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Zeitfragen | Beitrag vom 22.07.2020

Kärnten und seine slowenische MinderheitDas Misstrauen bleibt

Von Stefan May

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Demonstration von Slowenen in der Wiener Kärntner Straße gegen Diskriminierungen der slowenischen Minderheit in Kärnten 1972. (picture-alliance / IMAGNO / Barbara Pflaum)
Mit drastischen Parolen demonstrieren Angehörige der slowenischen Minderheit 1972 in Wien dagegen, dass man ihnen volle Minderheitenrechte verwehrt. (picture-alliance / IMAGNO / Barbara Pflaum)

Ein Nationalitätenkonflikt mitten in Europa: Jahrzehntelang wurden der slowenischen Minderheit in Kärnten die vollen Minderheitenrechte vorenthalten. Erst seit Kurzem stehen die Zeichen auf Versöhnung, doch die alten Wunden bleiben.

Ein Begräbnis auf dem Friedhof von Bad Eisenkappel, auf Slowenisch: Zelezna Kapla. Die zweisprachige Gemeinde mit ihren gut 2000 Einwohnern ist Österreichs südlichster Ort. Hinter ihr steigen die Karawanken mächtig empor. Auf der anderen Seite des Gebirgszugs liegt Slowenien.

Friedhöfe sind verschlüsselte Geschichtsbücher. Der von Eisenkappel erzählt vor allem von Krieg und Leid. An gleich drei Stellen gedenkt man der gewaltsam ums Leben Gekommenen: Hier der getöteten Abwehrkämpfer, die nach dem Ersten Weltkrieg die neue Grenze nach Süden verteidigten, sowie der nach dem Zweiten Weltkrieg durch Titos Truppen nach Jugoslawien verschleppten Ortsbewohner. Fast gegenüber wird an die gefallen Partisanen erinnert, die im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazi-Herrschaft kämpften. Und weiter drüben an die gefallenen Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Grenzland.

"Hier treffen sich die romanische, die slawische und die germanische Kultur. Die reiben sich, und das kann man ja auch über die Jahrhunderte in der Geschichte immer wieder betrachten. Es ist wahrscheinlich kein Konflikt ausgelassen worden, der in diesem Raum auch ausgetragen worden ist", sagt der Verleger Lojze Wieser aus Klagenfurt.

"Daraus könnte man aber für die Zukunft vielleicht die Lehre ziehen, dass so ein Mikrokosmos die Voraussetzung bietet, an ihm zu studieren, was man verhindern könnte, um friedliche Lösungsmodelle zu finden."

Grabmal für gefallene Partisanen aus grauem Stein. (Stefan May)Auf dem Friedhof von Bad Eisenkappel/ Zelezna Kapla wird den Gefallenen unterschiedlicher Konfliktparteien gedacht. (Stefan May)
Als Wieser in den 1980er-Jahren begann, Bücher herauszubringen, gab es in Österreich noch kein einziges slowenisches Buch in deutscher Übersetzung. Dabei leben im Süden Österreichs nicht nur deutschsprachige Kärntner. Seit Jahrhunderten ist hier die Volksgruppe der Slowenen daheim. Im 19. Jahrhundert waren es noch etwa 100.000, heute sind es vermutlich nur mehr 10.000. Tendenz abnehmend aufgrund jahrzehntelanger Unterdrückung.

1920 entschied eine Volksabstimmung über die Zugehörigkeit

Nach dem Ersten Weltkrieg zerbrach die Vielvölkermonarchie Österreich-Ungarn. Rasch begannen sich die Nachfolgestaaten zu organisieren. Der Staat der Serben, Kroaten und Slowenen, kurz der SHS-Staat, das spätere Jugoslawien, erhob Anspruch auf das slowenisch besiedelte Südkärnten und marschierte mit seiner Armee ein. Österreich verteidigte das Territorium gleichfalls mit bewaffneten Kräften, den sogenannten Abwehrkämpfern. Männer, die noch ein Jahr zuvor Seite an Seite für das Habsburgerreich gestritten hatten, standen sich nun als Feinde gegenüber.

Die Siegermächte des Ersten Weltkriegs wurden auf den Konflikt aufmerksam und setzten eine Volksabstimmung an. Am 10. Oktober 1920 stimmten 60 Prozent der Kärntner für den Verbleib in Österreich, also auch ein erheblicher Teil der slowenischen Volksgruppe. Ihr waren zuvor Erhalt und Förderung der slowenischen Kultur und Sprache versprochen worden, sollte sie für Österreich votieren, erzählt der Kärntner Historiker Hellwig Valentin.

"Allerdings ist es nur bei den Worten geblieben. Tatsächlich war es dann kurz nach der Volksabstimmung so, dass die so genannten nationalen Slowenen, also die Slowenen, die für Jugoslawien votiert hatten, kein leichtes Leben gehabt haben. Tausende Slowenen sind ausgewandert, die Slowenen haben ihre intellektuelle Schicht verloren. Vor allem Priester und Lehrer sind nach Jugoslawien abgewandert, zu einem sehr beträchtlichen Teil. Und es wurde den verbliebenen national gesinnten Slowenen unterstellt, sie würden nach Jugoslawien schielen, eine Irredenta hier aufbauen."

Gezeichnete Propagandapostkarte von 1920, auf der Menschen in Tracht zu sehen, die aufgereiht neben einer Wahlurne stehen. (picture alliance / IMAGNO / Archiv Natter)Mit Postkarten wurde 1920 zur Volksabstimmung Propaganda gemacht. (picture alliance / IMAGNO / Archiv Natter)

Wenn es um die Geschichte der vergangenen 100 Jahre in Kärnten geht, wird oft von Verletzungen, von Verwundungen der Seele gesprochen. Von gegenseitigem Misstrauen und Verbitterung. Nach der Volksabstimmung sahen sich die Slowenisch-Kärntner auf jeden Fall starkem Assimilierungsdruck ausgesetzt. "Kärntner spricht deutsch", hieß es oft bis in die jüngste Vergangenheit. Und mit dem Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland wurden die Repressalien noch schlimmer. Heinrich Himmler gab die Parole aus: "Macht dieses Land deutsch".

1943 wurde begonnen, die slowenische Bevölkerung auszusiedeln, um Platz zu schaffen für Südtiroler, die Italien verlassen hatten. Mehr als 1000 Kärntner Slowenen wurden von ihren Höfen vertrieben. Doch viele von ihnen widersetzten sich der Deportation. Sie "gingen in den Wald", wie es in Kärnten heute noch heißt. Was bedeutete, sich den Partisanen anzuschließen.

Karel Prusnik-Gasper war einer von ihnen. In seinem Erinnerungsbuch "Gämsen auf der Lawine" beschreibt er die entbehrungsreichen Jahre in Erdbunkern des unwegsamen Gebirges, die gnadenlosen Gefechte mit SS und Polizei sowie die Rache- und Folteraktionen der Nazis gegen slowenische Zivilisten, die auf ihren schwer zugänglichen Höfen geblieben und zwischen die Fronten geraten waren. Diese Kärntner Partisanen unterstanden den jugoslawischen Partisanen unter Marschall Tito. So mancher wurde in dieser Zeit zum Kommunisten, wie auch der Kämpfer Karel Prusnik-Gasper. Begeistert schreibt er von Ausschusskomitees und politischen Vorträgen im zerklüfteten Fels. Doch für ein freies Kärnten kämpfte er nicht.

"Am Nordufer, an der Annabrücke, flatterte die slowenische Fahne. Der Blick rührte mich: weiß-blau-rot mit dem fünfzackigen Stern. Als der Wagen über die Brücke holperte, hatten wir feuchte Augen."

Slowenische Partisanen für ein freies Österreich

Die meisten Kärntner Partisanen kämpften jedoch für ein freies Österreich. Und sie waren tief gläubig, wie Valentin Inzko, Vorsitzender des Rats der Kärntner Slowenen, versichert.

"Wann immer es ging, sind die Widerstandskämpfer zur Kommunion gegangen, im Wald. Die waren katholisch. Und man muss da schon unterscheiden zwischen den Widerstandskämpfern und den Partisanen in Kärnten, die eine makellose Geschichte hatten, und den Partisanen-Kommunisten in Slowenien, Jugoslawien. Die wollten halt die Macht ergreifen."

Doch Machtgier und Brutalität der Tito-Truppen wurde wohl zum Verhängnis der Freiheitskämpfer in Kärnten: Sie wurden mit den Kommunisten in einen Topf geworfen und nachher jahrzehntelang von ihren Landsleuten als Banditen und Kommunisten beschimpft. Dabei ist den meisten Österreichern bis heute nicht bewusst, was sie den Kärntner Partisanen verdanken.

"Dass dieser Partisanenkrieg in Kärnten der einzige organisierte und bewaffnete Widerstand gegen das nationalsozialistische Gewaltregime auf dem Boden des heutigen Österreich gewesen ist", sagt der Historiker Valentin.

"Und das war nach dem Krieg schon wichtig, denn schon 1943 haben die Alliierten ja in der Moskauer Deklaration festgelegt: Es wird ein neues freies Österreich entstehen, aber unter der Bedingung, dass Österreich einen eigenen Beitrag zur Abschüttelung der nationalsozialistischen Herrschaft leistet. Und von österreichischer Seite konnte man dann bei den Staatsvertragsverhandlungen darauf hinweisen."

Kärntner Urangst vor dem südlichen Nachbarn

Mit diesem Staatsvertrag erlangte Österreich 1955 seine Freiheit und Souveränität zurück. Für die Kärntner eine große Erleichterung, denn gleich nach Kriegsende waren Titos Truppen aus Jugoslawien in Kärnten einmarschiert und hatten Anspruch auf Südkärnten erhoben – so wie schon nach dem Ersten Weltkrieg. Diese zweimalige Besetzung hat das ausgelöst, was in Kärnten bis heute als sogenannte Urangst bezeichnet wird: die ständige Furcht vor dem südlichen Nachbarn.

Das ist wohl auch ein Grund dafür, warum die im Staatsvertrag den österreichischen Minderheiten zugesicherten Rechte gerade für die Slowenen nicht eingehalten wurden. Vor allem, was die zweisprachigen Ortstafeln betrifft. Man wollte damals keine neuen Begehrlichkeiten in Jugoslawien wecken. Ganz anders im Burgenland: Die dort lebenden Minderheiten, die Ungarn und Kroaten, erhielten problemlos ihre Rechte, erinnert sich Manfred Sauer, der evangelische Superintendent von Kärnten. Er stammt aus dem Burgenland.

"Ich glaube, dass sehr wohl die Geschichte des Abwehrkampfes hier ganz wesentlich ist. Das hatten die Burgenländer in der Form nicht. Es war da überhaupt nie ein Thema, dass es da zweisprachige Ortstafeln gibt, auch jetzt ungarisch-deutsch, kroatisch-deutsch. Das war im Burgenland nie ein Konfliktthema."

Nicht so in Kärnten. Die Deutschkärntner schmerzte zudem die offene Wunde verschleppter Zivilisten durch Tito-Truppen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Mehr als 200 Menschen waren nach Jugoslawien gebracht und viele dort ohne Gerichtsverfahren exekutiert worden.

Im Herzen protestantisch

Vielleicht hat es aber mit den wechselseitigen Verletzungen schon weit früher begonnen. Im Zuge der Reformation war Kärnten im 16. Jahrhundert fast zur Gänze protestantisch geworden. In der massiven Gegenreformation durch die Habsburger ein Jahrhundert später kehrten zwar die meisten wieder zur katholischen Kirche zurück, doch blieben sie seither in innerer Distanz zu ihr. Superintendent Sauer sieht darin eine der Ursachen, warum die Nationalsozialisten in den 1930er-Jahren so besonders leichtes Spiel mit den Kärntnern hatten.

"Aus der Sicht der Evangelischen und des Kärntner Protestantismus, dass der Anschluss an Hitler-Deutschland für viele die Hoffnung beinhaltet hat, dass damit eine Rückkehr ins Mutterland der Reformation möglich ist und die Evangelischen eine Aufwertung erfahren."

Und bei den national denkenden Deutsch-Kärntnern fielen die Ideen des Nationalsozialismus ohnedies auf fruchtbaren Boden. Nach dem Krieg dann haben sich als erste deutsch- und slowenisch-sprachige Katholiken ausgesöhnt, anlässlich der Diözesansynode 1972. Die Haltung der Kärntner Kirchen in Minderheitenfragen wird heute allgemein als vorbildlich gelobt. Der neue Bischof, bis vor kurzem noch Chef der Caritas, ist Kärntner Slowene. Auf seinem Anrufbeantworter meldet er sich zweisprachig.

Wie die Kirche wollte auch die Politik den schwelenden Volksgruppenkonflikt beenden. 1972 ließ Bundeskanzler Bruno Kreisky 205 zweisprachige Ortstafeln in Südkärnten aufstellen. Umgehend kochte der Volkszorn über. Deutsch-Kärntner beschmierten die Tafeln in nächtlichen Aktionen und rissen sie aus, während Polizei und Gendarmerie zusahen, ohne einzugreifen.

Polizisten in langen Mänteln bilden eine Kette, um Demonstranten zurückzudrängen. (picture alliance / IMAGNO / Votava)Gegen die von der Regierung geplanten zweisprachigen Ortsschilder liefen 1972 viele Kärntner Sturm. (picture alliance / IMAGNO / Votava)

Diese zweisprachigen Ortstafeln erinnerten offenbar viele Deutsch-Kärntner an ihre Traumata aus dem vergangenen Jahrhundert: die zweimalige Besetzung ihres Landes durch den südlichen Nachbarstaat. Mehr als 20 Jahre später wurde der Slowenisch-Kärntner Rechtsanwalt Rudolf Vouk überregional bekannt, weil er auf ungewöhnliche Art eine höchstgerichtliche Entscheidung im Ortstafelstreit erzwang. Nämlich, indem er mit leicht überhöhter Geschwindigkeit durch ein zweisprachiges Ortsgebiet fuhr und dabei geblitzt wurde:

"Ich habe dann mich geweigert, die Strafe zu bezahlen mit dem Argument, dass die Geschwindigkeitsbeschränkung ja nicht ordnungsgemäß kundgemacht ist. Die Ortstafel ist rechtlich gesehen eine Verordnung. Und eine Verordnung muss richtig kundgemacht sein. Und diese Ortstafel war nur deutsch beschriftet, sie hätte aber zweisprachig sein müssen. Es hat zwar sieben Jahre gedauert, aber dann hat mir der Verfassungsgerichtshof recht gegeben. Und er hat diese nur einsprachige Ortstafel von Sankt Kanzian/Skocian aufgehoben und entschieden: Ja, dort wo es durch längere Zeit zehn Prozent slowenische Bevölkerung gibt, müssen die Ortstafeln zweisprachig sein."

Jörg Haider hebelte das Gerichtsurteil aus

Da der Staatsvertrag von 1955 keine Prozentzahlen nannte, ab wann in einem gemischtsprachigen Gebiet zweisprachige Ortstafeln aufzustellen seien, erstreckte sich das unwürdige Gezerre um ihre Anzahl über Jahrzehnte. Und als Jörg Haider zum Landeshauptmann, also Ministerpräsidenten, aufgestiegen war, dachte er nicht daran, die Urteile des Verfassungsgerichtshofs umzusetzen.

Stattdessen hebelte der Chef der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei den Spruch des Verfassungsgerichtshofs rechtlich aus, indem er eine neue Verordnung erließ und die einsprachigen Ortstafeln eigenhändig um wenige Meter versetzte. Damit wären neuerliche Beschwerden beim Verfassungsgerichtshof notwendig geworden.

Dennoch kam es drei Jahre vor Haiders Unfalltod zu einer unerwarteten Einigung zwischen den einst erbitterten Gegnern, dem Zentralverband slowenischer Organisationen und dem Kärntner Heimatdienst, kurz KHD. Ihm steht seit dem Jahr des Ortstafelsturms 1972 der heute 80-jährige Josef Feldner vor, der von einem Paradigmenwechsel spricht, als sich 2006 die ehemaligen Kontrahenten in einer feierlichen Erklärung zu einem Klima des gegenseitigen Vertrauens verpflichteten.

"Wir haben uns nicht damit zufriedengegeben, dass wir einen Vorschlag in einer strittigen Frage positiv abliefern, sondern es gibt ja so viele Bereiche", sagt er. "Wir müssen das Zusammenleben fördern. Wir müssen wegkommen vom Gegeneinander, müssen wir hinkommen zum Miteinander und zum Füreinander, was natürlich der letzte Schritt wäre, die letzte Ausprägung. Wir haben intensiv in diesem Bereich gearbeitet, wurden dafür international auch ausgezeichnet, etwa mit dem europäischen Bürgerrechtspreis des Europaparlaments."

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Es dauerte dann zwar noch einmal fünf Jahre, bis das österreichische Parlament ein Verfassungsgesetz auf Grundlage der Einigung beschloss. Doch seit 2011 stehen gemäß der Vereinbarung in Südkärnten 164 zweisprachige Ortstafeln. Letztlich hatte man sich auf mindestens 17,5 Prozent slowenische Bewohner in einer Ortschaft geeinigt, damit diese einen Anspruch darauf hat. Seither gilt der Volksgruppenkonflikt in Kärnten offiziell als beigelegt. Der derzeitige Kärntner Landeshauptmann, der Sozialdemokrat Peter Kaiser, zeigt sich zufrieden:

"Ich glaube, der Streit, der ja immer wieder schlimmste Eskalationen hatte, bis zur eigentlich Verhöhnung des historischen Tatbestandes durch Verrückungen und damit dem vermeintlichen Schaffen neuer Tatbestände, ich glaube, in dieser Skurrilität und Brutalität ist er vorbei. Es ist aber trotzdem noch viel Verletzlichkeit, viel berechtigtes Begehren, viel an noch immer latent vorhandenen Widerständen vorhanden, aber auf kleinerer Ebene."

Immer noch Kritik an der Umsetzung der Minderheitenrechte

Kaiser ist selbst nicht zweisprachig, doch wird ihm allgemein hoch angerechnet, dass er seine Reden bei öffentlichen Anlässen mit einigen Sätzen in slowenischer Sprache beginnt. Auch haben seine beiden Kinder das slowenische Gymnasium in Klagenfurt besucht. Wenn heute auch nicht mehr so verächtlich auf das Slowenische geblickt wird wie früher, gibt es dennoch viel Kritik an der Umsetzung der Minderheitenrechte. So schreibt der Friedenspädagoge Werner Wintersteiner in dem Buch "Kärnten liegt am Meer":

"Wenn auf der einen Seite Erleichterung herrscht, dass es überhaupt zu einer Regelung gekommen ist, so ist das konkrete Ergebnis doch nur die Fortsetzung und Festschreibung des Feilschens um Prozentsätze, damit möglichst wenige symbolische Markierungen der realen Zweisprachigkeit herauskommen. Der Dialog ist auch ein Dialog zwischen denen, die teilweise noch in der Tradition der nach 1945 kulturell nicht wirklich überwundenen NS-Ideologie sozialisiert wurden und denen, die in Traditionen des Widerstands und des Partisanentums aufgewachsen sind."

Der Friedensforscher spricht deshalb von einer asymmetrischen Konstellation. Laut Rechtsanwalt Rudi Vouk ist die Liste an unerfüllten Minderheitenrechten immer noch lang. Der Slowenisch-Kärntner kritisiert insbesondere, dass die Einigung über die Ortstafeln nicht als einfaches, sondern als Verfassungsgesetz beschlossen wurde:

"Das heißt, er ist für uns unbekämpfbar. Das ist wirklich etwas Zynisches. Man schafft eine Verfassungsbestimmung, damit man Minderheitenrechte nicht mehr geltend machen kann. Normalerweise ist es ja umgekehrt. Man schreibt Minderheitenrechte in die Verfassung, damit die Minderheit geschützt ist. Man müsste wirklich einmal bereit sein herzugehen und sagen: Versuchen wir von dieser Volksgruppe zu retten, was man noch retten kann. Viel ist es ja nicht mehr, wenn man noch etwas machen will. Aber derzeit geschieht eben das Gegenteil: Man stellt die Kärntner Slowenen als Folkloreelement hin, aber wenn man nicht mehr tut, werden sie in ein paar Jahrzehnten verschwunden sein."

Die Hardliner haben den "Heimatdienst" verlassen

In der neuen, drei Jahre alten Kärntner Landesverfassung sind zwar nun erstmals die Slowenen als autochthone Volksgruppe erwähnt. Slowenisch ist aber nicht als zweite Landessprache festgeschrieben, kritisiert Vouk. Und sein Mitstreiter Valentin Inzko, Vorsitzender des Rats der Kärntner Slowenen, wiederum misstraut grundsätzlich dem Verhandlungspartner Kärntner Heimatdienst. Dieser habe sich zwar in den letzten Jahren gewandelt, nicht aber die eigene Geschichte aufgearbeitet.

"Der Heimatdienst hat jeden Monat eine Zeitung herausgegeben, die hat 'Ruf der Heimat' geheißen, wo systematisch das Thema vergiftet wurde und wo systematisch gegen die Kärntner Slowenen agitiert wurde. Der Heimatdienst war es auch, der den Ortstafelsturm organisiert hat, 1972. Das hat natürlich Folgen gehabt, und so ist die Minderheit geschrumpft und geschrumpft und geschrumpft."

Die slowenische Seite erwartet deshalb eine Entschuldigung von Josef Feldner, dem Vorsitzenden des Kärntner Heimatdienstes. Dieser musste aber erst mal seine Organisation auf den Richtungswechsel einschwören und sich aus den eigenen Reihen als Verräter beschimpfen lassen.

"Als wir diesen Kompromiss erzielten, als wir dann begonnen haben, eine Friedens- und Verständigungsarbeit zu machen, habe ich etwa ein Drittel meiner Funktionäre verloren", sagt Feldner. "Die sind ausgetreten. Das war natürlich ein Schritt, der mir und uns, die wir den neuen Weg gehen wollten, sehr entgegen gekommen sind. Denn wir haben dadurch immer weiterhin einstimmige Beschlüsse zuwege gebracht, weil, die Hardliner haben unseren Verein verlassen, sind dann großteils zum Kärntner Abwehrkämpferbund hin gewandert."

Slowenen sind nicht länger ein Feindbild

Dieser Traditionsverband der Abwehrkämpfer ignoriert diesbezügliche Interviewanfragen von Deutschlandfunk Kultur, ebenso wie die freiheitliche Partei Kärntens. Doch haben die verbliebenen Mitglieder beim Kärntner Heimatdienst ihre Ressentiments gegenüber Minderheiten wirklich abgestreift? Beim Durchblättern der Vereinszeitung entsteht der Eindruck, dass nun, nach dem Wegfall des Feindbildes Slowenen, besonderes Augenmerk auf unkontrollierte Zuwanderung und Asylmissbrauch gelegt wird.

Zweisprachiges Ortsschild in Kärnten. (Stefan May)Umkämpfte Zweisprachigkeit: Inzwischen gibt es 164 zweisprachige Ortsschilder in Kärnten. (Stefan May)

Obmann Josef Feldner sieht seine große Aufgabe heute in der Arbeit einer deutsch-slowenischen Kärntner Konsensgruppe, die das Versöhnungswerk vorantreiben will. Insbesondere das gemeinsame Totengedenken liegt ihm am Herzen: Heimatdienst auf der einen Seite, Kämpfer um die Nordgrenze aus Slowenien auf der anderen Seite.

"Vor zwei Jahren ist es uns erstmals gelungen, dass Vertreter dieser Kämpfer um die Nordgrenze nach Völkermarkt gekommen sind. Das ist ein Friedhof dort, und zwar der einzige Friedhof in Kärnten, wo Abwehrkämpfer, Volkswehrleute auf österreichischer Seite und Kämpfer um die Nordgrenze auf der Seite des damaligen SHS-Staates, der Serben, Kroaten und Slowenen, gemeinsam begraben sind, wo sich auch die Grabstätten nicht voneinander unterscheiden, nur durch die Namen. Und da haben wir ein Motto gefunden dafür, das lautet: Sie starben im Glauben an ihre Heimat. Das gilt jetzt für beide Seiten."

Wenn sich Gegensätze anziehen, vielleicht stoßen sich allzu große Ähnlichkeiten in der Mentalität ab? Das kann von außen besser beurteilt werden. Gegenüber vom Klagenfurter Hauptbahnhof steht das Geburtshaus von Robert Musil, dem Autor von "Der Mann ohne Eigenschaften". Hier hat das Robert-Musil-Institut seine Adresse und hier arbeitet Edith Bernhofer. Sie stammt aus Oberösterreich. Nach ihrem Umzug nach Kärnten begann sie, Slowenisch zu lernen. Ihre Kinder lernten in der Grundschule die Sprache, die man jahrzehntelang nicht laut sprechen durfte, ohne Gefahr zu laufen, von deutschsprachigen Kärntnern angepöbelt zu werden.

"Mehr als den Kärntnern bewusst ist, verbindet sie deutsch-sprachige und slowenisch-sprachige Kärntner. Im Kärntner Dialekt ist das Slowenische so zu Hause, in der Grammatik, im Satzbau. Wenn es früher geheißen hat: Kärntner spricht deutsch – es ist gar nicht möglich, weil das Slawische, die Struktur so vorhanden ist. Das fällt einem als von außen Kommender ganz stark auf. Und manchem ist es natürlich bewusst, aber wer als Kärntner im Dialekt spricht, spricht das Slowenische mit, würde ich einmal sagen."

Sie haben die gleichen Lieder

Die Ähnlichkeit manifestiert sich auch im Lied, das in Kärnten einen so hohen Stellenwert besitzt wie in kaum einem anderen österreichischen Bundesland:

Das Rosental wird von beiden Volksgruppen besungen, im Slowenischen kommen zu Roz, dem Rosental, noch das Jauntal, Podjuna, und das Gailtal, Zila, dazu. Gemeinsam sind den Kärntner Liedern beider Sprachen die Schwermut, die leise Trauer.

"Es gibt unzählige Lieder, die die Heimat besingen, die Kärnten besingen, das Elternhaus besingen", sagt Valentin Inzko vom Rat der Slowenen.

"Und die Kärntner Slowenen haben auch ununterbrochen Heimweh. So wie dann auch die Kärntner natürlich. Selbst wenn sie zu Hause sind, werden Heimwehlieder gesungen. Wir sind bei Kärnten geblieben, wir sind die First Nation, das bringt uns zwar nichts, aber wir waren die ersten Bewohner Kärntens. Es gibt auch die Kärntner Herzogeinsetzung, die war in slowenischer Sprache bis 1414."

Diese Melancholie, das Nachtrauern vergangenen, für die jeweilige Volksgruppe besseren Zeiten eint beide. Der Unterschied liegt in der Interpretation. Rechtsanwalt Rudi Vouk wirft den deutschsprachigen Kärntnern vor, unter Heimat ein Kärnten zu verstehen, das die Slowenen ausschließt:

"Für mich ist Kärnten natürlich trotzdem Heimat, im Slowenischen 'Domovina'. To je moja domovina, das ist meine Heimat. Genau darum geht's ja eigentlich auch, dass wir scheinbar nicht ganz die gleiche Vorstellung darüber haben, wie diese Kärntner Heimat eigentlich ausschauen soll."

2011 gewinnt eine Kärntner Slowenin den Bachmann-Preis

Dennoch, die Dinge sind in Bewegung gekommen. Man gehe aufeinander zu, sagt Edith Bernhofer vom Robert-Musil-Institut. Unübersehbar seit dem Ortstafelkompromiss von 2011.

"In diesem Jahr hat Maja Haderlap außerdem den Bachmann-Preis gewonnen, mit einer Geschichte, mit einem Auszug aus ihrem Roman "Engel des Vergessens", der ihre Geschichte und die Kärntner Geschichte erzählt, also ihre Familiengeschichte als Kärntner Slowenin. Und das hat meiner Meinung nach noch einmal etwas ausgelöst. Da war auf einmal eine Offenheit da, die mir vorher so nicht aufgefallen ist."

Porträt Maja Haderlap (imago / SKATA)Gewann 2011 den Bachmann-Preis: die Schriftstellerin Maja Hadelap gehört der slowenischen Minderheit Kärntens an. (imago / SKATA)

Maja Haderlap berichtet im Roman von einer bäuerlichen Familie, die ihr Leben lang vom Trauma des Geschehens während der Partisanenzeit im Zweiten Weltkrieg festgehalten wird. Im Buch schreibt die 59-jährige Autorin aus Bad Eisenkappel/Zelezna Kapla:

"Sobald die Partisanen aus den Gräben ins Licht der Kärntner Öffentlichkeit treten, verwandeln sie sich sowieso in etwas tragisch Verzerrtes. Kaum verlassen sie ihre vier Wände, betreten sie gegnerisches Gebiet. Sie müssen um ihren historischen Sieg kämpfen, als ob er ihnen nie zugestanden worden wäre. Sie haben nichts mit der überdimensionierten, nach vorwärts stürmenden und stählernen Ikonographie gemein, die jahrzehntelang das Bild des Partisanen in der jugoslawischen und in der slowenischen Öffentlichkeit prägte. Sie wirken im Gegenteil wie Findlinge, die man aus der Revolutionsgeschichte fallen ließ."

Vielleicht ist es auch eine Generationenfrage. Manuel Jug, der Obmann des Zentralverbands slowenischer Organisationen, ist erst 23 Jahre. Sein Verband kommt aus der sozialistisch-kommunistischen Tradition der Partisanen und steht heute den Sozialdemokraten nahe. Jug denkt zuversichtlich, selbstbewusst, aber nicht trotzig, wenn er die Zukunft der Zweisprachigkeit erwähnt.

"Es bietet einem mehr Chancen, also man ist in einer halben Stunde in Ljubljana, in Slowenien. Es hilft einem am Arbeitsmarkt, also sehr viele Betriebe suchen auch Personen, die zweisprachig sind, aufgrund der Grenznähe und der wirtschaftlichen Verbindungen. Und es ist natürlich auch ein enormer Vorteil für Menschen, desto mehr Sprachen man kann."

Lange Zeit galt Slowenisch als rückständig

Es gibt noch eine Slowenen-Organisation. Ihr Vorsitzender Bernard Sadovnik ist Bürgermeister der zweisprachigen Gemeinde Globasnitz/Globasnica. Eine Episode mit der nationalen Gesinnungsgemeinschaft, die ihre Erinnerung an die Kämpfe 1918/19 hochhält, weist in eine bessere gemeinsame Zukunft.

"Dann habe ich bei der letzten Jahreshauptversammlung des Abwehrkämpferbundes in meiner Gemeinde erlebt, dass ich vom Bezirksobmann in seiner Ansprache auf Slowenisch angesprochen worden bin. Hätte sich keiner erwartet. Und ich habe ihn dann gefragt, wieso er das getan hat. Da sagt er: Das ist meine Wertschätzung gegenüber der zweiten Landessprache."

Lange Zeit galt Deutsch als Sprache des Fortschritts und Slowenisch als rückständig. Bernard Sadovnik erinnert sich, was seine Schwester und sein Vater erleben mussten: als dieser die Tochter zum Slowenisch-Unterricht in der Schule anmelden wollte, drohte ihm der Dienstgeber: wenn er das mache, werde er Anstellung und Mietwohnung verlieren. Der Vater meldete die Tochter dennoch an und verlor danach Job und Wohnung. 100 Jahre nach einer Volksabstimmung, die einen Riss und viel Feindschaft in Kärnten verursacht hat, scheint die Versöhnung beider Seiten nur zögerlich voranzukommen.

"Ich selbst stamme väterlicherseits von der Persman-Familie ab, wo man kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein Massaker an der Familie verübt hat", sagt Sadovnik. "Ich habe dort sehr viele von meinen Verwandten, Familienmitgliedern verloren. Und diese Opfer waren nicht umsonst. Alle diese Opfer haben dazu beigetragen, dass wir heute in Frieden in einem demokratisch gefestigten Land leben können und dass letztendlich auch der Staatsvertrag unterzeichnet worden ist."

Ein lieb gewonnenes Feindbild geht verloren

Landeshauptmann Peter Kaiser sagt, dass Sprache, die einmal Trennendes bedeutete, heute für Verbindendes stehe:

"Ich glaube, der Prozess, der diesem Verbum Verheilen innewohnt, ist ein sehr gut auf die Situation treffender. Ich glaube, dass hier die Zeitspanne, das gemeinsame Jetzt in einem gemeinsamen Staatenkomplex wie der Europäischen Union vieles positiv beeinflusst, manches beschleunigt."

Superintendent Manfred Sauer erkennt zudem einen Imagewandel, den das Slowenische in Kärnten während der letzten Jahre erfahren hat.

"Wir haben mit einer slowenischen Sprach- und Volksgruppe einen unglaublichen Schatz, der ja auch identitätsstiftend für das Dreiländereck ist. Da ist eine Kultur, die ganz wesentlich hier den gesamten Alpen-Adria-Raum und speziell auch den Kärntner Raum historisch mitgeprägt hat."

Viele Ursachen für die Klimaverbesserung im Land liegen in den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen außerhalb Kärntens. Da das Nachbarland Slowenien keine Gebietsansprüche in Kärnten mehr stellt, besteht auch kein Grund mehr, der Kärntner Urangst nachzuhängen. Deshalb meint Josef Feldner vom Heimatdienst:

"Für viele auf der deutschsprachigen Seite, aber auch auf der slowenischen Seite hat man so das Gefühl, es ist ein liebgewonnenes Feindbild verloren gegangen, an dem man festhalten konnte. Und das gibt es nicht mehr. Also, man hat eine Aufgabenstellung verloren. Wir können heute sagen: Die Zustimmung zu unserem Weg der Verständigung, der Versöhnung ist so groß, dass von einem Widerstand eigentlich nichts mehr zu merken ist."

Die Zuneigung zueinander muss noch wachsen, aber die Liebe geht auch durch den Magen, bestätigt der Verleger Lojze Wieser aus Klagenfurt/Celovec.

"Tatsache ist, dass in den Rezepturen der Speisen alle diese gemeinsamen Verbindungen eigentlich existieren."

Lojze Wieser muss es wissen. Er hat ein Buch über die Küche der Region auf Deutsch, Slowenisch und Italienisch herausgebracht, das den Titel trägt: "Geschmackshochzeit – die Vermählung von Alpen und Adria".

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