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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 21.10.2014

KairoZwischen Müllkippe und Schule

In Ägypten gehört Kinderarbeit zur Normalität

Von Cornelia Wegerhoff

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Kinder spielen im Erdgeschoss ihres Hauses, wo Müll zum Sortieren abgelegt wird.
Kairo: Kinder spielen im Erdgeschoss ihres Hauses, wo Müll zum Sortieren abgelegt wird.

Über drei Jahre nach der Absetzung von Machthaber Hosni Mubarak leiden in Ägypten auch die Kinder unter den Folgen des Umbruchs und der wirtschaftlichen Stagnation. Einige müssen Müll sortieren, um ihre Eltern zu unterstützen.

Der Hausmeister läutet zur letzten Stunde. Der kleine Pausenhof der El-Salaam-Schule in Kairo leert sich.  Durch das enge Treppenhaus im Grundschul-Trakt steigen auch die Erstklässler ein letztes Mal an diesem Tag zu ihrem Klassenzimmer. Es ist viertel nach eins. Viele Kinder sind verschwitzt, vom Toben draußen in der Mittagssonne. Einer der Jungs stopft sich noch schnell das rosa Schulhemd zurück in die blaue Uniform-Hose. Die Mädchen ziehen die Haargummis an ihren Zöpfen stramm. Dann begrüßen die Kinder die Arabisch-Lehrerin.

"Ihr seid tüchtig!"

... lobt Miss Tilmissa die Kinder. Sie weiß, dass der Tag für die Kleinen lang ist. Auch der Grundschul-Unterricht dauert hier von halb acht bis zwei.

Dicht aneinander gedrängt sitzen die knapp 30 Jungen und Mädchen in dem schmalen Raum in alten, blank gescheuerten Bänken. An den Wänden hängen unterdessen ganz neue, bunte Plakate, mit deren Hilfe Miss Tilmissa arabische Wörter wiederholt:

"Heute sind wir glücklich, denn heute scheint ...?"
"... die Sonne, richtig. Und wir sind glücklich, weil die Vögelchen ...?"
"... zwitschern, genau. Und wenn unsere Freunde fröhlich sind, dann sind auch wir ...?"
"Mabsutin. Glücklich!"
"Und wenn wir die grünen Bäume sehen, dann sind wir ebenfalls ...?"
"Mabsutin."
"In unserem Land Ägypten haben wir also ganz viele schöne Sachen und sie alle machen uns ...?"
"Mabsutin!"

"Mabsutin" – glücklich, froh... Fast scheint es, als wolle die Lehrerin diesen Zustand bei ihren Schützlingen regelrecht heraufbeschwören. Überall an Ägyptens Schulen werden solche Frage-Antwort-Spiele eingeübt, wird Heimatliebe auswendig gelernt. Doch hier wirkt die Szene für einen Fremden besonders absurd.

"Der Gestank ist widerlich"

Aus dem dritten Stock fällt der Blick durch die Fenster nämlich nicht auf eine glückliche Welt, sondern auf die unverputzten Ziegelbauten von Moytamadeia. Ein illegal hochgezogenes Viertel, das am Stadtrand von Kairo liegt und am Rand der ägyptischen Gesellschaft. Denn die Menschen hier, auch die Kinder, leben im Müll.

"Zabbala" , so heißt "Abfall" auf Arabisch. "Zabbalin", "Müllmenschen", so nennen die Ägypter Leute wie die aus Moytamadeia. Keine 200 Meter von der Schule entfernt türmen Männer Unrat aus ganz Kairo zu einem haushohen Berg auf, einer von vielen Hundert Müllsammelplätzen der Zabbalin gleich zwischen ihren Wohnhäusern. Fliegen umschwirren sie. Der Gestank ist widerlich.

"Das Zabbalin-System sieht halt so aus, dass morgens die Abfälle gesammelt werden. Das macht oft der Vater, der seine Runde fährt mit seinem kleinen Vehikel, und dann werden die Abfälle hierher gebracht , ins Gehöft gekippt und dann wird per Hand sortiert, also Plastikabfälle, Plastikflaschen, Papier, Metalle, alle Fraktionen, die es halt so gibt. Und da helfen die Kinder mit."

Sebastian Drabinski ist eine Art Sozialarbeiter in Moytamadeia. Im Auftrag der deutsch-sprachigen, katholischen St.Markus-Gemeinde in Kairo betreut der 32-Jährige, der aus Gelnhausen bei Frankfurt stammt, verschiedene Hilfsprojekte. So hat er zum Beispiel einen Freizeitclub eingerichtet, damit die Kinder aus dem Müllviertel einen sauberen Platz zum Spielen haben. Fast alle ägyptischen Müllsammler sind koptische Christen, so Sebastian Drabinski. Allein hier im Viertel wohnen rund 20.000 Menschen, die vom Müllsammeln und dem Recycling der Wertstoffe leben. Aber die müssen erst mühsam aus dem Abfall herausgesucht werden.

"Man sieht wirklich Großfamilien, Mutter mit ihren fünf Kindern , im Alter von zwei bis 15, im Müll sitzen und den Tag da verbringen. Die müssen ganz normal mitarbeiten. Also Schutzkleidung gibt es eigentlich gar nicht, weder Handschuh, noch fließendes Wasser. Sie sitzen in ihren normalen Kleidern da, teilweise barfuß. Generell im Viertel sind sämtliche Raten, Kindersterblichkeitsrate, Verletzungsrate, Infektionen, etc. höher als in anderen Vierteln."

150 Euro Schulgeld zahlen Marinas Eltern pro Jahr

Die Schule ist aus. Per Megaphon gibt ein Lehrer die Reihenfolge durch, in der die 430 Kinder ihre Klassen verlassen dürfen. In den engen Treppenhäusern soll es kein Gedränge geben. Bevor sie sich zu Fuß auf den Heimweg machen, nehmen sich einige Kinder noch Zeit für ein Gespräch.

"Ich wohne ganz in der Nähe von hier. Ich hab nur eine Viertelstunde zu laufen. Das ist praktisch. Die Kinder hier kommen alle aus der Nachbarschaft."

... erzählt Marcellino, 11 Jahre alt.

"Ja, das ist das Beste, dass die Schule in der Nähe ist. Und sie ist schön, ich mag sie."

... sagt Marina. Sie ist schon 14, aber ein bisschen zurückhaltend. Trotzdem zeigt sie nach einer Weile stolz die Schulbücher in ihrem Rucksack, berichtet, dass sie auch Englisch und Französisch lernt. Umgerechnet gut 150 Euro Schulgeld zahlen ihre Eltern pro Jahr für den Besuch der privaten El-Salaam-Schule, die zu einer kirchlichen Kooperative gehört. Sie ist die einzige in Moytamadeia. Der ägyptische Staat hat hier keine Schulen gebaut. Das illegal entstandene Elendsviertel existiert ja offiziell gar nicht.

In Kairo wird die Müllentsorgung von rund 70.000 Müllsammlern gemanagt: Eines der größten Viertel, in denen sie leben, ist Manshiet Nasr, wo die meistenteils koptischen Müllsammler direkt in ihren Häusern auch ihrer Arbeit nachgehen. (picture alliance / dpa /  Matthias Tödt)Eine Straßenszene im monoton-grauen Müllsammlerviertel Manshiet Nasr in Kairo. (picture alliance / dpa / Matthias Tödt)

Die Kinder wissen, dass ein Schulabschluss hier für sie eine Chance ist. Eine Chance, die aber - wie an so vielen Orten in Ägypten - nicht jeder bekommt, erklärt Dimiana, Marinas Freundin:

"Ja, es kann sein, dass es manchen Familien zu teuer ist. Ich kenn welche, wo das so ist. Die Eltern haben auch viel Arbeit und brauchen Hilfe."

"Es gibt Sachen, wofür die Eltern kein Geld haben und dann sind sie dazu gezwungen, dass die Kinder mitarbeiten. Aber das ist falsch. Das Wichtigste ist, dass Kinder etwas lernen. Ich arbeite bei meinem Vater in den Ferien. Anstatt dass ich zu Hause sitze und nichts mache, gehe ich ihm helfen. Aber nach den Ferien sagt Papa immer: Geh zur Schule und lern. Und beide, Mama und Papa, unterstützen mich dabei, dass alles gut klappt. Sie wollen nicht, dass aus mir das Gleiche wird wie aus ihnen."

"Meine Hände tun weh vom Abfall sortieren"

Nach dem Beruf ihrer Eltern gefragt, sagen Marcellino und die anderen Kinder aber nicht "Müllmann". Sie sagen, dass ihr Vater "Ingenieur" sei oder "Angestellter" oder "im Tourismus" arbeite. Miss Evelyne weiß es besser, aber die Lehrerin mischt sich nicht ein. Erst als die Schüler weggegangen sind, klärt sie auf:

"In sämtlichen Klassen, in denen ich unterrichte, gibt es nur ein, zwei Kinder, deren Familien nicht beruflich mit dem Müll zu tun haben. Aber selbst die wohnen hier, weil es hier billiger ist als anderswo. Die Kinder genieren sich dafür. Aber hier in der Schule sind alle gleich, und wir geben den Kindern niemals Gefühl, dass sie weniger wert sind als die Leute draußen. Ehrlich gesagt: Wir reden gar nicht groß über diese Dinge, um die Kinder nicht zu verletzten."

Der Alltag ihrer Schüler sei schließlich schon hart genug, meint die Lehrerin.

"Ich habe Kinder, sogar Mädchen, in der 8. und 9. Klasse, die haben sogar eine kleine Müllkippe, für die sie ganz allein zuständig sind. Und manchmal kommen die dann am nächsten Tag zur Schule und sagen: Ich hatte keine Zeit, Hausaufgaben zu machen. Oder: Meine Hände tun weh vom Abfall sortieren. Natürlich kann man sie dann nicht bestrafen oder so. Sie leisten ja harte Arbeit."

Kinderarbeit, Kinderarmut – in Ägypten Normalität, bestätigt Dr. Vivian Fouad vom Nationalen Bevölkerungsrat, einem staatlichen Gremium:

"Unsere Gesellschaft liebt Kinder wirklich sehr. Aber leider ist unsere politische und wirtschaftliche Situation nicht so gut, dass wir allen Kindern gerecht werden, ihnen die beste Zukunft und die beste Gegenwart geben können. Gestern bekam ich die Ergebnisse einer neuen Studie von UNICEF. Darin heißt es , dass 30 Prozent der ägyptischen Kinder unterhalb der Armutsgrenze leben. Aber gleichzeitig wird 20 Prozent der Arbeitskraft in Ägypten von Kindern geleistet. Das zeigt, dass unsere Wirtschaft immer noch sehr primitiv ist, denn wir sind von Kinderarbeit abhängig. Qua Gesetz ist Kinderarbeit verboten, aber es werden eben nicht alle Dinge durch Gesetze geregelt."

Ein grundsätzliches Problem im Krisenland Ägypten: Gesetzeslage und Realität klaffen weit auseinander. Auch in anderen Bereichen. Während die islamistischen Muslimbrüder an der Macht waren, nahm in den Slums und auf dem Land auch die Genitalverstümmelung von Mädchen wieder drastisch zu. Obwohl sie gesetzlich verboten ist. Kinder der Unterschicht werden körperlich gezüchtigt, zum Betteln geschickt statt zur Schule, die Pflicht ist. Sie sind schlecht ernährt, medizinisch unterversorgt.

Deutsche Schule der Borromäerinnen

Eine andere Schulglocke, ein anderer ägyptischer Pausenhof: Gleich in der Nähe des Tahrir-Platzes in der Kairoer Innenstadt befindet sich die Deutsche Schule der Borromäerinnen. Hier werden seit 110 Jahren mehrheitlich ägyptische Mädchen nach deutschen Lehrplänen unterrichtet werden. Die nächste U-Bahn-Station ist nur ein paar Minuten entfernt, doch keine der über 600 Schülerinnen kommt mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder gar zu Fuß.

"Wir gehen nicht in der Straße so viel. Wir fahren immer mit Autos, mit dem Fahrer oder mit den Eltern. Besonders Mädchen gehen nicht so gemütlich in der Straße wie in irgendeinem Land. Aber nicht alleine. Alleine ist es gefährlich."

... erklärt Nardine aus der neunten Klasse. Auch ihr Alltag ist geprägt durch die Probleme Ägyptens. Seit dem Volksaufstand gegen Langzeitpräsident Hosni Mubarak 2011 hat die Straßenkriminalität deutlich zugenommen. Und sexuelle Belästigung ist in Ägypten schon seit langem ein Problem. Zum Unterricht kommt Nardine mit dem Schulbus, genau wie ihre Klassenkameradin Natalie"

"Es dauert ungefähr zwei Stunden von der Schule, denn ich lebe in Heliopolis, das ist sehr weit Babelouq, von der Schule. Und wir stecken sehr viel im Stau. – Es ist schrecklich. Die Zeitverschwendung ist sehr groß."

"Man verliert den halben Tag. Und dann hab ich noch was zu lernen, was zu machen, hab ich keine Freizeit mehr."

"Da fährt der neue BMW neben dem Eselskarren"

Nardine ist bei den Pfadfindern. Sie spielt Querflöte und zeichnet gern. Natalie spielt Tennis, ist im Schwimmverein, nimmt sogar an Wettkämpfen teil. Auch diese beiden ägyptischen Mädchen sind typische Kinder Kairos... Wohlstandskinder. Ihre Eltern zahlen bereitwillig mehr als das Zehnfache an Schulgeld, das an der El-Salaam-Schule üblich ist. Und damit gehören sie noch lange nicht zur ägyptischen Elite, die ihre Kinder für horrende Summen an britische und amerikanische Schulen schicken. Den Großteil ihrer Freizeit verbringen die Kinder der Besserverdienenden in geschlossenen Sportclubs. Aus berechtigter Sorge um ihren Nachwuchs halten die Eltern ihre Jungen und Mädchen möglichst fern vom ägyptischen Alltag. Das bestätigt auch Walter Ritter, der Leiter der Deutschen Schule der Borromäerinnen. Schon seit 16 Jahren lebt er in Kairo.

"Unsere Mädchen sind absolut eingegrenzt in ihren Bewegungsmöglichkeiten. Die kennen den Club. Die kennen die Schule, aber letztlich sind die nie auf der Straße unterwegs. Man könnte fast sagen, unsere Eltern und die Kinder leben in einer Parallelwelt zu den vielen Millionen in Kairo, die tatsächlich arm sind. Das ist das besondere für mich in Ägypten. Das ist ein Land der Extreme. Da fährt der neue BMW neben dem Eselskarren."

Extreme, die privilegierte Mädchen wie Natalie und Nardine aber durchaus wahrnehmen.

"Auch wenn man das nicht sehen will. Man wird es sehen, es ist überall in der Straße. Und es tut mir wirklich sehr leid. Kinder, die arbeiten, harte Arbeit, körperliche. Also wenn z.B. ein Hochhaus gebaut wird, manchmal sind Kinder da, um Steine zu heben. Auch viele Kinder beim Müll... Das ist auch illegal, aber es passiert. Aber bei uns gibt es sehr viele arme Leute und sie brauchen eine Quelle, wo sie ihr Geld verdienen können. Und man kann nichts dagegen tun. Du kannst keinem, der hungrig ist, sagen, du darfst das nicht tun."

Und wie stellen sich Natalie und Nardine ihre Zukunft vor? Schließlich haben sie alle Möglichkeiten... Auch die Möglichkeit, Ägypten, das Land der Extreme zu verlassen.

"Nardine: Studieren schon, aber mein ganzes Leben verlassen, meine Familie, meine Freunde?.
Natalie: Warum nicht? Vielleicht können auch meine Eltern mitkommen, denn in Ägypten ist jetzt sehr schwer, eine gute Zukunft zu haben, denn in Ägypten wird viel dauern, bis sich alles verändern wird."

"Ich bin stolz, im Müllviertel zu arbeiten"

Zurück in die schmutzigen Gassen von Moytamadeia. Auch die Kindern der "Zabbalin", der "Müllmenschen", schmieden Zukunftspläne:

"Ich will Ärztin werden, weil ich dann den Kranken helfen kann. Irgendwo..."

... wünscht sich Mersa. Und auch Marcellino hat einen Traum. Aber der Elfjährige denkt immer auch an seine Eltern.

"Ich will Flugzeug-Ingenieur werden. Da muss man natürlich sehr viel lernen und fleißig sein. Die Schule bildet die Grundlage und Gott wird mir beistehen... Mein Ziel ist es, Ingenieur zu werden. Aber auch, dass ich meinem Vater und meiner Mutter helfen kann."

"Hier an dieser Schule können wir das Leben der Menschen verändern. Viele junge Leute, die bei uns waren, sind jetzt tatsächlich Ingenieure und Ärzte. Ich bin stolz, im Müllviertel zu arbeiten."

... sagt Mudi Saleh, der Direktor der El-Salaam-Schule in Moytamadeia. Doch er lächelt nur kurz. Er fühlt sich vom ägyptischen Staat bitter im Stich gelassen. Längst hätte er doppelt so vielen Kindern einen Schulplatz anbieten können, würden die Aufsichtsbehörden endlich den Neubau der Schule freigeben, so Mudi Saleh aufgebracht.

"Ich habe in den vergangenen drei Monaten immer wieder versucht, die Genehmigung zu bekommen. Was mein Recht ist, denn wir haben alle Auflagen erfüllt. Aber jeder weist auf die höhere Instanz hin. Ich kritisiere deshalb meine Regierung und ich kritisiere unseren ägyptischen Staat im Allgemeinen, denn diese Trägheit, diese unkooperative Mentalität der Verantwortlichen hindert uns daran, den Menschen hier zu helfen. Das "Morgen", von dem sie reden, und das die Zukunft unserer Kinder sichert, kommt bei denen nie."

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