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Breitband | Beitrag vom 22.08.2020

Kalender-AppsDie Sache mit der Zeit

Matthias Finger

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Eine Frau entspannt sich in einer Uhr ohne Zeiger. (imago images / Ikon Images / Alice Mollon)
Einfach mal abschalten - das müsste schon bei der Uhr beginnen. Doch heutzutage gilt das als Luxus. (imago images / Ikon Images / Alice Mollon)

Ach, die Zeit: Manchmal müssen wir sie totschlagen. Langatmige Tätigkeiten bezeichnen wir gern als Zeitfresser. Unsere Alltagssprache sagt viel darüber aus, wie wir zur Zeit stehen – und die Digitalisierung hat das Problem noch verschärft.

Mist, schon wieder habe ich kein ästhetisch hochwertiges Bild auf Instagram gepostet. Auch in den anderen sozialen Netzwerken hinke ich planlos hinterher: Tiktok wollte ich ja ebenfalls meistern, bevor Donald Trump es verbietet. Keine Chance. Ich schaffe es nicht, weil meine Zeit knapp ist.

Anne-Kathrin Hoklas, Soziologin an der TU Dresden, beschreibt das Verhältnis von Menschen zu Zeit als allgegenwärtige Konflikterfahrung: "Sie ist offenbar eher unsere Gegnerin als unsere Freundin. Wir stellen uns Zeit als Bewegung auf einer Linie vor, die von der Vergangenheit über die Gegenwart in eine offene Zukunft zeigt. Die Metaphern betonen die Irreversibilität und Gerichtetheit der Zeit. Wir Individuen scheinen gegenüber ihrem unaufhaltsam erscheinenden Fluss ohnmächtig zu sein."

Der Kapitalismus der Zeit

Zeit vergeht jedoch immer gleich. Ticktack. Aber gerade weil Zeit so schwer zu fassen ist, können Metaphern helfen, um sie zu begreifen und zu veranschaulichen. Oft müssen dafür Begriffe aus dem Wirtschaftsleben herhalten: Zeit wird investiert oder landet auf dem Arbeitszeitkonto.

Das passt zu unserem digitalen Zeitalter mit seiner Aufmerksamkeitsökonomie und dem omnipräsenten "Zeitnutzungsimperativ". Aber die Grundideen für unseren heutigen Zeitdruck sind alt, wie Sprachwissenschaftlerin Bettina Bock von der Uni Jena weiß:

"Nehmen wir das Beispiel 'Zeit ist Geld': Die Grundidee findet sich durchaus schon in der Antike. Geformt und populär wurde es dann durch Benjamin Franklin. Das ist mitnichten etwas, was erst im 20. Jahrhundert populär wurde."

Es ginge auch anders

Dabei sind unsere westlichen Zeit-Metaphern nicht die einzig möglichen. Es gäbe auch Alternativen, meint Anne-Kathrin Hoklas: "In archaischen Stammesgesellschaften, in denen sich der Alltag an den Rhythmen der Natur orientierte, war dagegen eine zyklische Zeitauffassung verbreitet. Die Zeit wird hier durch kontinuierlich wiederkehrende Ereignisse wie die Ernte oder das Weiden der Kühe bestimmt und nicht umgekehrt. So einer Denkweise würde eher eine Metapher wie 'Die Zeit ist ein Bumerang' entsprechen. Die betont, dass Zeit auch immer wieder zurückkommt."

Oft merken wir gar nicht, dass wir Metaphern gebrauchen: Sie sind einfach zu tief in unseren Sprachgebrauch eingelassen. Doch wir benötigen sie, um ein abstraktes Phänomen wie die Zeit als soziales Konstrukt begreifen: Zeitbewusstsein gilt als wichtiger Teil des menschlichen Zivilisationsprozesses.  

Digitale Kalender haben die Situation weiter verschärft

Wie wir Zeit erfahren, hat sich durch digitale Kalender in den letzten Jahren auch verändert, sie sind richtige Zeitkiller geworden. Statt für Transparenz und Effektivität zu sorgen, liefern sie uns den Kollegen aus. Ein Problem, das auch Anne-Kathrin Hoklas kennt.

"Gerade solche digitalen Kalender laden dazu ein, die Zeit anderer wie ein kollektives Gut zu behandeln, von dem sich jeder bedienen kann. Wenn nur noch die in analogen oder – immer mehr – digitalen Zusammenkünften mit anderen verbrachte Zeit als legitime Arbeitszeit gilt, werden uns die Eigenzeiten, in denen wir konzentriert und in eigenem Tempo einer Arbeitsaufgabe nachgehen können, gestohlen."

Die Helfer helfen nicht

Unsere Kalender sind Teil einer öffentlichen Sphäre geworden. Da hilft nur der Eintrag fiktiver Termine, um Zeitinseln fürs eigene Arbeiten zu schaffen. Allerdings ist ein voller Kalender auch ein Statussymbol: Wer viele Termine hat, muss wichtig sein. 

Wer die Teilnahme an Meetings ablehnt, erscheint schnell desinteressiert oder – schlimmer noch – überlastet. Also wird jedes Treffen brav mitgenommen, ständig auf Nachrichten geantwortet und neue Plattformen und Apps bedient. Digitale Überforderung macht sich breit. Statt mehr Zeit zu haben, dafür waren die vielen Helfer ja mal gedacht, haben wir immer weniger. 

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