößern, denke ich noch, da es mich hinterrücks einholt. Als Schimpfwort. Ausgerufen oder zugeschrieben von jenen, die noch weniger als ich verstehen von Russland? Warum sollten sie das Russland-Verstehen sonst geißeln als Eigenschaft, die sie weit von sich weisen?

"Kalt-Deutsch. Die Sprache der Gegenwart." Deutschlandfunk Kultur nimmt die Veränderungen in der Sprache unserer Gegenwart unter die Lupe und schreibt das Wörterbuch der Alltagssprache weiter. (Deutschlandradio/unsplash.com) (Deutschlandradio/unsplash.com)

Der Duden sagt, verstehen bedeute den Sinn von etwas zu erfassen, zu begreifen. Aber auch, Gesprochenes deutlich zu hören oder mit jemandem gut auszukommen, zu etwas besonders befähigt zu sein oder sich in jemandes Lage hineinversetzen zu können. Ein vieldeutiges Wort, das jedoch im Russlandverstehen zum kleinen, miesen Putinapplaus zusammenschrumpft.

Ganz unabhängig von Putin muss es doch aber möglich sein, zu denken, Fragen zu stellen. Meinetwegen auch nur der eigenen Person. Selbst jene, ob eher Annexion oder Sezession zur Inbesitznahme der Krim passen. Und sich einer Antwort darauf anzunähern durch eigene Denkarbeit, nicht unterbrochen von Putinapplaus.

Die Wahrheit kann man doch nicht pachten wie das Gärtchen zur Selbstversorgung. Die Wahrheit ist womöglich nackt, während wir unserem virtuellen Kaiser die Kleider einfach abkaufen, die bengalische oder ukrainische Näherinnen und Näher aus dem Nichts nach Deutschland zaubern. Hat nichts mit Russland zu tun? Das soll einer verstehen.

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